Kritik zu Babys

© Kinowelt

2010
Original-Titel: 
Bébés
Filmstart in Deutschland: 
19.08.2010
L: 
78 Min
FSK: 
keine Beschränkung

So unterschiedlich und doch gleich: Dokumentarfilmer Thomas Balmès beobachtet das erste Lebensjahr von vier Babys in vier Kulturen

Bewertung: 3
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Im Kino spielen Babys meist undankbare Rollen: Entweder sie sind Ausgeburten des Teufels oder, in den meisten Fällen, nervtötende Miniatur-Versionen von Erwachsenen á la »Kuck mal wer da spricht«. »Dokumentarisches« Interesse wird ihnen in der Regel nur zuteil, wenn es um amüsante Clips von Missgeschicken geht. So gesehen betritt der französische Dokumentarist Thomas Balmès mit seinem Film »Babys« Neuland. Ein Jahr lang haben er und seine Filmteams vier neu geborene Babys beobachtet, die in sehr unterschiedlichen Kulturen aufwachsen: Da gibt es Ponijaio, der mit seinen Eltern in einem Wüstendorf Namibias lebt, Bayar, dessen Zuhause die mongolische Steppe ist, Mari aus Tokio und und Hattie aus San Francisco.

Vom natürlichen Niedlichkeitsfaktor abgesehen, setzt Balmès gerade nicht auf forciert-humorige Situationen. Sein Film, der komplett ohne erläuternden Kommentar auskommt, stellt das Alltägliche in den Mittelpunkt, was bei Babys immer noch amüsant genug ist, gelegentlich aber auch monoton – ein Begriff, der in diesem Zusammenhang mehrdeutig und wertneutral zu verstehen ist. Die Eltern der vier Kinder spielen im Film keine nennenswerte Rolle, nicht einmal die Dialoge werden übersetzt oder untertitelt. Das Faszinierende an Babys ist denn auch die Erkenntnis, dass kulturelle Rahmenbedingungen bei der frühkindlichen Entwicklung offensichtlich kaum von Bedeutung sind – sehr wohl aber ein liebevolles Zuhause. Alle vier Babys, ob in der Wüste Namibias oder im neondurchfluteten Tokio, zeigen ähnliche Verhaltensmuster und entwickeln sich prächtig. Ob ein Kind nun blütenweiße Pampers trägt, oder den Po mit der Hand abgewischt bekommt, macht da keinen Unterschied. Das dürfte für aufgeschlossene Zuschauer keine sonderlich bahnbrechende Erkenntnis sein, ein wenig fragt man sich nach einer Weile, was denn der Punkt von Balmès‘ Film ist. Bis einem klar wird, dass es darum gar nicht geht. »Babys« ist eine Hommage an das Menschsein an sich, und er lenkt den Blick vor allem auf das Universelle und Verbindende, das diesen frühen Abschnitt des Lebens kennzeichnet.

Wenn der Film so etwas wie einen ideologischen oder pädagogischen Impetus hat, dann vor allem mit Blick auf das Publikum aus der Ersten Welt: Die Kinder in der Mongolei und Namibia scheinen trotz aller materiellen Nachteile sehr viel entspannter und natürlicher aufzuwachsen als vor allem die behütete Amerikanerin Hattie. Von realsatirischer Schärfe ist denn auch die Szene, in der das Mädchen von seinen Ökospießer-Eltern zu einem Baby-Yoga-Kurs geschleift wird, wo die Erwachsenen in verträumtem Singsang »Mother Earth« huldigen. Und obwohl Ponijaio und Bayar mit Hunden, Hähnen und Ziegenböcken als Spielkameraden fortwährend in Situationen geraten, die hierzulande sofort das Jugendamt auf den Plan rufen würden, fürchtet man bezeichnenderweise in jenem Moment am meisten um das Wohl des Kindes, als Hattie auf dem Spielplatz von ihrem Bobbycart purzelt. Natürlich haben Kinder in San Francisco später einmal bessere Chancen als in Namibia – aber wenn man außer der puren Freude am kindlichen Glück etwas aus Babys mitnimmt, dann die Erkenntnis, dass ein bisschen mehr elterliche Gelassenheit auch unseren Kindern gut tun würde.

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