Wettbewerb: Hauptsache aufregen!

»The Kindness of Strangers« (2019). © Per Arnesen

Vorweg, es ist sicher kein Meisterwerk, aber es haben schon weitaus schlechtere Filme die Berlinale eröffnet als Lone Scherfigs »The Kindness of Strangers«. Nicht so, wenn man das Presseecho betrachtet. Von Kitsch und Klischees ist da die Rede, von einer Schmonzette, in deren leeren Räumen die Figuren umher stolpern und von einem politisch irrelevanten Gefühlskino. Warum werden die Urteile so hart, wenn es um »kindness« geht, um Güte und Gefälligkeit, darum, sich für eine sehr begrenzte Zeit einmal märchenhaft wohl zu fühlen? Warum wird man bei der Berlinale so unnachgiebig? Warum will man sich aufregen? Flugs spricht man ihr die politische Relevanz ab, nur weil es bei der Eröffnung einmal einen anderen Tong gibt.

Aber nur ein oberflächlicher Blick in das Programm des Wettbewerbs ließ erahnen, was wir jetzt, am 3. Tag bereits wissen: die Leiden der Welt, die Ungerechtigkeit und die Gewalt bleiben sicher nicht außen vor. Wütende Kinder, missbrauchende Priester, tote Frauen in der mongolischen Steppe, psychisch Kranke, fliehende Väter und Serienmörder, verfolgte junge Historikerinnen,verliebte Agentinnen und wahrheitssuchende Journalisten die in der Mongolei ermodet werden, bis jetzt hat die Berlinale noch keinen weiteren Wohlfühlfilm im Wettbewerb angeboten. Nun werden viele einwenden, das Thema sei ja ok, aber die behäbige Machart, die Ausstattung und ja, vor allem die Musik – das war eben doch unterirdisch. Sicher, darauf kann man sich versteifen und all die netten Momente übersehen. Dass der Junge, der zu Beginn seinen Job verliert, weil er gar nichts kann, zum Schluß die Bass-Balalaika in die Hand nimmt und drauf auch nicht spielen kann. Dass der Stuhl, den er in verblüffender Wut aus dem Fester schmeißt, auf wundersame Weise wieder auftaucht und die Band dazu eine russische Version von »House of the Rising Sun« spielt. Dass Lone Scherfig den elenden Prozess der verprügelten Frau gegen ihren Polizisten-Ehemann nicht auserzählt, sondern in wenigen Minuten ohne Worte abhandelt und schließlich alles um Vergebung geht, das ist ihr zumindest anzurechnen. Gewalt gibt es nur an einer Stelle, als der aufbrausende Polizist seinem Vater das Telefon über den Schädel zieht. »Das hab ich auch schonmal besser gesehen«, sagte ein Kollege. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. 

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