Filmgeschichte: John Woo
»Hard Boiled« (1992). © Rapid Eye Movies
John Woo gilt als prägende Regiepersönlichkeit des modernen Hongkongkinos. Marcus Stiglegger über den »Maverick Director«, der sich selbst im Studiosystem Hollywoods einen unverwechselbaren Stil bewahrte
Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?
In »The Killer« (1989) findet sich alles, was Woo ausmacht: melancholische Helden, Freundschaft zwischen Gegnern, stilisierte Gewalt und eine Bildsprache, die Action als Tragödie liest. Der Film ist Thriller, Liebesgeschichte und Oper zugleich. Das spätere weiblich transformierte Remake (2024) kann nicht mithalten.
Was halten alle für sein Meisterwerk?
Für viele ist das »Hard Boiled« (1992), der nun wieder ins Kino kommt. Das legendäre Krankenhausfinale mit seiner scheinbar endlosen Plansequenz gehört bis heute zu den Höhepunkten des Actionkinos. Hier treibt Woo seinen performativen Inszenierungsstil zur Vollendung – Polizei gegen Gangster in einer endlosen Zeitlupenchoreografie.
Welcher Film liegt mir am meisten am Herzen?
Hinter der Geschichte dreier Freunde im Vietnamkrieg aus »Bullet in the Head« (1990) verbirgt sich ein erschütternder Film über den Verlust von Idealen. Selten war Woo politischer, bitterer und menschlicher – »Heroic Bloodshed« als »Male Melodrama«.
An welche Szene muss ich immer wieder denken?
Das Finale von »The Killer« in der Kirche. Weiße Tauben, flackerndes Kerzenlicht und Kugelhagel verschmelzen zu einer performativen Ursituation des Kinos. Gewalt erscheint hier zugleich als Tragödie und Erlösungssehnsucht.
Was macht er anders als die anderen?
Weniger der Kampf interessiert ihn als die Beziehung der Kämpfenden: Die Rivalen erkennen sich bei ihm im Gegner wieder, ihre Loyalität zählt mehr als der Sieg. Seine Zeitlupen und die berühmten »Gun-Fu«-Sequenzen machen Action zu seiner emotionalen Sprache. Auch Hollywoodfilme wie »Windtalkers« (2002) mit Nicolas Cage und der monumentale Historienfilm »Red Cliff« (2007) sind von dieser opernhaften Handschrift geprägt.
Welcher Film traf den Nerv seiner Zeit besonders?
»Face/Off – Im Körper des Feindes« (1997) verband Woos Stil perfekt mit dem Hollywoodkino der 1990er Jahre. Am zeitlosesten wirkt jedoch »The Killer«: Seine emotionale Direktheit und visuelle Eleganz haben nichts von ihrer seduktiven Kraft verloren.
Welcher ist der zu wenig gewürdigte seiner Filme?
»A Better Tomorrow II« (1987): Vom Vorgänger überschattet, ist er größer, exzessiver und emotionaler. Sein überbordendes Pathos macht ihn sperrig, aber gerade deshalb einzigartig. John Woos Kino zeigt, dass Action weit mehr sein kann als Spektakel: Jede Kugel wird bei ihm zu einer moralischen Entscheidung, jede Konfrontation erzählt von Freundschaft, Verrat und Opferbereitschaft. Seine besten Filme bleiben deshalb weniger aufgrund ihrer Gewalt im Gedächtnis als wegen ihrer zutiefst menschlichen Dimension.
»Hard Boiled« mit Chow Yun-Fat und Tony Leung kommt am 10.9. in restaurierter 4K-Fassung ins Kino, am 29.10. folgt »The Killer«, ebenfalls mit Chow Yun-Fat sowie Danny Lee und Sally Lee. Zahlreiche weitere Filme von John Woo, darunter alle erwähnten, sind auf VoD und auf Streamingplattformen verfügbar.







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