Kritik zu Das gelbe Segel

© X-Verleih

2008
Original-Titel: 
The Yellow Handkerchief
Filmstart in Deutschland: 
19.11.2009
L: 
96 Min
FSK: 
12

Packen Sie Taschentücher ein: Wer sich an den Song vom »Yellow Ribbon « erinnert, weiß, wie es endet: William Hurt im Z entrum eines melancholischen Roadmovies

Bewertung: 4
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oadmovies sind interessant, weil die konventionelle Form der Narration durch die Logik der Fortbewegung ersetzt wird. In Das gelbe Segel gelingt eine überraschende Synthese zwischen der episodischen Erzählweise und einer klassischen Spannungsdramaturgie. Inspiriert durch das japanische Roadmovie The Yellow Handkerchief von Yoji Yamada aus dem Jahr 1977, entwirft Udayan Prasad, der als Neunjähriger aus Indien nach Großbritannien kam, eine wundervolle Figur, von der die Spannung ausgeht: William Hurt spielt den vom Leben gezeichneten Exsträfling Brett. Wenn sein Blick nach sechs Jahren Gefängnis erstmals über die Landschaft streift, dann ist die Mischung aus Euphorie und Angst vor dem, was kommt, direkt spürbar.

An einer Tankstelle lernt Brett in den beiden Teenagern Martine und Gordy zwei Seelenverwandte kennen. Martine, die schräg und zerbrechlich wirkt wie die junge Juliette Lewis, kann es nicht verkraften, dass ihr erstes Mal für ihre große Liebe nur ein Ausrutscher im Suff war. Und der linkische, junge Gordy, der bei den Indianern aufwuchs, kokettiert damit, ein Freak zu sein. Ziellos zieht er mit dem Cabrio umher, weil er sich nirgendwo zugehörig fühlt. Die drei bilden eine Notgemeinschaft und fahren durch die Mangrovensümpfe Louisianas, die wie eine Art Garten Eden erscheinen, der immer wieder nahtlos in einen Schrottplatz übergeht.

Die sich anbahnende Liaison zwischen Gordy und Martine droht an ihrer Unerfahrenheit zu scheitern. Wenn Brett zwischen den beiden als väterliche Figur vermittelt, so funktioniert das nur, weil William Hurt diesen Charakter mit dosierter Mischung aus Intensität und Zurückhaltung spielt. So werden Gordy und Martine – stellvertretend für den Zuschauer – neugierig auf seine Vergangenheit, die der Film in gestaffelten Rückblenden aufrollt: Der Ölarbeiter Brett verliebte sich einst in die attraktive May, die trotz ihrer Verletzlichkeit als taffe, souveräne Frau auftritt. Maria Bello, eine der letzten noch nicht operierten Frauen Hollywoods, verkörpert diesen Ausgangs- und Zielpunkt der Reise. Die Liebesgeschichte zwischen Brett und May ist ein berührendes Unterschichtsmelodram. Kamera und Erzählung bewahren eine diskrete Distanz zu diesen beiden gebrochenen Figuren, denen ein Rest von Geheimnis anhaftet, weil nicht all ihre Schwächen ausbuchstabiert werden.

Angelehnt an den gängigen Song »Tie a Yellow Ribbon ’Round the Old Oak Tree«, erzählt das Roadmovie eben nicht einfach nur das »alte« Lied. Kameramann Chris Menges fotografiert die Reise durch eine Welt, in der Alligatoren auf der Straße ganz normal sind. Dank der melancholischen Grundstimmung bleibt am Ende die Lesart möglich, dass Brett vielleicht noch immer im Gefängnis harrt, von wo aus er die berührende Geschichte einer »zweiten Chance« als Tagtraum fantasiert.

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