Cannes 2017: Duell in der Sonne

»Western« (2017)

Das deutsche Kino, immer etwas rar in Cannes vertreten, kann seinen ersten Erfolg verbuchen: Valeska Grisebach präsentierte mit »Western« ihren ersten Film in Cannes in der Nebenreihe »Certain regard« und wurde bei der Premiere mit viel Applaus gefeiert. Es ist Grisebachs erster Film seit »Sehnsucht«, mit dem sie sich 2006 im Wettbewerb der Berlinale eine kleine, aber überzeugte Fangemeinde erobern konnte. Wie schon »Sehnsucht« spielt »Western« unter und mit Menschen, denen das Kino nur selten Hauptrollen gibt. Grisebach zeigt eine Gruppe von deutschen Bauarbeitern, die in Bulgarien auf dem Land ein Wasserkraftwerk bauen sollen. Die Männer bunkern sich westernmäßig in notdürftig hergerichteten Unterkünften abseits eines Dorfes ein und hissen die deutsche Flagge. Einer von ihnen, ein stiller Ex-Soldat, wagt eines Tages den »Ritt« ins Dorf zu den Einheimischen, wo er zunächst schräg angeguckt und angefeindet wird, aber durch Hartnäckigkeit und den Willen, über die Sprachbarrieren hinweg zu kommunizieren, Bekanntschaften formt. Das weckt wiederum das Misstrauen seiner deutschen Kollegen.

Grisebach lässt sich in ihrem Film ganz auf die Situation ein und filmt quasi unkommentiert, wie verschiedene Kulturen aufeinanderstoßen und der Mangel an Sprachkenntnissen – nur wenige der Bulgaren sprechen ein wenig deutsch, während die Deutschen weder des Bulgarisches noch des Englischen mächtig sind – gegenseitige Vorurteile vertieft und Konfliktlösungen erschwert. Zugleich taugt ihr Film aber auch als Porträt einer bestimmten Form von Männlichkeit: sie zeigt die Mut- und Kraftproben, in denen die Männer untereinander wieder und wieder ihre Beziehungen neu verhandeln, aber auch die Freundschaften, die sich ohne viel Worte ergeben können. »Western« ist ein Film, der keine große Kasse, aber noch von sich reden machen wird.

Der Wettbewerb in Cannes startete unterdessen mit Enttäuschungen, aber auch einem ersten Palmen-Favoriten. Enttäuscht zeigten sich viele von Todd Haynes' neuem Werk »Wonderstruck«, in dem der »Carol«-Regisseur ein Kinderbuch von Brian Selznick verfilmt hat. Die Geschichte zweier tauber 12-Jähriger, die davonlaufen und sich aber nicht treffen können, weil die eine 1927 und die andere 1977 spielt, ist voller gewollt wundersamer Ideen, die letztlich mehr über Sentimentalität als dramatische Logik zusammengehalten werden. Wenig überzeugen konnte auch der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó mit seinem zwischen Flüchtlingsthriller und Übersinnlichkeitsdrama schwebenden »Jupiter's Moon«. Die aktuelle Thematik, die feindliche Aufnahme, die Flüchtende in Ungarn erleben, mischt Mundruczó mit einem Mystery-Element auf: ein an der Grenze erschossener Syrer erhebt sich, statt zu sterben, plötzlich in die Lüfte. Was einerseits für visuell beeindruckende Aufnahmen sorgt, verpufft aber letztlich als wenig zu Ende gedachte Idee, um Fragen der Moral und des Glaubens abzuhandeln.

Der erste Favorit auf die Goldene Palme kommt aus Russland. Andrey Zvyagintsev, der vor ein paar Jahren mit dem bösen Russland-Heute-Gesellschaftsporträt »Leviathan« Furore machte, erzählt in seinem neuen Film »Loveless« eine eigentlich ganz private Geschichte: Ein Ehepaar in Scheidung streitet sich darüber, wer den 12-Jährigen Sohn zu sich nehmen soll – beide wollen ein neues Leben mit neuen Partnern ohne ihn beginnen. Der Junge hört das und läuft weg. »Loveless« gehört zu jenen Filmen, die den Zuschauer nicht mehr loslassen. Zuerst ist das das Mitgefühl mit dem ungeliebten Kind, dann aber, über die Tage der Suche hinweg, die Zvyagintsev mit kaltem, technischen Blick schildert, wird das Porträt der Eltern deutlicher, aber die Erkenntnis, dass sie keine Monster sind, sondern gewissermaßen »normal« fehlerhafte, egoistische Menschen, macht das niederschmetternde Ergebnis nicht leichter zu ertragen.

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