Berlinale: Salami-Taktik

Ausblick auf die digitale Berlinale
Internationale Jury (von l. o. nach l. u. im Uhrzeigersinn) Adina Pintilie © Manekino Film, Nadav Lapid © Guy Ferrandis, Mohammad Rasoulof © Cosmopol Film, Jasmila Zbanic © Edvin Kalic, Gianfranco Rosi © Mariangela Barbanente, Ildiko Enyedi © Hanna Csata

Stellen Sie sich vor, es ist Berlinale – und keiner geht hin. Nun, ganz so schlimm wird es bei dieser 71. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin nicht kommen. Aber eine gewöhnliche Berlinale, mit Publikum, rotem Teppich mit Stars drauf und Fachbesuchern, die endlich mal und bei meist schlechtem Wetter den Potsdamer Platz bevölkern, wird es auch nicht geben. Das lassen die Pandemie und die geschlossenen Kinos nicht zu.

Lange hatten die beiden Berlinale-Verantwortlichen Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian auf ein »physisches« Festival gehofft, aber im Dezember vergangenen Jahres gaben sie ihr Konzept einer Berlinale in zwei Ausgaben bekannt: das Industry-Online-Angebot vom 1. bis 5. März, das nur für Branchenvertreter und eine reduzierte Zahl von Journalisten zugänglich ist, und eine Publikums-Berlinale im Sommer (9. bis 20. Juni), über die Stadt verteilt in Kinos und Freiluftkinos. Allerdings wird dann nur etwa die Hälfte der Filme vom März zu sehen sein.

Im Unterschied zu vielen anderen Filmfestivals in den letzten Monaten, bei denen Interessierte auf einer Online-Plattform Tickets kaufen konnten, ist das Publikum bei dieser Berlinale nicht dabei. Der zentrale Bestandteil des Online-Angebots im März ist der European Film Market, der in der Berichterstattung normalerweise wenig wahrgenommen wird, aber zu den Triebfedern der Berlinale gehört, eine Messe für Produzenten, Einkäufer, Rechtehändler und Distributoren, die normalerweise 10.000 Besucher zählt.

Die erprobten Sektionen des Filmangebots der Berlinale wie Wettbewerb, Encounters oder Forum haben die Verantwortlichen beibehalten, wenn auch mit jeweils reduzierter Filmzahl. Die Jurys geben ihre Entscheidungen am 5. März bekannt. Übergeben werden die Bären aber erst beim »Summer Special« im Juni.

In die Jury des Wettbewerbs hat die Berlinale sechs Berlinale-Gewinner der letzten Jahre berufen: Nadav Lapid (»Synonymes«), Adina Pintilie (»Touch Me Not«), Gianfranco Rosi (»Seefeuer«), Jasmila Zbanic (»Esmas Geheimins«), Ildikó Enyedi (»Körper und Seele«) und den iranischen Regisseur Mohammed Rasoulof, der mit »Doch das Böse gibt es nicht« im letzten Jahr gewann und aufgrund seines Ausreise-Verbots zugeschaltet wird. Einen Jury-Vorsitz gibt es in diesem Jahr nicht.

Im Wettbewerb laufen 15 Filme, allesamt Weltpremieren, die weder in einem anderen Land im Kino noch auf einem anderen Festival gelaufen sind. In der Liste finden sich alte Bekannte der Berlinale wie der Südkoreaner Hong Sang-soo mit »Introduction«, der schon sechsmal nominiert war (im letzten Jahr lief »The Woman Who Ran«), die Französin Céline Sciamma (deren »Tomboy« 2011 die Panorama-Sektion eröffnete und die im vorletzten Jahr in Cannes mit »Porträt einer jungen Frau in Flammen« für Furore sorgte), der Rumäne Radu Jude (zuletzt 2015 mit dem Balkan-Western »Aferim!« im Wettbewerb) oder der Ungar Bence Fliegauf, der seine ersten Spielfilme im Forum zeigte und 2012 mit »Just the Wind« in den Wettbewerb berufen worden war.

Vier Filme stammen aus deutscher Produktion, der Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse« von Maria Speth, »Ich bin Dein Mensch« von Maria Schrader, Dominik Grafs Kästner-Verfilmung »Fabian« und das Regiedebüt des Schauspielers Daniel Brühl, »Nebenan«. Eine Kröte gibt es aber zu schlucken: Die Filme von Graf und Brühl sind nicht für das Streaming freigegeben und quasi nur für die Jury zu sehen. Eine US-amerikanische Produktion, sonst immer für den Star-Faktor zuständig, findet sich im diesjährigen Wettbewerbsprogramm nicht.

Auch wenn der Wettbewerb von seiner Papierform her erst einmal ein ambitioniertes Programm zu bieten hat – gespannt sein darf man auch auf Filme aus anderen Sektionen. Im Panorama etwa läuft »Die Welt wird eine andere sein« von Anne Zohra Berrached, eine Liebesgeschichte unter Migranten. Berrached hatte vor fünf Jahren mit »24 Wochen« auf sich aufmerksam gemacht, einem Entscheidungs-Drama über eine späte Abtreibung. Und die Reihe Special zeigt mit »Courage« von Aliaksei Paluyan einen Dokumentarfilm über Aktivisten aus der Künstlerszene in Minsk, die gegen das Regime in Weißrussland auf die Straße gehen.

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