Kritik zu 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde der NSU

© Partisan Filmverleih

2017
Original-Titel: 
6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde der NSU
Filmstart in Deutschland: 
18.05.2017
L: 
76 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Dokumentarfilmmacher Sobo Swobodnik möchte in seinem Film den oft übergangenen Opfern des NSU ein Gesicht und eine Identität geben

Bewertung: 3
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Sie begingen zehn Morde, verübten drei Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle. Nach über sechs Jahren erst, im Jahr 2011, wurde bekannt, dass die Taten vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund begangen wurden. Bis dahin tappte die Polizei im Dunkeln. Und nach dieser Zeitspanne benennt Sobo Swobodnik seinen Dokumentarfilm, der die Mordserie als nüchterne Chronik der Ereignisse fassbar machen will.

Der Filmemacher stellt die Ermordeten – acht deutsch-türkische Kleinunternehmer, den griechischen Mitinhaber eines Schlüsseldienstes und eine junge deutsche Polizistin – jeweils aus zwei Perspektiven vor. Er erinnert daran, dass nahe Angehörige der Opfer doppelt bestraft wurden. Sie mussten nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen hinnehmen. Obendrein wurden sie von unfähigen Beamten brüskiert. Aufgrund haarsträubender Ermittlungspannen und einer notorischen Blindheit auf dem rechten Auge ging die Polizei jahrelang von einer Verstrickung der Mordopfer in Glücksspiel, Schutzgelderpressung, Drogen- oder Menschenhandel aus.

Die Perspektive jener beiden Täter, die aus mysteriösen Gründen Selbstmord verübten, wird ebenso ausgespart wie der noch laufende NSU-Prozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe. Nur am Rande erwähnt wird eine mysteriöse Aktenvernichtung durch den involvierten Verfassungsschutz. Der Film konzentriert sich, wie es im Abspann heißt, auf das »Andenken der Opfer«. Er will aus abstrakten Personen konkrete Menschen machen, zu denen der Zuschauer Mitgefühl entwickelt. Dieses Konzept funktioniert aber nur teilweise. Vor der Kamera kommen weder Angehörige der Opfer, noch Polizisten oder Sachverständige zu Wort. Stattdessen werden Zeitungsberichte und persönliche Erinnerungen der Hinterbliebenen von Schauspielern per Off-Kommentar eingesprochen.

Die Kamera flaniert derweil unentschlossen an jenen Orten, an denen die Mordopfer ihre Läden und Geschäfte hatten. Zu sehen sind Pfützen, Bäume und graue Fassaden. Manchmal tanzt ein Rabe auf dem Bürgersteig. Über die Stadtviertel und deren urbane Strukturen ist wenig zu erfahren. Im Gegensatz zu Swobodniks visuell vielschichtigem Dokumentarfilm »Silentium – Vom Leben im Kloster« fällt die unproduktive Stilisierung ins Auge. Sein neuer Film ist ein gefühltes Hörspiel. Nicht wirklich informative Schwarz-Weiß-Bilder legen einen Grauschleier über die an sich akribisch rekonstruierten Ereignisse.

Die NSU-Morde sind für sich genommen bereits gruselig genug. Unspezifische Bildgestaltung und die in den Vordergrund sich drängende, eigenwillige Ton-Musik-Collage forcieren ein Pathos, das vom Kern der Dinge ablenkt. »6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde des NSU« greift ein relevantes Thema auf, hinterlässt aber aufgrund formaler Defizite einen zwiespältigen Eindruck.

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