Nur für die Dauer des Krieges?
Der sommerlichen Idylle bleibt nur eine kurze Frist. Im Haus in der Sierra, das Diego von seinem Vater geerbt hat, lässt sich die sengende Julihitze gut ertragen. Das Glück freilich, das der Zeitungsjournalist dort mit seiner Frau Teresa und ihrer gemeinsamen Tochter Berta erlebt, lodert. Das Leben zeigt sich an diesem friedlichen Ort in all seiner Pracht.
Brüsk zerreißt das Klingeln des Telefons die heitere, verträumte Stimmung. Die Redaktion ruft ihn dringend nach Madrid zurück. Zögernd bricht Diego auf. Während er mit seiner fabrikneuen Ford-Limousine rasch die Sierra von Guadarrama überwindet und sich bald der Hauptstadt nähert, hört Teresa in der Ferne den Lärm von Maschinengewehren und bald das Donnern einer Kanone. Die Telefonverbindung nach Madrid bricht ab, denn der Strom im Sommerhaus ist ausgefallen. In der Redaktion erfährt Diego sogleich, was geschehen ist: Abtrünnige Militärs haben einen Putsch unternommen, zuerst im spanischen „Protektorat“ Marokko und marschieren nun bereits durch Andalusien. Derweil rücken die Truppen des General Mola auf Guadarrama vor. Als Diego zu seiner Familie eilen will, wird sein Ford von republikanischen Milizionären requiriert. Aussichtslos, dagegen zu protestieren. Von einem Tag auf den anderen herrschen neue Gesetze.
So beginnt Carlos Sauras Roman "Dieses Licht!", in dem man ganz unmittelbar, gleichsam in Realzeit den Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieg am 17. Juli 1936 miterleben kann. Ich wusste nichts von seiner Existenz, bis ich ihn im letzten Herbst zufällig in einem Antiquariat entdeckte. Die deutschsprachige Ausgabe erschien 2001, nur ein Jahr nach Veröffentlichung des spanischen Originals. Im Kern erzählt auch Saura, in Anlehnung an reale Schicksale, von einer Odyssee, aber ohne das Versprechen einer Rückkehr. Auf der Suche nach Teresa und Berta gerät Diego als Kriegsberichterstatter zwischen die Fronten. Seine Frau, die eine vielversprechende Karriere als Konzertpianistin aufgab, ist unterdessen zu ihrer Familie geflüchtet, die abweisend reagiert und den Nationalisten nahe steht. Der Riss, der durch die spanischen Gesellschaft geht, entzweit auch die Hauptfiguren des Romans. Ich verschlang ihn in zwei kurzen Tagen. Die Ereignisse überschlagen sich, alles geschieht in atemlosem Tempo. Beim Lesen wurde mir ziemlich schnell klar, dass es sich um die Literarisierung eines Drehbuchentwurfes handeln muss. Saura schreibt im Präsenz. Seine Prosa ist eher dürr, dafür ungemein beschreibungsintensiv und situationsgetrieben; allerdings wird sie von Gedankenströmen durchzogen. Strukturiert ist der Roman ansonsten als Parallelmontage, die die Erlebnisse der Protagonisten abwechselnd schildert.
Tatsächlich stieß ich bei meiner Recherche im Netz auf ein Drehbuch namens »Esa Luz!«, das Saura bereits 1995 veröffentlichte. Bis dahin hatte er sich auf Umwegen, von den Rändern her, mit dem Bürgerkrieg auseinandergesetzt. 1966, noch unter dem Franco-Regime, brachte er »Die Jagd« heraus, der sich allegorisch mit dessen gesellschaftlichem Erbe beschäftigt. (Siehe auch "Nicht veraltet" vom 23. 2. 2024) 1990 erzählte er in „Ay Carmela!“ den tragischen Schelmenroman einer kleinen Truppe von Varietékünstlern, die auf der Seite der Republikaner stehen. Im Nebel zwischen den Fronten verirrt, werden sie von den Nationalisten gefangengenommen und geraten schließlich in die Fänge eines italienischen Offiziers, der im Zivilleben Theaterdirektor ist und mit den redlichen Opportunisten nun eine patriotische Revue aufführen will. Mit dem Film feierte Saura einen seiner größten Erfolge, er wurde mit Goyas überhäuft. Dass er danach für »Esa Luz!« kein grünes Licht bekam, wird gewiss bezeichnende Gründe haben. Das wahrscheinlich hohe Budget, das er verschlungen hätte, wird nur einer gewesen sein. (Ich forsche weiter, schauen Sie in den nächsten Tagen noch einmal herein.)
