Kritik zu Das Hochzeitsvideo

© Constantin

Was eigentlich ist an Hochzeiten und ihrer mühseligen Vorbereitung so lustig? Eine Frage, die Sönke Wortmanns neue Komödie nur sehr indirekt und nicht unbedingt positiv beantwortet . . .

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In dieser Jubiläumszeit, in der die Oberhausener und ihr Manifest wieder in aller Munde sind, lohnt sich durchaus auch mal ein Blick zurück auf das Kino, dem die Unterzeichner damals sein Ableben bescheinigt haben. Der »alte Film«, der für tot erklärt wurde, das waren die Heimatfilme und Revuen, die leichten Komödien und schweren Melodramen der 50er, auf denen das Erbe der NS-Zeit noch schwer wog. Aber letztlich hält diese Pauschalisierung einem genaueren Blick kaum stand. Der alte Film, das waren eben auch die subversiven Arbeiten von Will Tremper, Helmut Käutner, Robert Siodmak, Georg Tressler, Rudolf Jugert und vor allem Rolf Thiele.

Kein anderer Filmemacher hat in den 50er und 60er Jahren dem deutschen Spießer derart konsequent den Spiegel vorgehalten wie Rolf Thiele. Seine dekadenten Literaturverfilmungen und burlesken (Sex-)Farcen zeigten bitterböse Zerrbilder, in denen sich die Gewinnler des Wirtschaftswunders wie auch die tausendjährigen Stützen der Gesellschaft nur zu gut erkennen konnten. Zugleich hat er mit ihnen auch eine Tradition begründet, die über die Soft-Sex-Filme der 70er direkt zu Sönke Wortmanns Das Hochzeitsvideo führt.

Wortmanns Fake-Found-Footage-Komödie einer Hochzeit und ihrer Vorbereitungen sucht zwar geradezu verzweifelt die Nähe zu Hollywoodproduktionen à la Hangover und Brautalarm. Sie steht mit ihrem stereotypen Personal, in dem weder die versteinerten Adeligen noch die verpeilten Alt-68er fehlen dürfen, aber auch in der Reihe heimischer Filme, die einst bei Rolf Thiele begann. Nur fällt Wortmann in jeder Szene hinter Thiele zurück. Was einst entlarvend war, der grelle Humor und die derben Eindeutigkeiten in Thieles Filmen, wirkt nun nur noch affirmativ. Das Bionade- Biedermeier karikiert seine abstrusen Feindbilder und feiert sich darüber selbst.

Vor ein paar Monaten haben sich Pia (Lisa Bitter) und Sebastian (Marian Kindermann) kennengelernt. Nun wollen sie heiraten, und Daniel (Martin Aselmann), Sebastians bester Freund, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde, soll das Hochzeitsvideo drehen. Pia ist das Kind einer Späthippie-Patchworkfamilie erfüllt, und arbeitet bei einer Plattenfirma. Sebastian ist Pilot und der Spross eines so alten wie arroganten Adelsgeschlechts. Mehr lässt sich über die beiden beim besten Willen nicht sagen. Das Drehbuch verrät einfach nicht mehr über sie. Auch Lisa Beckers und Marian Kindermanns unverbrauchter Charme hilft nichts. Erwähnenswert wäre höchstens noch, dass Pias Ex (Simon Eckert) unter dem Namen »Carlos, die Keule« Pornos dreht.

Das ist dann aber auch schon der absolute Höhepunkt an Verderbtheit in diesem schauerlichen deutschen Idyll zwischen Düsseldorfer Altstadt und ehemaligem SS-Schloss. Dass sich Wortmann der extremen Geschmacklosigkeiten der amerikanischen Ekelkomödien enthält, wäre eigentlich sympathisch, wenn nicht nahezu jeder zotige Gag und jede moralische Wendung des Films von eben dem kleinbürgerlichen Spießertum zeugte, dem Rolf Thiele einst den Kampf erklärt hat.

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