Kritik zu Über Leben in Demmin

© Salzgeber

2017
Original-Titel: 
Über Leben in Demmin
Filmstart in Deutschland: 
22.03.2018
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
12

In einem kleinen Ort in Vorpommern nehmen sich kurz vor Kriegsende 1945 Hunderte von Menschen das Leben. Martin Farkas zeigt in seinem Dokfilm, wie die politische Instrumentalisierung der Tragödie noch heute das Leben dort prägt

Bewertung: 4
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

»Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen«, so lautet ein vielzitierter Satz von William Faulkner. Martin Farkas' Film »Über Leben in Demmin« beschreibt auf eindrückliche Weise, wie wahr dieser Satz ist. Im Frühjahr 1945 ist der Zweite Weltkrieg auch für die Bewohner von Demmin, einer kleinen Gemeinde im Norden Mecklenburgs, verloren. Die Brücken über die Peene werden gesprengt, doch »der Russe« lässt sich nicht aufhalten. Die Angst der Bevölkerung vor der Rache des Feindes wächst, befeuert durch Nazipropaganda. Eine Panik greift um sich, die Mütter und Väter dazu bringt, erst ihre Kinder und dann sich selbst zu töten, mit Gewichten um den Bauch in den Fluss zu springen, Gift zu trinken oder sich die Pulsadern aufzuschneiden. Hunderte von Menschen sterben von eigener Hand, noch bevor der Feind den Ort erreicht. Doch auch der Widerstand stirbt nicht. Immer wieder fallen Schüsse, Männer werden getötet oder vertrieben, Frauen vergewaltigt. Es ist Teil der Geschichte, die in der DDR lange verschwiegen wurde. Nazipropaganda, unsinniger Widerstand und das Bild des bösen Russen passten nicht in die sozialistische Geschichtsschreibung. Bis heute hat eine Aufarbeitung nicht stattgefunden.

Im Gegenteil, inzwischen haben Neonazis den 8. Mai, den Tag der Befreiung, als Tag der Trauer um deutsches Leben für ihre Zwecke instrumentalisiert. Das ist der Kern von Martin Farkas' Film, der schon im Titel bewusst mit den beiden Zeitebenen spielt. Es geht um das Überleben von damals, um Menschen, die sich erinnern, an eine Kindheit im Krieg und den Massensuizid der Eltern und Nachbarn. Erschütternde Dokumente von Menschen, die bald nicht mehr erzählen können, was damals geschah. Es geht aber auch um das Leben in Demmin heute, in einer Kleinstadt mit hoher Arbeitslosigkeit und einem ebenso hohen Anteil rechter Gesinnungen. Unterschwellig läuft da etwas zusammen, das keiner offen aussprechen will. Keiner bekennt sich direkt zum rechten Gedankengut, keiner will wirklich Nazi sein. Wenn es aber um die kleine linke Gegendemonstration geht, dann wäre eine Maschinengewehrsalve schon mal das probate Mittel. Und dann ähneln sich die Sätze auf erstaunliche Weise. Hätte man doch einfach keinen Widerstand geleistet, damals, die Russen wären ohne Hindernisse durchgezogen und alles wäre gut gewesen. Würde man die Rechten heute ihren Trauermarsch ohne Protest durchführen lassen, der Dorffrieden bliebe gewahrt.

Tief gespalten sind Jung und Alt in Demmin, und völlig uneins darüber, wie man mit der Vergangenheit umzugehen hat. Martin Farkas zeigt eine Stadt, die mit ihrer Geschichte alleingelassen wurde. Sein Film erzählt völlig undidaktisch und offen von Angst, Gruppenzwang und geschichtlichem Trauma, von Fremdenfeindlichkeit, falscher Trauer und dem politischen Missbrauch von Gefühlen. Und er zeigt, wie stark die Gegenwart mit der Vergangenheit verbunden ist.

Meinung zum Thema

Kommentare

Bitte ändern Sie: Demmin liegt in Vorpommern und nicht in Mecklenburg!

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.", ein Wort aus der jüdischen Überlieferung. Ja, wir brauchen den unverstellten, schonungslosen Blick auf die Vergangenheit. Wir brauchen die Wahrheit – und zwar für uns selbst. Zu DDR - Zeiten gab es mit Blick auf das Kriegsende ein Tabu. Das hat die Generation der Nachgeborenen in ihrem Wahrheitsbewusstsein verunsichert. Da war etwas, was niemand aussprach, etwas Dunkles, Verschwiegenes.

Ich will erzählen, wie ich es in Demmin erlebt habe: Als ich geboren wurde, war der Krieg gerade 12 Jahre her. Und doch war es eine Ewigkeit für ein Kind, etwas nicht Vorstellbares, weit Entferntes. Zu den Selbstverständlichkeiten meiner Kindheit gehörten die Ruinen: Der Weg zum Bäcker führte über einen schmalen Pfad quer durch ein von Mauerresten umgebenes Grundstück. Der Pfad endete auf dem früheren Hof; dort war stehengeblieben ein großer Schornstein mit einem beistehenden schuppenartigen niedrigen Gebäude: die Backstube und ein kleiner Verkaufsraum. Männer mit nur einem Bein oder einem Arm oder einem merkwürdig verformten Gesicht prägten das Straßenbild. Und da war ein großer Obelisk, gekrönt von einem roten Stern, der nachts beleuchtet wurde und umgeben war von sorgfältig gepflegten Gräbern sowjetischer Soldaten. Am Sonntagnachmittag gingen unsere Eltern mit uns Kindern oft spazieren. Der Weg führte hin und wieder über den großen und von hohen Bäumen geschützten Friedhof. Als Schulkind begann ich, die Namen und die Zahlen auf den Grabsteinen zu entziffern. Da war ein großes Areal, das mich sehr beeindruckte, denn überall war auf den Steinen zu lesen: Gest. 1945. Die Grabsteine waren auffällig klein, passend zum jungen Alter der Begrabenen. Irgendwann erwähnten meine Eltern vorsichtig: Diese Menschen sind in die Peene gegangen. So wuchs ich auf mit dem Wissen: Es gibt auf dem Friedhof Gräber; das sind die von denen, die in die Peene gegangen sind, Frauen und Kinder. Aber gesprochen hat darüber sonst niemand. Die Gräber hatten etwas Geheimnisvolles an sich. Wie ein Schleier, ausgebreitet über all diesen Gräbern mit ihren kleinen, sich unter die Bäume duckenden Grabsteinen, lag ein großes Schweigen über dem Ort.

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