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© Anne Wilk/Mark de Blok
Hagai Levis Serie versetzt die wahre Geschichte der Jüdin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, in eine nicht näher definierte Gegenwart – ein Experiment
Es gibt Bilder, von denen man glaubte oder zumindest glauben wollte, sie gehörten der Vergangenheit an. Bis sie plötzlich wieder erschreckend vertraut wirken. »Etty« reagiert auf dieses Unbehagen, indem es Geschichte nicht rekonstruiert, sondern in die Gegenwart verschiebt. Die sechsteilige Serie erzählt das Leben der niederländischen Jüdin Etty Hillesum in den Jahren 1941 bis 1943, aber sie tut es ohne die Distanz einer historisierenden Inszenierung. Amsterdam wirkt wie aus der Zeit gefallen, Straßen und Wohnungen beinahe gegenwärtig. Etty etwa trägt Jeans. Die Zeichen der NS-Herrschaft bleiben zurückgenommen, die Bedrohung ist da, aber selten ausgestellt.
Im Zentrum steht eine junge Frau (Julia Windischbauer), die zunächst vor allem mit sich selbst beschäftigt ist: sprunghaft, unsicher, voller innerer Unruhe. Die Begegnung mit dem Psychoanalytiker Julius Spier (Sebastian Koch) setzt bei ihr einen Prozess der Selbstbefragung in Gang. Während die äußeren Bedingungen sich verschärfen, gewinnt Etty eine Haltung, die weder heroisch noch gefestigt wirkt, sondern tastend im Denken, Schreiben und Sprechen entsteht.
Die unter anderem von der Berliner Komplizen Film koproduzierte Serie, die nach der Weltpremiere in Venedig nun auf Arte zu sehen ist, greift dabei eng auf die Tagebücher zurück, die Hillesum Anfang der 1940er Jahre führte und in denen sie sich, inmitten von Verfolgung, eine Form innerer Autonomie erarbeitet. Entsprechend zurückgenommen ist in der Serie die Handlung, der Fokus liegt auf Ettys Innenleben, den Zweifeln, Einsichten und Rückfällen.
Levi verzichtet auf die geläufigen Bilder des Holocaust. Keine gelben Sterne, kaum sichtbare Täter, keine ikonographischen Gewissheiten. Die Verfolgung zeigt sich in kleinen Verschiebungen: ein Ausschluss hier, ein Verbot dort, eine Stimmung, die kippt. Antisemitismus erscheint als Prozess, nicht als abgeschlossenes Ereignis. Dass diese Entscheidung auch mit der Gegenwart zu tun hat, ist offenkundig.
Der 62-jährige Levi hat selbst beschrieben, wie ihn die Bilder des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden Gewalt geprägt haben. Seine Serie rückt die Geschichte aus der Distanz, zwingt zur Übertragung in die Gegenwart. Hier entzündete sich auch Kritik in Hagais Heimat. Die Reduktion der sichtbaren NS-Realität schwäche, so der Einwand israelischer Medien, die historische Wucht der Geschichte und erschwere das Verständnis ihrer konkreten Bedingungen. Ein berechtigter Einwand, wobei gerade diese Verschiebung den Blick schärfen kann, weil sie die Mechanismen von Ausgrenzung und Gewalt aus dem musealen Rahmen löst. Wie verhält sich ein Mensch unter wachsender Entmenschlichung? Welche Form von Mitmenschlichkeit ist möglich, ohne sich der Realität zu entziehen? Hillesums radikale Ablehnung von Hass bildet dabei den moralischen Kern. Ihre Spiritualität ist eher ein innerer Dialog als ein religiöses Bekenntnis. Die 29-jährige Österreicherin Julia Windischbauer spielt Etty nicht als Heilige, sondern als widersprüchliche Figur, deren Entwicklung immer prekär bleibt. Dass die Serie vor der Deportation endet, wirkt konsequent. Der Blick bleibt auf dem, was vorausgeht, verweigert den erwartbaren historischen Abschluss und verstärkt die Irritation.
Nach psychologisch präzisen Serien wie »BeTipul« (dem israelischen Original der »In Treatment«-Serien in den USA, Frankreich und anderswo), »The Affair« und zuletzt dem HBO-Serien-Remake von Ingmar Bergmans »Szenen einer Ehe« treibt Levi hier seine Interessen weiter, nur unter verschärften Bedingungen. Die Intimität bleibt, erweitert in einen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext. Das Ergebnis ist kein klassisches Geschichtsdrama, sondern ein sperriges, faszinierendes Gedankenexperiment.
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