Kritik zu Chavela

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Ihr Name ist hierzulande weniger bekannt als ihre Stimme, die sich mit den Songs aus den Filmen von Pedro Almodóvar eingeprägt haben. Die US-Filmemacherinnen Catherine Gund und Daresha Kyi porträtieren die 2012 verstorbene Sängerin

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Vor ihrer raumgreifenden rauen Stimme müssen sich The Voice-Kandidaten weltweit verstecken. Chavela Vargas' Auftritte sind gefühlsgeladen und streng: Eine Frau mit Gitarre, später auch ein oder zwei Begleiter. Dazu die mit Weltschmerz vollgepackte Musik des Ranchera, die eigentlich Männern vorbehalten war in den Bars der Ausgehviertel von Mexiko. Doch sie sänge auch wie ein Mann, hieß es. Und sie schmückte sich nicht wie die anderen Damen der mexikanischen Bühnenkunst weibchenhaft mit Girlandenröcken und tiefem Dekolleté, sondern trug einen traditionellen Jorongo mit einer Hose darunter.

So ist sie dann auch immer wieder in diesem materialreichen Dokumentarfilm der beiden Regisseurinnen Catherine Gund und Daresha Kyi zu sehen, der im klassischen US-Stil Gespräche mit WegbegleiterInnen mit ihren Auftritten und gefällig arrangiertem Archivmaterial verblendet. Inhaltlich ist der Umgang mit Vargas’ keineswegs einfacher Persönlichkeit zum Glück weniger anbiedernd. So wird auch der schwere Alkoholismus nicht verschwiegen, der lange Zeit eine Konstante ihres Lebens war – und Teil der engen Freundschaft mit dem seelenverwandten Ranchera-Sänger José Alfredo Jiménez. Ihre gemeinsamen Gelage sollen der Schrecken mancher Saloniers gewesen sein. Doch nachdem Jiménez 1973 an Leberzirrhose starb, landete in den 80ern auch Vargas mit Geldnot und ­Tequila ganz unten.

Auch auf den Straßen von Mexiko-Stadt war sie, wie eine alte Freundin erzählt, schon in Männerkleidung herumgelaufen, als das in den 50er Jahren noch als anstößig galt. Ihre Homosexualität musste sie dennoch bis ins hohe Alter verstecken. Dabei wusste wohl jeder Interessierte der Stadt von den der Lebefrau nachgesagten Affären mit den Gattinnen hoher Offizieller oder Künstler. Auch Frida Kahlo war eine dieser Geliebten, wie Vargas selbst in einem alten Interview aus dem Jahr 1991 berichtet. Den Abschied von der geliebten Malerin besang sie in einem Song. Überhaupt hatte sie wohl das meiste aus den Liedern voller Wehmut und Einsamkeit selbst durchlebt und war, schon als Kind von den Eltern ausgegrenzt, mit einer Wunde ins Leben gestartet. 1919 ging die als Isabel Vargas Lizano in Costa Rica Geborene allein nach Mexiko und inszenierte sich dort neu: »Um Chavela zu werden, musste sie mehr macha und mehr borracha (betrunken) sein als alle anderen«, sagt Alicia Pérez Duarte, auch sie eine ehemalige Geliebte, im Film über diese frühe Zeit.

Die Berichte über ihr Comeback sind unterschiedlich, im Film wird es Duarte und dem spanischen Regisseur Pedro Almodóvar zugeschrieben, der sie für einige Filmsongs und einen zweiten Bühnenfrühling nach Spanien und ins Pariser Olympia holte. 1995 wurde dann sogar ein Auftritt im ehrwürdigen Palacio de Bellas Artes in Mexiko wahr. Als die Sängerin 2012 verstarb, war sie schon eine Ikone aus einer fernen Zeit. Und so ist dieser Film mit seinen vielen archivalischen Ansichten aus dem Mexiko des letzten Jahrhunderts auch eine melancholische Reise in ein längst verschwundenes Land.

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