Kritik zu The Bride! – Es lebe die Braut
Maggie Gyllenhaal recycelt den Frankenstein-Stoff mit viel Gefühl, der Energie des Punk und dem Glamour von Hollywoods klassischer Musical-Ära. Horror-Show, Komödie, Romanze oder feministisches Manifest? Von allem ein bisschen.
Das scheint gerade ein Trend im Kino zu sein: dass Leute unvermittelt, auf offener Szene, in Gesang und Tanz ausbrechen, auch wenn der Film nicht als Musical deklariert ist. Auf dem Höhepunkt von Maggie Gyllenhaals »The Bride!« dringen Christian Bale als Frankensteins Monster, hier »Frank«, und Jessie Buckley als »the Bride« in eine schicke Dinnerparty in einem New Yorker Hotel ein, lösen Chaos aus und explodieren in einer dynamischen Performance zu Irving Berlins »Puttin' on the Ritz«. Es ist eine Hommage an eine groteske Szene in »Young Frankenstein« von Mel Brooks, in der Gene Wilder beweisen will, dass seine Kreatur gesellschaftsfähig ist. Der Zug ist in »The Bride!« zwar längst abgefahren. Aber mit der Tanzszene, in der die beiden entdecken, wie gut sie harmonieren – falling into step –, beginnt eine der großen Romanzen dieses Kinojahrs.
Es sind die dreißiger Jahre in den USA, der Tonfilm hat sich durchgesetzt, Fred Astaire und Ginger Rogers swingen über die Leinwände in den großen Städten. Frank ist ein Fan, einen Zeitungsartikel über sein Idol, den fiktiven Ronnie Reed (Jake Gyllenhaal), hütet er wie einen Schatz. Frank ist nun schon über 100 Jahre auf der Welt und fühlt sich einsam; von einer umtriebigen Wissenschaftlerin (Annette Bening) – »Ich dachte, Sie sind ein Mad Scientist« – hat er sich eine Partnerin erschaffen lassen. Die, bürgerlich »Ida«, war allerdings vor ihrem Ableben irgendwie mit dem Mob von Chicago verbandelt. Nachdem Frank zwei Männer getötet hat, die Ida vergewaltigen wollten, ist nicht nur die Polizei hinter den beiden her, auch ein Gangsterboss schickt seine Schergen aus. Was die Lage kompliziert, ist die Tatsache, dass Ida sich an ihr erstes Leben nicht erinnern kann – eine Lücke, die Frank mit seinen eigenen konventionellen Beziehungsvorstellungen füllt.
»The Bride!« hat die Energie des Punk, einen treibenden Score von Hildur Guđnadottir und den Bewegungsdrang des Motivs »Paar auf der Flucht«, von »You Only Live Once« bis »Natural Born Killers«. Mit dem Unterschied, dass die Protagonisten hier nette, kindliche Freaks sind, die gar nicht recht wissen, wie ihnen geschieht. Das hebt sie auch von anderen aktuellen Wiederbelebungen klassischer Horrorstoffe, von »Poor Things«, »Nosferatu« oder »Frankenstein«, ab: »The Bride!« mag ein selbstreferenzielles Genrepastiche sein, hat aber nichts Maliziöses oder Zynisches.
Vielmehr steckt Liebe in der Inszenierung und im Drehbuch, in der Menge entzückender, verspielter Details. Aus Buckleys Mund stürzen Kaskaden alliterierender Wörter, mit denen man jede Scrabble-Runde demütigen könnte. Und sie sieht aus wie Jean Harlow mit einem halben Rorschach-Test im Gesicht: einem zerlaufenden Tintenklecks, der die Fiktion der Rahmenhandlung untermauert – der zufolge ist »The Bride!« eine Story, die die »Frankenstein«-Autorin Mary Shelley (ebenfalls gespielt von Buckley), das erste Bad Girl der Literaturgeschichte, wegen eines Gehirntumors nicht mehr zu Papier brachte. Auf den Namen Ida antwortet der des Gangsterbosses: Lupino; ein Kino – oder Club? – heißt »Criterion«, einmal poppt als Graffito ein »Dada« auf, und durch den ganzen Film zieht sich als Motto die sanfte Wendung, mit der »Bartleby, der Schreiber« sich in Herman Melvilles Erzählung aus der bürgerlichen Arbeitsgesellschaft ausklinkt: »I prefer not to« – ich möchte lieber nicht.
»Ich möchte lieber nicht« ist denn auch der Satz, mit dem sich die Braut aus den Skripts befreit, die andere ihr auf den Leib geschrieben haben: als Verlobte von Frank und Honeypot-Agentin in der Chicagoer Unterwelt. Der Film mag nicht die Virtuosität von Yorgos Lanthimos' »Poor Things« haben, der sich als Vergleich natürlich aufdrängt. Dafür hat Gyllenhaal einen entspannteren und, wenn man so will, weiblichen Blick auf ihre Hauptfigur. Während Emma Stone in »Poor Things« praktisch zum Kostümständer zugerichtet ist – die Puffärmel, die Minis! – und als Figur nur die Modi Kindfrau und Domina zur Verfügung hat, tobt, plappert, beißt und kratzt sich Jessie Buckley mit explodierter Platinfrisur und Beinschiene im immer gleichen verrottenden Partydress durch ihre Geschichte und löst am Ende einen Aufstand tintenkleckstätowierter Frauen aus. Man kann sich das gut als Mitternachtsvorstellung in einem Kiezkino vorstellen.



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