Kritik zu Das große Heft

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Barbarische Zeiten: Der ungarische Regisseur János Szász hat den 1986 ­erschienenen ungewöhnlichen Kriegsroman der ungarisch-schweizerischen Autorin ­Ágota Kristóf verfilmt

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Sie sollen überleben, um jeden Preis, und sie sollen das, was sie erleben, in einem großen Schulheft festhalten. Diese beiden Aufgaben haben die Zwillinge von ihren Eltern erhalten. Es herrscht Krieg. Der Vater ist an der Front. Die Stadt, in der die beiden aufgewachsen sind, wird bombardiert. Also bringt die Mutter ihre 13-jährigen Söhne zu ihrer Mutter, die einen kleinen Hof nahe der Grenze hat. 
 
Überleben, das bedeutet in diesen Tagen zunächst einmal, stumpf zu werden, alles zu sehen und alles zu ertragen, aber nichts an sich heranzulassen. In der Hinsicht ist die Großmutter, die von allen im Dorf nur »Hexe« genannt wird, die ideale Lehrerin. Sie lässt die Zwillinge nicht nur schwer arbeiten, sie schlägt und beleidigt sie auch. Aber das genügt den beiden noch nicht. Also entwickeln sie ihre eigenen erniedrigenden Übungen, bis jeder Schmerz aus ihnen gewichen ist.
In den Momenten, in denen sich die von László und András Gyémánt gespielten Zwillinge gegen die Welt und ihre Gefühle abhärten, fängt János Szász’ Kinoadaption den Geist von Agota Kristofs erschreckend unsentimentalem Roman »Das große Heft« tatsächlich in Bildern ein. In dem stoischen Spiel der beiden Kinodebütanten, das keine Rückschlüsse auf ihre Empfindungen zulässt, und in ­Christian Bergers kalten Filmbildern, aus ­denen alle Farben wie die Emotionen herausgeblutet sind, spiegelt sich Kristofs fast schon gläserne Prosa.
 
Doch der Eindruck täuscht. An sich könnte Szász’ Verfilmung kaum weiter von ihrer Vorlage entfernt sein. Während Ágota Kristóf mit den einfachsten Mitteln arbeitet und in kurzen, präzisen, alles Vage ausblendenden Sätzen die Beobachtungen und Erfahrungen der Zwillinge einfängt, fährt Szász das ganze Arsenal des Kinos auf. Selbst das »große Heft« der Zwillinge erweckt er mittels Animation zum Leben. So treten die von den Jungen zerquetschten Käfer – Teil ihrer »Übungen« – an die Stelle der Leichenberge im nahen KZ.
 
Diese Verschiebung, in der sich auch eine absonderliche Gleichsetzung andeutet, ist geradezu typisch für Szász’ Annäherung an den Roman. Während Kristof in den Schilderungen extremster Gewalt noch sachlich bleibt, neigt der ungarische Filmemacher zum Symbolischen. Ständig überhöht er das Geschehen durch suggestive Kadrierungen oder extrem manipulative musikalische Untermalungen.
 
Natürlich ist das Heft, das die Zwillinge mit ihren Erlebnissen füllen, ein Dokument barbarischer Zeiten. Der Krieg und später die Besatzung durch die sowjetischen Befreier provozieren nichts als Gräuel und Leid, die Szász pittoresk ins Bild rückt. Sein Blick in die Abgründe der Seele erweist sich allerdings als zutiefst spekulativ. So vermischen sich Abscheu und Faszination, Entsetzen und Ästhetizismus auf eine fast schon ausbeuterische Weise. Szász’ Exploitation-Kunst spielt mit der Schaulust des Betrachters und verliert dabei alles andere aus dem Blick. Unmenschliche Zeiten produzieren dämonische Menschen. Ist es wirklich so einfach?

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