Kritik zu Cake

© Warner Bros.

Jennifer Aniston zeigt, wie gut sie unsympathisch spielen kann – als pillensüchtige Schmerzpatientin, die sich nicht helfen lassen will

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Immer wieder sind es im Kino die schlecht gelaunten, kratzbürstigen Zyniker, denen das Interesse der Zuschauer gilt. Auf diesen Reflex legt es Cake gleich mit seiner ersten Szene an: Da sitzt Jennifer Aniston als Claire, ungeschminkt und ungepflegt, in der Runde einer Selbsthilfegruppe von chronischen Schmerzpatienten. Die Leiterin (Felicity Huffman) schlägt eine Übung vor, die den Anwesenden helfen soll, über den Schock hinwegzukommen, den der Selbstmord einer der Teilnehmerinnen ausgelöst hat. Claire aber rollt demonstrativ mit den Augen und provoziert, indem sie kühl die grausigen Details der Tat zur Sprache bringt: von wo Nina gesprungen sei, wo man ihre Leiche entdeckt habe und in welchem Zustand. Als sie bei ihrer Rückkehr nach Hause den Anrufbeantworter abhört, erfährt sie, dass sie künftig in der Selbsthilfegruppe unerwünscht sei. Und auch wenn man als Zuschauer diese schroffe Person nicht gerade zur besten Freundin haben möchte, so hat sie von da an doch unsere volle Aufmerksamkeit.

Was mit dieser Frau los ist und woher dieser Zwang kommt, ihre Umgebung permanent zu brüskieren, das legt der Film mit herausfordernder Langsamkeit dar. Es gibt nur wenig Handlung. Man sieht, wie Claire, immer von Schmerzen geplagt, sich nachts im Bett wälzt, zu viele Pillen schluckt und alles und jeden um sich herum ausnützt und schlecht behandelt. Sei es ihre aufopfernd hilfsbereite Haushälterin (Adriana Barraza), den immer noch treusorgenden Exmann (Chris Messina), die patente Physiotherapeutin (Mamie Gummer) oder natürlich besagte gutmütige Selbsthilfegruppenleiterin. Man lernt Claire darüber allmählich besser kennen, und ja, man ist auch genervt von ihr, von diesem Baden im eigenen Leiden, von diesem Narzissmus der Auswegslosigkeit. Aber gleichzeitig treten die Umrisse der Tragödie, die Claire erlitten hat, immer schärfer hervor, und so wächst auch der Respekt vor ihr. Fast möchte man Mitleid mit ihr haben, aber dann sieht man, wie Claire Menschen behandelt, die Mitleid mit ihr zeigen ...

Jennifer Anistons Auftritt als Claire hat Schlagzeilen gemacht wegen ihrer Ungeschminktheit. Dabei ist es weniger der Mut zur Hässlichkeit, für den man den ehemaligen Friends-Star hier loben muss, als vielmehr die Vielschichtigkeit, die sie an ihrer schwierigen, fiktiven Person zum Vorschein bringt. Ihre Claire ist keine schwache Leidende, es sind gerade ihre Stärke und ihre Intelligenz, die den Umgang mit ihr so schwer machen. Sie will sich nicht helfen lassen, aber sie stellt sich mit eigenartiger Tatkraft dem Sirenengesang der Selbstmörderin Nina (Anna Kendrick), die sie in ihren Albträumen heimsucht. Eine Zeitlang findet Claire aus ihrer schmerzerstarrten Existenz, indem sie Ninas Leben und Sterben hinterherforscht und dabei auf deren Witwer (mit vollendet seelenvoller, stiller Wut von Sam Worthington verkörpert) stößt. Ihre Begegnung verläuft angenehm unromantisch und asynchron und gibt nur vielleicht den Anstoß für Claires irgendwann fälligen Entschluss, doch wieder gesund werden zu wollen.

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