Kritik zu 10 Dinge, die ich an Dir hasse

© Buena Vista

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Manchmal sind gerade jene Literaturverfilmungen die besten, die nur noch entfernt an ihre Vorlage erinnern. Vor allem, wenn diese aus einem fremden historischen Kontext stammt und bestimmte Eckdaten, etwa der Moral und der Ehre, nur noch unter Mühen und oft grauenhaften Verrenkungen entweder in die Gegenwart übertragen oder als Kostümstück verklärt werden. Kompliziertere Übungen wie die, das Fremde oder Befremdliche einfach zu zeigen oder zu exponieren – auf dem Theater gelegentlich anzutreffen, erscheinen den meisten Literaturverfilmungen offenbar als zu wenig anheimelnd. Insofern ist es kein schlechter Weg, auf die Vorlage nur noch von Ferne zu verweisen und etwas vergleichsweise Neues aus einem Stoff zu machen, der sich in einem anderen Medium schon bewährt hat.

Gil Junger, der hier sein Debüt als Spielfilmregisseur gibt, hat das versucht. Er orientiert sich an Motiven von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" – und macht, was im ersten Moment furchtbar klingt, eine Teenager-Komödie daraus: Man erwartet, was schon Dutzende anderer Teenager-Komödien aufgetischt haben, eine Darbietung über die unerträgliche Leichtigkeit des Jungseins und darüber, wie herrlich Shakespeare-Figuren, sehr jung besetzt und gespielt, in Schwung gebracht werden können. Aber hier, und das ist der erste Punkt für den Film, wird darauf verzichtet zu behaupten, dass Jungsein automatisch Lustig- und Dynamisch-Sein bedeutet. Auch das andere Extrem des ernsthaften Pubertätsfilms, Jugend grundsätzlich als ein Tal der Tränen, der ständigen Revolte und der Orientierungslosigkeit zu illustrieren, wird gemieden. In Jungers Film kommt das eine wie das andere vor, aber dezent.

Erzählt wird die Geschichte zweier Teenager-Schwestern, die eine nett und von allen Schuljungen angehimmelt, die andere spröde und introvertiert. Die Umworbene darf keinen Verehrer treffen, ehe nicht auch die andere sich ein Date zugelegt hat: Das ist die Ausgeh-Regelung, die der Vater vorgibt. Sie setzt ein Karussell von Intrigen und Verwicklungen in Gang: Die widerspenstige Kate soll verkuppelt werden, wehrt sich aber aus Leibeskräften. Trotz der typenhaft komödiantischen Karikaturen schimmern auch subtilere Charakterzüge der Figuren immer durch: Der Vater ist kurios und verschroben, aber auch einsam und mit der Erziehung der Töchter überfordert. Die Widerspenstige ist ein Kotzbrocken, aber einer mit einer verletzten Seele und Sylvia Plaths "The Bell Jar" unterm Arm.

Abgesehen von der Komödienhandlung, die Anlass für eine Reihe von teils albernen, teils witzigen und schlagfertigen Dialogen gibt, steht das High-School-Leben im Mittelpunkt des Films: weniger als Kulisse, denn als eigentliches Thema. Und nicht als "realistisch" behandeltes Thema. Das meiste ist bewusst überzeichnet, zum Teil auch in der Ausstattung, in den bonbonbunten Farben mancher Szenen beispielsweise, und das kommt dem Film zugute. Dabei fehlt jede Spur von dem Bombast der Romeo & Juliet-Adaption Baz Luhrmanns. »Zehn Dinge, die ich an Dir hasse« gibt sich unspektakulär, leichtgewichtiger und ist auf eine andere, weniger action- und soundtrack-betonte Art temporeich. Die Schnelligkeit liegt hier in der Schlagfertigkeit, in den Dialogen und in den Schnitten. Eine sanft ironische Haltung nimmt der Film seinen Figuren gegenüber ein - die er auch als denkende Wesen, nicht nur als romantisch taumelnde Schwärmer ernst nimmt. Die Ironie, über die sie verfügen und die Ironie, mit der sie betrachtet werden, schadet ihnen nicht. »Zehn Dinge« ist entfernt davon, ein großer Film zu sein, dafür sind seine ernsten Momente zu rührselig, sein Witz zu gutmütig; aber er steckt voller Einfälle, ist nicht unintelligent, unterhaltsam und hat mit Heath Ledger als Petruchio-Variante (mit Anklängen an Jim Morrison) und Julia Stiles (als in ein Riot-Girl verwandelte Katharina) sehenswerte Hauptdarsteller. Außerdem verzichtet er darauf, Shakespeare erbarmungslos zu sentimentalisieren und aus der Vorlage falsches Kapital zu schlagen. Es wird auch nicht so getan, als sei Dichterliebe heute das Alltäglichste in der Welt und heute noch überall gesellschaftsfähig. Als es einem Schüler einfällt, in der Pause Shakespeare zu zitieren, wird er von seinen Freunden gewarnt: "Nicht hier, hier kann dich jeder hören."

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