Kritik zu Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
Stilistisch zurückhaltendes, bewegendes Porträt eines Holocaust-Überlebenden, der nie den Glauben an die Menschheit verlor und seine letzten Lebensjahre der Erinnerungsarbeit widmete.
Albrecht Weinberg sitzt in dem nach ihm benannten Gymnasium im ostfriesischen Rauderfehn, wo er am 7. März 1925 als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde. Geduldig, zugewandt, aufmerksam und empathisch lauscht er den Jugendlichen, die ihm Fragen stellen und Selfies mit ihm machen wollen. Ein Mädchen fragt mit Tränen in den Augen, ob sie ihn umarmen dürfe, um ihm zu danken. Weinberg lacht, stimmt zu und sagt, er habe ihr zu danken. Die meisten seiner Familienmitglieder, darunter seine Eltern, Tanten und Onkel, wurden im Holocaust ermordet. Er selbst, seine jüngere Schwester Friedel und sein älterer Bruder Dieter überlebten diverse Konzentrationslager, darunter Auschwitz-Monowitz, und Todesmärsche gegen Kriegsende. Dieter starb kurz nach der Befreiung bei einem Unfall. Albrecht und Friedel emigrierten 1947 nach New York. Sie heirateten nie, blieben einander eng verbunden und lebten 60 Jahre lang gemeinsam in den USA. 1985 reisten sie auf Einladung nach Ostfriesland, aber für immer ins Land der Täter zurückkehren wollten sie nie. Nachdem Friedel einen Schlaganfall erlitt, kamen die Geschwister 2012 doch zurück, wo sie wenig später verstarb.
Diese Stationen eines langen Lebens werden im Dokumentarfilm von Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel, die ihren Protagonisten schon für die ZDF-Dokumentationsreihe 37° begleitet haben, komprimiert zu Beginn erzählt. Danach geht es vor allem um die letzten Lebensjahre, die Weinberg in Deutschland verbrachte. Um seine Auftritte als Zeitzeuge, der seine Erinnerungen an den Holocaust an junge Menschen weitergeben will. Um Reisen zu Gedenktagen in die ehemaligen Lager. Und auch um die Wohngemeinschaft und den Alltag, den er mit Gerda Dänekas teilte, die erst seine Altenpflegerin war, nach dem Tod der Schwester eine Vertraute wurde und ihm schließlich anbot, bei ihr einzuziehen. »Keine Liebe im sexuellen, leidenschaftlichen Sinn, aber Liebe auf jeden Fall«, wie Gerda erzählt, die nach dem Krieg geboren ist, aber sich trotzdem als Deutsche verantwortlich für die Verbrechen ihrer Vorfahren fühlt.
Die Sensation dieses mit ruhigen Einstellungen beobachtend und zurückhaltend inszenierten Films ist aber Albrecht Weinberg selbst. Wie gelingt es einem Menschen, dem von anderen Unaussprechliches angetan wurde, sich eine solche Offenheit, ein freundliches Wesen und einen verschmitzten Humor zu bewahren? Zumal Weinberg in einigen Momenten offenbart, dass er nichts davon vergessen hat – oder vergessen konnte, wie auch schon der Titel des Films suggeriert. Auch die Begegnung mit einem ehemaligen Wehrmachtssoldaten veranschaulicht den unermesslichen Schmerz, der Weinberg sein Leben lang begleitet haben muss. Dass er nach 60 Jahren in den USA ausgerechnet in Deutschland noch einmal positive Erfahrungen machen konnte, ist eine kleine Genugtuung und Gerechtigkeit der Geschichte. Für die Gesellschaft ist es ein großes Glück, dass er bis zu seinem Tod mit 101 Jahren im Mai 2026 körperlich und geistig in der Lage war, öffentlich aufzutreten und von dem, was ihm widerfahren ist, zu erzählen. Immer und immer wieder, damit »Nie wieder« keine hohle Phrase bleibt.






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