Kritik zu Coyote vs Acme
Fast in Warner Bros. Giftschrank verschwunden, dank Fanprotesten nun endlich im Kino: Dave Greens smarter, komischer und mitreißender Cartoon-Real-Hybridfilm nimmt seinen Irrsinn ernst und verbindet die Sisyphosgeschichte mit einer zündenden Konzernsatire.
Wile E. Coyote rennt los, über das Kliff, stürzt in die Schlucht. Unten eine kleine Staubwolke, schon steht er wieder oben und springt erneut. Wortlos. Sein Anwalt (Will Forte) steht da und versucht zu begreifen, was der Kojote ihm da demonstriert. Ein Dasein aus genau dieser Abfolge von Scheitern, Aufstehen und Weitermachen. In den von Chuck Jones inszenierten Looney-Tunes- Kurzfilmen war diese Unzerstörbarkeit die Grundvoraussetzung für den nächsten fiessaukomischen Gag. Der Cartoon-Real-Hybridfilm Coyote vs. ACME macht nun die Lebensphilosophie dahinter zum Programm. Ein vom Pech verfolgter Präriewolf mit Raketenschuhen als Sisyphos der Popkultur. Aber einer, der die Schnauze voll davon hat, dass ihm die ACME-Produkte ständig um die Ohren fliegen – und deshalb den Hersteller verklagt.
Fast wäre der Film selbst nicht wieder hochgekommen. Warner Bros. Discovery wollte die rund 70 Millionen Dollar teure, fertige Produktion 2023 als Steuerabschreibung im Giftschrank verschwinden lassen. Doch Filmschaffende und Fans protestierten lautstark, Warner gab den Film schließlich zum Verkauf frei. 2025 erwarb Ketchup Entertainment die Rechte für etwa 50 Millionen Dollar. Nun kommt der Film weltweit ins Kino.
Dreister hätte Samy Burch die Metaebene kaum erfinden können. Ihr Drehbuch handelt von einem Außenseiter, der einen Konzern verklagt, weil dieser Profit über Verantwortung stellt. Gleich zu Beginn wird die Warner Animation Group als Tochter der ACME Corporation ausgewiesen. Man versteht plötzlich, warum ACME so viel Dynamit führt. Nach Jahrzehnten erfolgloser Jagd auf den Road Runner hat Wile E. genug von Magnethandschuhen, Katapulten und Bomben, die nur ihren Käufer treffen. Er engagiert den heruntergekommenen Schadensersatzanwalt Kevin Avery und verklagt den Hersteller. ACME antwortet mit einer Wand aus Anwälten. An ihrer Spitze steht Buddy Crane (John Cena), der als Corporate-Muskelprotz selbst wie eine Cartoonfigur wirkt. Kevins Nichte Paige (Lana Condor) drängt ihren Onkel, sich diesmal nicht abspeisen zu lassen. Die Idee dazu stammt aus Ian Fraziers 1990 im »New Yorker« erschienenem, in trockenem Juristensprech verfasstem Satirestück »Coyote v. Acme«. Burch macht daraus Gerichtsfilm, Verschwörungskomödie und Aufstand gegen die Konzernherrschaft. Das Beste daran: Der Irrsinn wird vollkommen ernst genommen. Wile E. bleibt stumm. Er kommuniziert über Schilder, Blicke und einen Körper, der sich dehnen, verkohlen und wie eine Ziehharmonika zusammenquetschen lässt. Zum Kuschelmaskottchen wird er nicht. Schließlich verfolgt er den Road Runner noch immer, um ihn zu verspeisen. Regisseur Dave Green verbindet die zweidimensionalen Figuren geschmeidig mit der Realwelt von Albuquerque. Ein gezeichnetes Klavier zerquetscht ein reales Auto, Cartoon-Geschosse schlagen in Häuser ein, Menschen und Toons teilen sich Gerichtssaal und Motelzimmer. Es ist eine Welt mit gemeinsamer Schwerkraft, für die Toons eher eine unverbindliche Empfehlung. Am schönsten sind die Momente, wenn beide Ebenen frontal zusammenkrachen, etwa die Rube-Goldberg-Apparatur, die morgens den schlaftrunkenen Kevin einkleidet. Daffy Duck liefert eine Zeugenaussage, an der selbst er verzweifelt, Bugs Bunny betätigt sich als Informant, Foghorn Leghorn als Firmenpatriarch und der Tasmanische Teufel, konsequent zu Ende gedacht, als PR-Chef. Und ja, auch Road Runner kommt angeflitzt.
Besonders gut zündet die Konzernsatire. ACME verkauft nicht nur Falltüren und dehydrierte Felsbrocken, sondern beherrscht jeden Lebensbereich. Der Konzern spricht von Familienwerten und meint seine Tochterunternehmen. Menschen bekommen funktionierende Ware, Toons den Ausschuss. Monopol und politischer Einfluss führen bis zu einer Anhörung im US-Senat unter Vorsitz von Elmer Fudd. Dass der nicht gut hört, gehört zu den kleineren Problemen der Demokratie. Coyote vs. ACME ist viel smarter, komischer und mitreißender, als es ein aus der Konzernbuchhaltung geretteter Markenfilm sein müsste. Am Ende gewinnt der Kojote seine Würde nicht, indem er siegt, sondern indem er nach jedem Aufprall wieder oben am Abgrund steht. Diesmal hat es sogar sein Film geschafft. Meep, meep.







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