Kritik zu Ben Is Back

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Peter Hedges inszeniert seinen eigenen Sohn Lucas als drogensüchtigen jungen Mann, der ausgerechnet an Weihnachten bei seiner Familie auftaucht, die ihn in gleichem Maße liebt und fürchtet

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Ein junger Mann nähert sich einem Vorstadthaus, versucht ungeduldig und aggressiv einzudringen, reagiert entsprechend unwirsch, als sich keine der Türen, keines der Fenster öffnen und sich unter dem Blumentopf, dem Fußabstreifer und an der Türkante kein Schlüssel finden lässt. Ein bisschen später kehrt die Familie heim, und aus den ganz unterschiedlichen Reaktionen auf seine Anwesenheit auf dem Grundstück lässt sich eine schwierige Beziehungsgeschichte ablesen, vermintes Gelände zwischen Lügen und Versprechungen, Hoffnungen und Enttäuschungen.

Die Schwester des Jungen reagiert abwehrend, geradezu panisch besteht sie darauf, dass der Stiefvater informiert werden müsse. Der ist nicht ganz so drängend, aber doch entschieden abwägend und problembewusst. Nur Mutter Holly verdrängt den ersten Impuls der Betroffenheit, springt freudig aus dem Auto, um ihren verlorenen Sohn in die Arme zu schließen. Um die Situation zusätzlich zu verschärfen, liegt der unerwartete Besuch des 19-jährigen Problemkindes ausgerechnet am Morgen des Weihnachtstages, traditionell ein Datum mit erhöhtem Streit- und Krisenpotenzial.

Ben (Lucas Hedges) bringt jede Menge Unruhe in die Festvorbereitungen, denn Holly (Julia Roberts) ringt ihrer Familie ein Zugeständnis ab: Ben darf 24 Stunden bleiben, aber nur, wenn er sich lückenlos überwachen lässt, unter absolutem Verzicht auf Privatsphäre, selbst auf der Toilette, Drogentests inklusive. Man spürt die Last dieser schwierigen Familiengeschichte und die Fallen der Co-Abhängigkeit, was viel mit dem feinen Spiel von Julia Roberts und Lucas Hedges zu tun hat, die beide viel Raum lassen für das, was zwischen den gesprochenen Zeilen auch noch gesagt wird – all die Zweifel, Ängste und Widersprüche, die mit dem Vertrauen auch die bedingungsloseste Beziehung zersetzen.

Statt hysterisch auf die Tube zu drücken, setzen die beiden eher auf Momente des Schweigens und zurückhaltendes Understatement, zumindest in der ersten, sehr familiären Hälfte des Films. In der zweiten zieht das Tempo an, mit den kriminellen Verstrickungen aus der Vergangenheit wandelt sich das intime Familiendrama zum dramatischen Krimi.

In Filmen wie »Dan – Mitten im Leben!«, »About a Boy«, »Pieces of April« und zuletzt »Das wundersame Leben von Timothy Green« hat Autor und Regisseur Peter Hedges immer wieder mit feinem Gespür zerbrechliche Liebes- und Familienbeziehungen zwischen Komödie und Tragödie ausgelotet. Mit einer kleinen Rolle in »Dan – Mitten im Leben« hat er seinen Sohn Lucas Hedges quasi in eine Schauspielkarriere katapultiert. Nachdem der sich inzwischen bei anderen Regisseuren, in Filmen wie »Manchester by the Sea« und »Der verlorene Sohn« (der bei uns im Februar starten wird) verschiedene Problem-Teenager-­Facetten erspielt hat, stellt er ihn in einer vielschichtig fragilen Rolle nun ins Zentrum seines eigenen Films. Man darf gespannt sein, wie er sich zwischen kraftvoller Physis und brüchiger Psyche weiterentwickeln wird.

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Dieser Film gehört in den Schulunterricht eingeführt.
Zielgruppe: Ab 14 Jahre

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