Retrospektive: »Nie wieder schlafen«

»Nie wieder schlafen« (1992). © Deutsche Kinemathek / Pia Frankenberg Musik- und Filmproduktion

»Nie wieder schlafen, nie mehr zurück« heißt der Film von Pia Frankenberg laut Vorspann; offiziell angekündigt ist er als »Nie wieder schlafen«: Drei Freundinnen auf Berlin-Besuch, eigentlich als Gäste einer Hochzeit, von der verabschieden sie sich bald und lassen sich durch die Stadt treiben. Es ist, laut Einblendung, Spätsommer 1991, die Stadt ist im Aufbruch, muss sie auch sein, weil vieles gerade im Abbruch befindet. Frisch wiedervereinigt, frisch die Narbe der Mauer geglättet, und gerade ist man dabei zu bemerken, was da alles erneuert werden müsste. Die Geschichte der Stadt ist voll sichtbar, sie ist ein offener Knochenbruch, bei dem man mit einem geschulten Blick auf die Ursache schließen kann. Lilian, die Stillste der Clique, hat ihre Videokamera dabei, sie hat einen klaren Blick auf die Stadt; sie ist auch mitten drin bei der Umbettung des Alten Fritz, befragt Passanten, die freudig Auskunft geben über die große Vergangenheit: »Wenn es den Großen Preußen nicht gegeben hätte, wären wir jetzt alle Schweden!«

Im Mittelpunkt des Films aber steht Roberta, die Jüngste, die viel redet, meistens über sich, und die im tiefen Inneren unglücklich ist. Noch nicht so, dass sie es wirklich bemerken würde, aber so, dass es manchmal ausbricht aus ihr, wenn ihr alles zuviel wird. Dann springt sie ins Wasser, weil sie was Körperliches machen muss; oder, wie sie erzählt, sie zerschlägt Teller oder verprügelt ihren Mann.

Roberta, Lilian und Rita sind für ein paar Tage frei, befreit vom Alltag, frei füreinander. Sie ziehen durch die Stadt und lassen die Stadt auf sich wirken. Sie spielen mit den Orten, und die Orte spielen mit ihnen. Wo das Gestapo-Gebäude stand spricht Lilian über die Vergangenheit. »Wie soll ich mich dazu verhalten!«, fragt fast höhnisch Roberta. Gar nicht. Man muss sich gar nicht immer verhalten, sondern gucken, wirken lassen.

Pia Frankenberg war vor dem Film da, erzählte, wie sie mit Kamerafrau Judith Kaufmann auf dem Fahrrad durch Berlin gefahren ist, wie sie zusammen die Schauplätze ausgesucht haben, wie die Geschichte dann im Wechselspiel der Charakter-Entwicklung und der Schauplatz-Ausstrahlung entstanden ist. Eine Geschichte, erklärte Frankenberg fast entschuldigend (wenn auch selbstbewusst), die keine wirkliche Handlung sei, sondern episodische Charakterporträt. Was aber natürlich auf so ziemlich jeden Film zutrifft, der auf der Berlinale – oder überhaupt auf Filmfestivals – läuft. Im Wettbewerb bisher beispielsweise: »Systemsprenger«, »Ödön«, »Der Boden unter den Füßen«: keine zwangsläufige Chronologie oder kausale Abfolgen der Szenen, aber mit innerem Zusammenhalt.

»Nie wieder schlafen«: Ein wirklich toller, ein lustiger, ein bewusster, ein offener, ein tiefgehender Film. Einmal verfolgen Roberta und Lilian, einfach so, einen Passagier aus der S-Bahn, und stellen ihn schließlich in einem Café. Ernst Stötzner spielt diesen Ostdeutschen, der erst ein Phantom ist, der dann von seinem großen Traum erzählt und dann die große Tragödie seines Lebens offenbart. Genauso geht der Film mit seinen Protagonistinnen um: Er offenbart langsam immer mehr von ihnen, auch Widersprüchliches, auch umfahrend, ausweichend, dann aber doch auf den Punkt. Er verfolgt die Charaktere, irgendwann befragt er sie. Und sie antworten.

In der Danksagung von »Im Kreise der Lieben« wird Pia Frankenberg erwähnt; ebenso in den Danksagungen von »Nie wieder schlafen« Hermine Hundtgeburt (sic!). Schade, dass es nur einführende Gespräche, aber kein anschließendes Q&A zu den Filmen gab, die Verbindung wäre interessant.

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