Kritik zu Das große Rennen

© Farbfilm Verleih

Die gute alte »Seifenkiste« steht im Zentrum dieses Films, den der Berliner Regiedebütant André F. Nebe mit englischsprachigen Schauspielern größtenteils in Irland gedreht hat

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Der Traum ungezählter Kindertage: einmal im eigenen fahrbaren Untersatz so richtig losdüsen, die Berge hinabrasen und sich den Fahrtwind um die Ohren sausen lassen. Das funktioniert auch heute noch am besten mit der selber gebauten Seifenkiste, einem Gefährt, das im Wesentlichen aus vier Rädern und irgendeinem Sitz dazwischen besteht. Die meisten Bastler lassen sich wildeste Konstruktionen einfallen, je nach Vorlieben und technischem Können.

Um die Verwirklichung der eigenen Träume geht es in dem Debütfilm von André F. Nebe »Das grosse Rennen«. Die elfjährige Mary und ihr bester Freund Tom können noch so sehr gehänselt und gepiesackt werden in der Schule, nichts kann sie verunsichern oder aus der Bahn werfen, denn sie haben eine gemeinsame Passion: das Konstruieren und Entwerfen ihrer individuellen Seifenkisten, mit denen sie gegeneinander antreten und die Wiesen hinunterjagen oder darum wetteifern, wer die besseren Räder hat. Als dann ein großes Kat-Rennen angekündigt wird, ist klar: Daran müssen sie teilnehmen! Mary als oft gehänseltes und einziges Mädchen steht da unter besonderer Beobachtung und sie wettet mit ihrem fiesesten Quäler unter den Jungs, dass er sie bei einem Sieg ihrerseits von da an in Frieden lassen wird.

Es geht hier aber nicht ausschließlich um die Träume der Kinder, sondern auch um die der Eltern. Verpasste Chancen und falsche Entscheidungen holen Marys Eltern plötzlich ein. Einst träumten sie von einer glücklichen Zukunft auf ihrem Bauernhof, nun macht ihnen die Landwirtschaftskrise zunehmend Sorgen und die Mutter erinnert sich plötzlich an ihre Ambitionen, an ihre künstlerischen Talente und daran, dass sie diese Visionen für ihre große Liebe aufgegeben hat. In finanziell schweren Zeiten besinnt sie sich nun wieder mehr auf sich selber, anstatt immer an die anderen zu denken und auszuhelfen. Ihr wird auch die eigene Unzufriedenhiet mit ihrer Ehe bewusst, mit den alltäglichen Gewohnheiten und Ungerechtigkeiten.

Es macht die Stärke des Films aus, dass er nicht auf ein einfaches Happy End setzt, sondern zeigt, dass Konflikte zwischen den Eltern nicht immer im Sinne der Kinder zu lösen sind und es unerwartete Entscheidungen gibt. Gleichzeitig gelingt es Mary, an diesen Konflikten zu wachsen und um ihre Träume, die nun umso wichtiger sind, zu kämpfen. Dabei gewinnt sie auch die Anerkennung ihres Vaters, der bisher in ihr nur das kleine Mädchen gesehen hat, ihr aber jetzt eine ganz eigene Rolle zugesteht und sich in der familiären Krise der Verantwortung als Vater bewusst wird. Sie werden ein Team, das nun ein gemeinsames Ziel vor Augen hat: Marys Sieg beim Kat-Rennen! Genauso wie ihre Mutter wieder ein Ziel vor Augen hat, das nichts mehr mit dem Hof, dem Vater oder Mary zu tun hat.

Angesiedelt in satt-grüner, irischer Landschaft, wie man sie aus den eigenen Klischeevorstellungen kennt, nimmt uns die Story mit in eine vergangene Zeit, in der es noch Seifenkistenrennen gab und die Welt noch in Ordnung scheint – bis ganz allmählich hinter der idyllischen Fassade die brüchigen Realitäten zum Vorschein kommen.

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