Kritik zu The Book of Henry

© Universal Pictures

2017
Original-Titel: 
The Book of Henry
Filmstart in Deutschland: 
21.09.2017
L: 
105 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Genie und Moral: Ein hochbegabter, aber todkranker Elfjähriger hinterlässt seiner Mutter einen ausgetüftelten Plan, um einen unantastbaren Kinderschänder mittels Selbstjustiz der Gerechtigkeit zuzuführen

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Henry ist elf Jahre alt und ein Genie. Für seine alleinerziehende Mutter Susan, die ihre beiden Söhne, Henry und den jüngeren Peter, als Kellnerin ernährt, macht er die Haushaltsführung und investiert nebenbei noch am Aktienmarkt. Henry ist nicht altklug, sondern klug, auch wenn das mit einer gewissen Überheblichkeit gegenüber anderen, nicht nur seinen Klassenkameraden, sondern auch Erwachsenen, einhergeht – Stoff für eine Komödie. Zugleich ahnt Henry, was hinter der Traurigkeit der Nachbarstochter Christina steckt, die in ­dieselbe Schulklasse geht wie er und für die er Gefühle hegt: dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Doch Glenn Sickleman ist der Polizeichef des Ortes, entsprechend wird solchen Verdachtsmomenten nicht mit der notwendigen Entschiedenheit nachgegangen – Stoff für ein Drama. Henrys Kopfschmerzen stellen sich eines Tages als (weit fortgeschrittener) Tumor heraus – Stoff für ein Melodram.

Henrys Vermächtnis ist sein rotes Notizbuch. Darin hat er einen ausgetüftelten Plan entworfen, der nicht nur der Wiederherstellung des Rechts dient, indem ein Übeltäter zur Rechenschaft gezogen wird, sondern darüber hinaus den Prozess des Trauerns um ihn zu einem positiven Abschluss bringen soll. Selbstjustiz lautet die Vorgehensweise – Stoff für ein Drama, das gleichermaßen zu einer Frage der Moral wird, dessen Ausführung aber auch einen Wettlauf gegen die Zeit bedeutet.

»Ich versuche immer, verschiedene Genres und Stimmungen im selben Film auszubalancieren«, sagt Regisseur Colin Trevorrow. Das ist eine gute Charakterisierung von »The Book of Henry«, dessen kommerzieller Misserfolg in den USA wohl wesentlich damit zusammenhängen dürfte. Er setzt den Zuschauer tatsächlich einem extremen Wechselbad der Gefühle aus: Natürlich wollen wir nicht, dass Henry stirbt. Er tut es trotzdem. Wollen wir deshalb aber, dass seine Mutter den von ihm genau ausgetüftelten Mordplan wirklich ausführt? Würde es ihr (und uns) dann besser gehen? Dass der Film genau diese Fragen beim Zuschauer aufwirft, ist Teil seiner Qualität, die ihn von einem Feelgoodmovie unterscheidet – denn auch als solches hätte man ihn ausrichten können. Den letzten Teil des Films sieht man am besten mit Peters Auftritt als Zauberer im Hinterkopf: Was er verspricht, geht ganz anders, aber zur Zufriedenheit des Publikums in Erfüllung.

»Safety Not Guaranteed« hieß der Film, mit dem Trevorrow 2012 debütierte, ein Indie-Film, der eine romantische Komödie mit einem Science-Fiction-Bezugspunkt verknüpfte; drei Jahre später folgte der Blockbustererfolg »Jurassic World«. Von Trevorrows Talent, aus Schauspielern das Beste herauszuholen, legen alle seine Filme Zeugnis ab. Anfang September kam die Meldung, dass Colin Trevorrow noch vor Drehbeginn von seiner Regie bei »Star Wars: Episode IX« entbunden wurde. Es wäre schade, wenn »The Book of Henry« in die Geschichte ausschließlich eingeht als jenes Werk, dessen Misserfolg seinen Regisseur den Regiejob eines »Star Wars«-Films gekostet hat.

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