Kritik zu The Boss of it All

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In seiner Komödie über den fiktiven Chef einer dänischen IT-Firma beobachtet Lars von Trier den vom Kapitalismus geprägten Alltag in einem Büro und reflektiert über die Funktion des Schauspielers

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Lars von Trier gefällt sich in der Pose des Provokateurs. Er bricht gerne Regeln, am liebsten die, die er sich selbst auferlegt. Auf diese Weise entsteht, vor allem in seinen späteren Filmen, eine Hypertrophie der Form. Diese Überbetonung ästhetischer und technischer Spielereien dient dazu, von den Inhalten abzulenken, die zuweilen recht dünn sind. Im Tonfall des Besserwissers erklärt von Trier in »Manderlay« (2005), dass die afroamerikanischen Sklaven ihre eigene Ausbeutung organisieren. Und in »Breaking the Waves« (1996) prostituiert sich eine Frau, um ihren gelähmten Freund zu »erlösen«. Im einen Film wird das Theaterhafte der Inszenierung gefeiert, und im anderen wackelt die Kamera so sehr, dass man nach dem Kinobesuch erst einmal zum Optiker muss.

Ähnlich ist auch das visuelle Erlebnis seines (nicht mehr ganz) neuen Films »The Boss of it All«, der schon 2006 seine Uraufführung hatte. Wieder einmal wird die Kamera geschüttelt und nicht geführt. Und wieder einmal prägt von Trier dafür einen schicken, neuen Begriff: »Automavision« nennt der Däne ein computergesteuertes Zufallsprinzip, das die Bildausschnitte und -einstellungen permanent variiert. Doch jene Jump-Cuts und Achsensprünge, die in Godards »Ausser Atem« noch verblüfften, wirken in »The Boss of it All« schon nach wenigen Minuten monoton.

Dabei ist die Geschichte, die von Trier wieder selbst schrieb, im Ansatz ganz originell. IT-Unternehmer Ravn will von seinen Untergebenen geliebt werden und verheimlicht ihnen deshalb, dass er ihr Vorgesetzter ist. Um unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen, erfindet er einen fiktiven »Boss of it all«, dessen Instruktionen er scheinbar ausführt. Dieses perverse Machtspielchen hat Ravn so sehr perfektioniert, dass er für jeden Mitarbeiter eine Art »persönlichen Boss« maßschneiderte. Als jedoch ein finnischer Investor die Firma kaufen will und darauf besteht, nur mit dem »Boss of it all« zu verhandeln, engagiert Ravn kurzerhand einen Schauspieler – der seine Rolle bald nur zu gut spielt.

»The Boss of it All« hat seine Momente. Wenn die bürospezifischen Leerformeln sich im Dialog verselbstständigen und eine Sekretärin immer kreischt, weil der Fotokopierer losgeht, dann erinnert man sich an den magischen »Gaga-Realismus«, der in von Triers TV-Serie »Geister« überraschende Momente hervorbrachte. Doch als Komödie über Macht- und Unterdrückungsmechanismen funktioniert sein neuer Film nur bedingt. Von Trier gefällt sich zu sehr in der Pose des Kapitalismuskritikers. Dabei interessiert er sich nicht wirklich für seine Charaktere, die nur ein Vehikel sind, um einen selbstreferenziellen Diskurs über die Schauspielerei und Theatertheorie zu transportieren. Bedeutungsschwer sitzen die beiden Hauptdarsteller einmal im Kinosessel. Und dann kommentiert der Regisseur seinen Film noch aus dem Off. Das hängt alles ein wenig in der Luft, denn die Beobachtung der gesichtslosen Räume färbt ein wenig auf den Film selbst ab. Der neuen Kopfgeburt des Dogma-Miterfinders fehlt erneut die Bodenhaftung.

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