Eine von uns

Nahaufnahme der Schauspielerin Jennifer Aniston

»Cake«

Ausnahmsweise haben wir einen Big Star in diese Rubrik gehievt. Weil Jennifer Aniston eigentlich ganz anders ist als in ihren Erfolgskomödien

Es war einmal ein Mädchen, dessen schöne Mutter ihm ständig vorsagte, dass es hässlich sei. So begann es, den Kasper zu spielen, da es ja nicht mit seiner Schönheit beeindrucken konnte. Wer hätte geahnt, dass Jennifer Aniston heute auf den sexiest-women-Listen ganz oben steht? Und vielleicht haben die verletzenden Worte Aniston erst dazu getrieben, jenen Mehrwert zu entwickeln, der sie von anderen hübschen Gesichtern abhebt. Die Frau hat Humor! Aniston kann die Ausdrucksformen eines latenten Zweifels an sich und anderen so fein modulieren, dass selbst Kritiker, die ihre Beziehungskomödien für Schmonzes halten, stets finden, dass »Jen« o.k. ist. Der Tenor lautet, dass sie es schafft, auch dämlichste Parts mit süßsaurem Charme zu retten. Und dass es höchste Zeit sei, dass sie ihr ganzes Potenzial entfalte.

Jennifer Aniston ist ein paradoxer Star. Sie gehört zu den am besten verdienenden Schauspielern; in der Kosten-Nutzen-Rechnung siedeln ihre Filme ganz oben. Ihren besonderen Publikums-Appeal aber hat der Kritiker Roger Ebert einmal anlässlich der Komödie »Wo die Liebe hinfällt...« beschrieben: »Wenn ich Jennifer Aniston einen halbwegs normalen Charakter spielen sehe, habe ich immer dieselbe Reaktion: Huch, irgendwie ist eine Freundin von mir in einen Film mit all diesen Stars geraten!«

Die Liebesbeziehung zwischen »Jen« und den Zuschauern entwickelte sich mit dem Serienhit »Friends«, in dem von 1994 bis 2004 an den Lebensbaustellen einer Handvoll New Yorker Singles gewerkelt wurde. Aniston stieg als smarte, aber unfokussierte Rachel zur beliebtesten Figur auf – und »the Rachel«, ihre aufgeplusterte Langhaarfrisur, wurde so populär wie einst Farrah Fawcetts Mähne. Seither ist ihre Beliebtheit Segen und Fluch zugleich. Aniston schaffte es als Einzige der »Friends«, sich auch als Leinwandliebling zu etablieren. Andererseits beschränken sich ihre zwei Dutzend Filmkomödien meist auf Variationen der Rachel-Persona: Großstadtromanzen, in denen eine Frau sich zwischen Beruf, Mann, Kind verheddert. Doch keine kann diese, nach Siegfried Kracauer, »Ladenmädchen«-Dramolette aktuell so beglaubigen wie Aniston. Zwischen »Stadtneurotikerinnen« à la Keaton und den »Sex and the City«-Glamourgirls füllt sie die Nische der handfesten Wurstlerin aus. Und in der deadpan-Miene, mit der sie, mit leichtem Silberblick und schiefem Grinsen, lebensweltliche Zumutungen quittiert, steckt in den Augen ihrer meist weiblichen Fans mehr als das sarkastische Zickentum, das ihr das Drehbuch abverlangt: ein skeptischer Frauencharakter, dem der permanente Versuch, zwischen Erwartungen und Realität die innere Balance zu halten, Spannung verleiht.

Dass sich hinter der putzigen Widerspenstigkeit auch eine Desperada verstecken könnte, haben die Kassenhits »… und dann kam Polly«, »Kill the Boss«, in dem sie eine nymphomane Zahnärztin spielt, und »Wir sind die Millers« – als Stripperin – angedeutet. Doch wenige Regisseure haben es gewagt, Aniston jenseits der komödiantischen comfort zone zu besetzen. In der vielgelobten schwarzen Komödie »The Good Girl« (bei uns auf DVD) spielt sie mit Understatement eine Supermarktkassiererin, die mit einer Affäre der ehelichen und beruflichen Sackgasse entkommen will. In Nicole Holofceners intelligenter Ensemblekomödie »Friends with Money« gibt sie neben Arthouse-Größen wie Catherine Keener eine ratlose Mittdreißigerin, die von Lehrerin auf Putzfrau umsattelt.

Zyniker können nun behaupten, dass sie in ihrem neuen Film »Cake« als biestige Schmerzpatientin wie viele andere Diven durch einen wenig schmeichelhaften Auftritt ins seriöse Fach aufzusteigen hofft. Doch Aniston, der »sexy Hamster«, war nie glamourös. Ihr einziger Versuch im Femme-fatale-Fach in »Entgleist« war einer ihrer wenigen Flops. Im Vergleich etwa mit der überlebensgroßen Drama-Queen Angelina Jolie ist Aniston die Heldin des Alltags, des Freud’schen »Mittelelends«, für die das Leben eben doch ein Hamsterrad ist. Anders gesagt: Jolie ist eine Männerfantasie. ­Aniston ist eine von uns.

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