Kritik zu AlleAlle

- kein Trailer -

Irgendwo in der Nähe von Berlin, wo der wilde Osten heute nur noch der Schatten seiner selbst ist, spielt Pepe Planitzers zweiter Spielfilm, eine Parabel auf die Mär der unbegrenzten Möglichkeiten

Bewertung: 4
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

»Altes Lager« heißt der Ort im Fläming und so sieht es dort auch aus. Eine verlassene Sowjetkaserne, ein trunksüchtiger Gerüstbauer kurz vor dem Bankrott, ein geistig behinderter Heimbewohner auf Irrwegen und eine straffällige Frau auf Bewährung – Ort und Personal von »AlleAlle« mögen auf den ersten Blick erschrecken. Doch Pepe Planitzer macht daraus eine moderne Parabel auf das Klischee der unbegrenzten Möglichkeiten. AlleAlle« ist gewissermaßen die poetische Antwort auf den pseudoparadoxen Spontispruch »Du hast keine Chance, also nutze sie«. Planitzer erzählt frei von Kitsch und Sentimentalität, dafür schonungslos, direkt und mit gekonnt verhaltenem bildlichen Witz.

In einem zeitlosen Zwischenraum, der heute und gestern kaum zu trennen vermag, treffen drei Menschen aufeinander und bringen es mit ihrer jeweils eigenen Geschichte zu einer neuen gemeinsamen Zukunft. Dabei hat Pepe Planitzer alles Märchenhafte aus seinem Film eliminiert. Selbst wenn er immer wieder in anmutigen Landschaftsaufnahmen verharrt, bleibt die Perspektive klar. Sein meditativer Grundton kann nicht über die Aussichtslosigkeit hinwegtäuschen: Hier kommt keiner wirklich raus, Erlösung heißt hier, sich mit dem Mangel abzufinden.

Eberhard Kirchberg spielt mit Bravour den grobschlächtigen behinderten Hagen. Wenn er seine Ratte in den großen Händen hält, denkt man an Steinbecks »Von Mäusen und Menschen«, ohne dass dieses Bild überstrapaziert würde. Marie Gruber, bekannt aus zahllosen TV-Rollen, spielt Ina. Sie ist trotz innerer Gebrochenheit souverän und selbstständig. Durch Knasterfahrung angstfrei, ist sie nicht mehr bereit, weitere Ungerechtigkeiten hinzunehmen, egal wen sie betreffen. Als sie miterleben muss, wie ihre Freundin wiederholt von ihrem Mann misshandelt wird, greift sie zum Messer. Und schließlich ist da noch Milan Peschel. Niemand kann die Schnapsflasche so gekonnt an den Mundwinkel setzen wie er, ohne einen Tropfen zu vergießen. Peschel, zuletzt zu sehen in »Free Rainer«, spielt den Möchtegernmacho Domühl, der, kaum nüchtern und nie um einen Spruch verlegen, ganz unprätentiös alles verliert, was er hat und dann eher überraschend als vorhersehbar zu sich selbst findet. Mit Hagen tritt auch Ina in sein Leben und der letzte Ort der Zuflucht wirkt wie eine von der Realität entkleidete Idylle. Die alten hölzernen Wohnwagen am Waldrand, fern von der Zivilisation, fern von den Orten, die vor allem Geld kosten, ist die deutsche Version eines Happy Ends, das einen erleichtert schmunzeln lässt. Ohne peinliches »Musste das jetzt sein?«.

Von Glück ist in diesem Film nie die Rede und doch dreht sich fast alles genau darum. Und Planitzer findet tatsächlich noch neue Bilder dafür. Ein riesenhaftes Modellauto aus Sperrholz, ein verlassener, von wilden Grasbüscheln überzogener Kasernenhof und schließlich eine kleine nasse Ratte. Hier steckt all das Glück darin, das ein entvölkerter Lebensraum seiner arbeitslosen Bevölkerung zu bieten hat. Nichts mehr da, was sich zu verlieren lohnt.

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