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Diejenigen, die gegangen sind, sind nicht „zu empfindlich“, sondern haben eine Grenze gezogen, als der Film offensichtlich nicht mehr über Menschlichkeit, sondern über körperliche Abwehr kommuniziert hat. Wenn Ekel, Übelkeit, Würgereiz oder Stress den Raum einnehmen, ist das kein dramatischer Zugang mehr, sondern eine Art Reizsteuerung. Spätestens wenn einzelne Szenen als Kipppunkt beschrieben werden (Amputation, Nahaufnahmen von Tod und Körperlichkeit), ist das für mich nicht „mutig“, sondern schlicht ein Mittel, das den Zuschauer in eine Reaktion drückt, statt ihn in einen Erkenntnisprozess zu führen. Dazu kommt: Wenn viele berichten, sie könnten Handlung, Generationen oder Zeitebenen kaum nachvollziehen, dann fehlt mir das Fundament jeder guten Geschichte – nämlich dass man ihr folgen kann, um an ihr zu wachsen.

Diejenigen, die geblieben sind, suchen und finden offenbar etwas anderes: Form, Kamera, Atmosphäre, Realismus, „Wucht“, „Kunst“. Ich verstehe, warum man das beeindruckend nennen kann. Aber ich höre in vielen positiven Stimmen eher eine Verteidigung des Ertragenen als die Beschreibung eines nachvollziehbaren inneren Weges von Figuren. Wenn ich nach zweieinhalb Stunden Belastung am Ende vor allem „beeindruckend“ und „besonders“ sagen kann, aber nicht klar benennen kann, wie Menschen aus Negativem heraus stärker werden, dann ist das für mich keine dramatische Erzählung, sondern eine ästhetisierte Zumutung.

Was mich zusätzlich stört, ist der Ton, der vereinzelt mitschwingt: Wer geht, „will nicht hinsehen“, wer bleibt, „versteht Kunst“. Das ist für mich kein Argument, sondern ein Statusspiel. Und genau da entsteht der Eindruck, dass der Film eine Spaltung einkalkuliert: Die einen sollen angewidert abbrechen, die anderen sollen das Durchhalten in Bedeutung verwandeln. Dass dann noch Festival-Label oder Auszeichnungen als Begründung herhalten („Cannes“, „prämiert“), wirkt auf mich eher wie ein Beruhigungsmittel: Es muss ja etwas Großes sein, sonst hätte ich das nicht ausgehalten. Aber eine Auszeichnung ersetzt keine Erzählung.

Ich persönlich suche im Drama etwas anderes: Ich will sehen, wie Menschen an negativen Erfahrungen nicht zerbrechen, sondern – wenn auch langsam und schmerzhaft – zu Erkenntnis, Würde, Verantwortung oder Handlungskraft finden. Dafür brauche ich keine Ekelbilder, keine körperliche Grenzerfahrung und keine Rätselmontage, die mich ständig aus der Geschichte wirft. Wenn ein Film mich erreichen will, dann über Menschlichkeit: über Entscheidungen, Beziehungen, Widersprüche, innere Bewegung. Nicht über den Reflex im Magen.

Und ja: Ich merke, wie sehr mich bei deutschen Dramen oft dieses Muster ermüdet – entweder depressive Grundstimmung ohne Entwicklung oder Klamauk ohne Gewicht. Wirklich gute Geschichten müssen so erzählt sein, dass ich ihnen folgen kann. Wenn ich am Ende vor allem erschöpft, verstört oder angewidert bin, aber nicht klüger über Menschen und ihre Fähigkeit zum Weiterleben, dann ist das für mich keine relevante Erfahrung – sondern eine, die ich mir sparen kann.

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