Wahl der Waffen
Gestern berichtete der „Guardian“, dass die mächtige Robin-Hood-Eiche im Sherwood Forest tot ist. Der Baum mit der ausladende Krone, dessen Lebensalter zwischen 1000 und 1200 Jahren geschätzt wird, trug im Frühjahr keine Blätter mehr. Seine Wurzeln seien erstickt und hätten keine Nahrung mehr gefunden, erklärten Naturschützer. Der Bandit soll oft unter im Schutz gefunden haben.
Nun lehrt uns „The Death of Robin Hood“ eindringlich, der Legende nicht zu trauen. Die Produzenten von Michael Sarnoskis Film werden sich wohl nicht unbedingt freuen über die Nachricht, die uns pünktlich zum Start erreicht. Gleichwohl scheint sie den Pessimismus des Titels, sozusagen doppelt postum, zu beglaubigen. Mich beschäftigt in dieser Woche aber noch ein anderes Zusammentreffen. Zeitgleich startet nämlich „The Furious“ von Kenji Tanigaki, auf den ich vor guit einer Woche aufmerksam geworden war, als David Ehrlich von „Indiewire“ ihn als den brutalsten Actionthriller des Jahres bezeichnete. Ist in einer Woche Platz für gleich zwei nihilistische jeux de massacre? Und welcher würde den anderen an Gewalttätigkeit überbieten?
Der Name des Regisseurs sagte mir nichts; der Japaner hat sich vor allem als Stunt Coordinator/ Director in Hongkong und anderswo beträchtlichen Ruhm unter Eingeweihten erarbeitet. Sein neuer Film ist eine bemerkenswert pan-asiatische Angelegenheit, federführend produziert von Bill Kong aus Hongkong, geschrieben von vier seiner Landleute und hauptsächlich in Thailand (ein Titel verrät nur: „Irgendwo in Südostasien“) gedreht mit Stars aus Festlandchina etc. Es wird Englisch, Tagalog und Mandarin gesprochen. Wenn ich rechtzeitig auf den „The Raid“-Zug aufgesprungen wäre, würde ich mich auf diesem Terrain zweifellos besser auskennen. Noch so eine Lücke, die ich als bangen Ansporn nehmen könnte.
Im Voraus hatte ich vermutet, mit diesem Doppelpack sei das Jahrespensum an Grauen und Brutalität erfüllt, aber die Trailer („Exit 8“, „Insidious“, „Evid Dead Burn“, „The End of Oak Street“. „Ice Cream Man“) belehrten mich eines Besseren. Wie Sarnoskis Film erzählt auch „The Furious“ von einem Abstieg in die Hölle. Es geht darum, einen Ring von Kinderräubern dingfest zu machen. Der stumme Vater eines entführten Mädchens (Xie Mao, der Jet Li ähnelt, dessen Sohn er schon einmal gespielt hat) kommt ihm, nachdem er die Schurken vergeblich gestellt hat, geistesgegenwärtig auf die Spur. Der Journalist Navin (Joe Taslim, der mich ein wenig an Albert Schuch erinnerte) hat gemeinsam mit seiner vermissten Verlobten zu dem Ring recherchiert (die Eröffnungssequenz macht wenig Hoffnung, dass sie ihre Nachforschungen überlebt hat) und tut sich nun, nach einem rabiaten Missverständnis, mit ihm zusammen. Die Bande ist gut vernetzt, hat einen hohen Polizeioffizier auf ihrer Seite und besteht aus einer Legion von Handlangern.
Die Suche des Gespanns wird entlang einer Reihe wuchtiger Martial-Arts-Orgien erzählt, die Kensuke Sonumura spektakulär choreographiert hat. (Hier finden Sie eine tour d' horizon seines Schaffens: https://mubi.com/en/notebook/posts/the-action-scene-fluid-dynamics-the-experimental-action-of-kensuke-sonomura). Es wird mit allem gekämpft, was gerade zur Hand ist. Der stumme Vater ist ein versierter Handwerker, der mit einem kleinen Hammer ebenso gut wie mit einem Vorschlaghammer umgehen kann. Wie bei Sarnoski kommen auch Äxte zum Einsatz sowie Pfeil und Bogen, die sich am Schluss als die todbringendste Waffe erweisen. Der Journalist ist dem Vater an Kampfkunst ebenbürtig, aber ihre Gegner sind es leider ebenfalls. Während Robin Hood und Little John ihren Widersachern möglichst rasch den Garaus machen wollen, geht es in der asiatischen Variante darum, das Spiel nicht zu früh zu beenden; Man wird sich wieder begegnen. Tanigaki und Sonumura haben die Dauer im Blick. Ein Showdown folgt auf den anderen. Die Choreographie arbeitet frenetisch mit der Nähe. Die Gliedmaßen der Gegner werden in eigene Waffen verwandelt. Deren Körper werden zu Mobiliar, zu Sprungbrettern. Fürwahr, physisches Kino par excellence. Das Sound Design suggeriert, dass hier andauernd Knochen und auch manches Genick gebrochen werden. Aber die begnadeten Körper der Helden und ihrer Widersacher überstehen die Torturen vorerst.
Das immerhin achthändig geschriebene Drehbuch flicht zur Abwechslung intime, hoffnungsvolle Momente ein. Zwischendrin war ich überraschend gerührt. Denn die entführte Rainy wird tatsächlich gefunden; sie ist eine echte Tochter ihres Vaters: furchtlos, wehrhaft, sie hat Nehmerqualitäten und ist aufopferungsvoll solidarisch. Auch die Polizei ist nicht durch und durch korrupt. Eine verständige, pflichtbewusste Sergeantin tritt couragiert auf den Plan. Schusswaffen spielen indes eine vergleichsweise anekdotische Rolle. Das furiose Finale trägt sich auf ihrem Revier zu. Es bestätigt David Ehrlichs Urteil, nun scheinen die vorherigen Gemetzel als eine gebremste Präambel (obwohl: die eiskalte Enthauptung im ersten Drittel habe ich noch gar nicht erwähnt). Jetzt fließt richtig viel Blut. Eine solch martialische Ausdauer wäre wohl selbst über Robin Hoods Vorstellungskraft gegangen.
Beim Hinausgehen fragte der freundliche Kartenkontrolleur, ob der Film denn so gut wie „The Raid“ sei. Da war ich selbstredend überfragt; für mich war das eine ganz fremde Welt. Ein Kinogänger hinter mir konnte kundigere Auskunft geben. Ich belauschte kurz ihre Fachsimpelei. Und mir fiel auf, dass dies die erste Kinovorstellung seit Jahrzehnten war, in der ich mich ausschließlich in der Gesellschaft von Männern befand.




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