Kritik zu Christo – Walking on Water

© Alamode Film

Der bulgarische Regisseur Andrey Paounov kompiliert aus rund 600 Stunden Material höchst erkenntnisreich die Chronik der Floating Piers von Christo

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Diese Kunstwerke zu sehen, kostet keinen Eintritt. Sie lassen sich nicht konservieren und existieren nur eine begrenzte Zeit: So haben Christo und Jeanne Claude unter anderem Inseln vor Miami pink umrandet, einen Abschnitt der australischen Felsküste verhüllt, den Berliner Reichstag silbern und den Pariser Pont Neuf golden verpackt, einen Vorhang in den Bergen von Colorado gespannt, einen Stoffzaun durch Kalifornien gezogen und blaue und gelbe Schirme in Amerika und Japan aufgestellt. Die Kunstwerke von Jeanne Claude und Christo sind einzig dazu da, von Menschen vor Ort erlebt zu werden, sie zu verzaubern und zu beglücken. Einer Dokumentation, die eines dieser flüchtigen Kunstwerke in ihrer aufwendigen Entstehung und kurzen Existenz begleitet, kommt da eine ganz besondere Bedeutung zu. Nach Dokumentationen über das Umbrellas-Projekt und den Valley Curtain begleitet »Christo – Walking on Water« mit den Floating Piers ein besonders fotogenes Projekt: Im Sommer 2016 verbanden drei Kilometer goldorange schillernde Stege das am Ufer des norditalienischen Iseosees gelegene Örtchen Sulzano mit zwei vorgelagerten Inseln.

Aus rund 600 Stunden vorgefertigtem Material hat der bulgarische Regisseur Andrey Paounov eine Chronik der Ereignisse kompiliert, von der heißen Phase der Planung, über den aufwendigen Aufbau der gut 200 000 miteinander verbundenen Plastik-Pontons bis zur Eröffnung und danach über die sechzehn Ausstellungstage hinweg bis zur Schließung. Der Film klinkt sich ein, als Christo, der seit dem Tod seiner Frau im Jahr 2009 solo arbeitet, im riesigen New Yorker Atelierschuppen letzte Hand an großformatige Entwurfszeichnungen anlegt. Man sieht ihn ungeduldig, stur und aufbrausend in der Auseinandersetzung mit seinen Mitarbeitern und unwillig im Umgang mit elektronischer Technik. Vor allem aber bekommt man zu spüren, wie alles verzehrend diese Form der Kunst auf das Leben übergreift: »Kunst ist kein Beruf« erklärt er vor einer Schulklasse, Kunst macht man nicht von neun bis fünf, es gibt keinen Moment, in dem man nicht Künstler ist.« Es ist imponierend zu sehen, wie dieser kleine, drahtige Mann mit dem wehenden, weißen Haarkranz zum Motor einer komplexen Maschinerie wird, unterstützt vor allem von seinem resoluten Projektmanager Vladimir Yavachev, der die in alle Richtungen ausufernden Energien des Meisters immer wieder bündelt und ihn gegen die vielfältigen Zumutungen der Bürokratie und der Politik, der Elemente und der Materialien verteidigt. Völlig außer sich rudert Christo mit den Armen, als er fürchtet, dass die bereits ausgepackten Stoffbahnen von Wind und Regen unwiederbringlich in den See gespült werden. Ungehalten droht er mit dem Abbruch des Projekts, als Busse und Bahnen doppelt so viele Besucher anspülen als erwartet. So gewährt der Film kostbare Einblicke in diese ganz besondere Form des mobilen Künstlerateliers, mit ihren komplexen Verflechtungen mit der Natur, der Bürokratie, der Politik und dem Kunstmarkt. Was der Film nicht erfüllen kann ist die Sehnsucht nach dem Gefühl, das man nur im Sommer 2016 auf dem schwankenden Weg über das Wasser haben konnte.

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