Kritik zu Creed – Rocky's Legacy

© Warner Bros

Ryan Coogler gelingt es mit seinen Stars Michael B. Jordan und Sylvester Stallone, dem aus der Puste gekommenen »Rocky«-Franchise neues Leben einzuhauchen. Der Geschichte um den Jungboxer Adonis Creed fügt er ein facettenreiches Gewebe aus Beziehungen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängsten hinzu

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Der Mythos »Rocky« begann vor fast 40 Jahren im Kino. Unzählige sind seither zu den Klängen von »Gonna Fly Now« beim Training durchgestartet und haben dabei an die ikonische Szene gedacht, in der Sylvester Stallones Rocky in grauen Sweatpants die 72 Stufen zum Museum of Art in Philadelphia hinaufrennt und, oben angekommen, die Arme in die Luft wirft. In insgesamt fünf Fortsetzungen haben die Betreiber des Franchise versucht, den Mythos am Leben zu halten, und sind dabei zuletzt über die bloße Selbstparodie nicht mehr hinausgekommen. Mit »Creed« aber beginnt ein neues Kapitel.

Dabei ist die Geschichte schnell erzählt: Adonis Creed (Michael B. Jordan), illegitimer Sohn von Rockys Nemesis und Freund Apollo Creed (Carl Weathers), ist ein Naturtalent. Das zeigt sich schon in der ersten Szene, als er in einer Jugendstrafanstalt wegen eines Kampfes mit einem größeren Jungen in Einzelhaft kommt. Er hat ein paar Schrammen, aber sein Wille ist ungebrochen. Das muss auch Mary Anne Creed (Phylicia ­Rashad), Apollos Witwe, akzeptieren, die den Jungen über seine Herkunft informiert, ihn adoptiert und ihm damit eine Alternative zu seinem Leben in Heimen und Gefängnissen bietet. Und tatsächlich, ein Zeitsprung offenbart, dass Adonis es geschafft und etwas aus seinem Leben gemacht hat. Er arbeitet in einer Bank, wird befördert und hat Menschen um sich, die ihn mögen. Doch eines Tages wirft er alles über Bord, nach einem Wochenende, das er mit Amateurboxen in Mexiko verbracht hat. Er macht sich nach Philadelphia auf, um seiner wahren Leidenschaft nachzugehen, und, so seine Hoffnung, mit Rockys Hilfe zum Profiboxer zu werden. Rocky selbst aber ist in die Jahre gekommen. Davon, Adonis zu trainieren, will er anfangs nichts hören. Vom Boxen hat er sich schon lange zurückgezogen. Aber natürlich bleibt Adonis hartnäckig...

Von da an folgt »Creed« in vielem seiner Vorlage. In wunderbar geschnittenen Trainingsmontagen zu einem neuen Soundtrack (in dem manchmal das alte Rocky-Thema durchzuhören ist) rennt Adonis durch die Straßen Philadelphias. Vieles hat direkten Wiedererkennungswert: die Hochbahn, die Schiffe auf dem Fluss, Philadelphias Skyline, das italienische Viertel, die Brücke im Fairmount Park, das »Eagles« Graffitti. Und natürlich führt alles am Ende auf den großen Kampf hin, in dem Adonis sich beweisen muss.

Die Boxszenen sind erbarmungslos detailreich inszeniert: Blut spritzt, Gesichter verziehen sich unter der Wucht der Schläge, Augen schwellen zu, Adonis geht in Slow Motion zu Boden. Doch nicht nur im Boxring ist »Creed« ein ungeheuer »sinnlicher« Film. So meint man in den Alltagsszenen die Boxstudios fast riechen zu können, so wie man die »Philly Cheesesteak Sandwiches« geradezu schmecken kann. Häuser, Wohnungen, Clubs, Restaurants, Boxstudios, Straßen – alle gezeigten Orte und Räumlichkeiten haben ihren eigenen unverwechselbaren Charakter und erzählen damit etwas über die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten. Rockys Haus ist gefüllt mit Erinnerungen an Menschen, die dort schon lange nicht mehr leben, er selbst wirkt darin wie zurückgelassen. Adonis' Apartment ist bis auf eine Matratze leer, dunkel und unwirtlich, als habe er seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden.

So ist »Creed« eben nicht nur ein Boxerfilm, sondern auch ein Film übers Altern und übers Erwachsenwerden. Über Familie, Liebe, Krankheit und Vergänglichkeit. »Die Zeit nimmt alles, die Zeit ist unbesiegbar«, sagt Rocky zu seinem Schützling, und fast hat man das Gefühl, als spräche der Schauspieler Stallone da auch zu seinem eigenen Spiegelbild.

Am Ende schlägt der Film noch einmal eine visuelle und emotionale Brücke zu jener ikonischen Szene aus »Rocky«. Der alte und der junge Boxer erklimmen Schritt für Schritt die 72 Stufen. Adonis kraftvoll und behände; Rocky langsam, aber mit Entschlossenheit. Er hat noch lange nicht aufgegeben.

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