Das Scheitern des Projektes ist umso bedauerlicher, als dies eine Art filmischer Urtext zu diesem Thema hätte werden können. Es gibt zwar eine ganze Menge Filme über den Spanischen Bürgerkrieg (eine exzellente Auswahl läuft derzeit hier: https://brotfabrik-berlin.de/wp-content/uploads/2026/06/Filmreihe_A-las-Barricadas-Spanische-Revolution_web.pdf,), aber nur wenige, die direkt von seinem Anfang erzählen. Bislang ist mir nur der ganz erstaunliche »Mientres dure la guerra« (etwa: Nur während des Krieges, der internationale Titel lautet While at War) von Alejandro Amenabar aus dem Jahr 2019 bekannt. Er erzählt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven von überwundener Unschlüssigkeit. Am 19. Juli wird das Kriegsrecht verhängt. Nationalistische Truppen besetzen Salamanca und verhaften den sozialistischen Bürgermeister. Der Schriftsteller und Gelehrten Miguel de Unamuno spricht sich öffentlich für den Putsch aus, als ihn die Frau des Bürgermeisters um Hilfe bittet. Don Miguels Wort hat Gewicht, aber der erste Akt des Films handelt von de Unamunos unerhörtem Schweigen. Als sich das Kriegsglück wendet, kostet ihn die frühe Fürsprache seinen Posten als Dekan der Universität von Salamanca. Die Vorwürfe der Bürgermeisterfrau hallen den Film über nach.
Die zweite Handlungsebene setzt am 19. Juli in Marokko ein, als eine Delegation aus Nazideutschland General Franco bedrängt, die Führung der faschistischen Truppen zu übernehmen. Er zaudert, fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen. Anfangs hat er keinen Rückhalt; insgeheim halten ihn auch seine Landsleute nicht für den idealen Kandidaten. Allerdings fürchtet man ihn als schlauen Fuchs. Inzwischen steuern deutsche Junkers auf Gibraltar zu. Dies Zögern Francos, seine Zweifel ("Ich habe alles falsch gemacht, von Anfang an.") faszinieren mich. Er ist eine Figur der Schwäche, es gebricht ihm am nötigen Elan, der Sprung zum faschistischen Charakter verläuft nicht so eindeutig und konsequent, wie ich stets dachte. Die politische und militärische Macht soll er nur für die Zeit des Bürgerkriegs innehaben. Die Würfel fallen nicht schnell.
Derweil bleibt Don Miguel eine Gestalt des Dazwischen. Er bastelt viel, einmal einen Davidstern aus Papier. Entscheidungen kann er erst treffen, nachdem er sich lange mit seinen Freunden beraten hat. Der Streit mit einem von ihnen vor den Toren der Stadt ist wunderbar gefilmt, die Musik übertönt die Stimmen und schweigt dann, um ihre Worte wieder ins Recht zu setzen. Amenabar ist ein Regisseur, der großartige filmische Lösungen für Ideen und Rhetorik finden kann (siehe „Eine Kreisparabel“ vom 7. 10. 2024). Die Wandlung Don Miguels vollzieht sich mählich, Sein Treffen mit Franco erweist sich als eine niederschmetternde Enttäuschung. Nun ist der Weg zur Erkenntnis frei; er erträgt das eigene Schweigen nicht mehr. In der Aula der Universität hält er eine Brandrede gegen die Faschisten, die berühmt geworden ist: Erobern bedeutet nicht überzeugen. Die aufgebrachte Menge droht ihm Gewalt an, er wird von Bewaffneten hinausgeschafft.
Dank der Reihe der Brotfabrik habe ich einen weiteren Titel entdeckt, der vom Anfang handelt, als man fast noch glauben kann, der Bürgerkrieg gehöre noch den Spanier allein und sei noch kein Stellvertreterkrieg: »Der Lehrer, der uns das Meer versprach« von Patricia Font. Die Regisseurin stimmt uns sogar ein in die Vorgeschichte, die kurze Zeit der Republik, als die Utopien zur Alltagswirklichkeit werden konnten. Alberto Vals Drehbuch setzt 2010 ein und blendet zurück – das Operieren mit zwei Zeitebenen gehört zur Folklore dieses filmischen Topos, der vom Bewahren des Andenkens handelt. Er gewinnt stets eine persönliche wie generelle Dimension: Die spanische Zivilgesellschaft will ihre Vergangenheit zurückgewinnen.
Fonts Film fängt arthousetypisch an, wohltemperiert, mit ausgesucht symmetrischen Einstellungen. Die Reise von der Gegenwart in die Historie wird komplizierter. Der Großvater von Ariadne hat, als er noch bei klarerem Verstand war, Kontakt mit einer Organisation aufgenommen, die nach den Gebeinen verscharrter Franco-Opfer gräbt. Die Leiterin der Ausgrabungsstätte zeigt Ariadne eine Karte Spaniens, die übersät ist mit Massengräbern, die inzwischen entdeckt wurden. Ihre Suche nach dem Urgroßvater führt sie bald auf eine weitere Spur: dies des Lehrers, der ihren damals angeblich renitenten Großvater in die Gesellschaft zurückholte. 1935 übernimmt der idealistische Linke Antonio die Zwergschule in einer kleinen Provinzstadt, wo zuvor ein streng katholischer Priester unterrichtete. Er bringt frischen pädagogischen Wind in den Ort, er bezaubert seine Schüler, öffnet ihren Geist. In dieser Schule wird nicht mehr geschlagen, sondern gefördert. Anke Sterneborg formulierte in ihrer damaligen Kritik begreifliche Vorbehalte (https://www.epd-film.de/filmkritiken/der-lehrer-der-uns-das-meer-versprach), aber mich berühren solche Beschwörungen einer hellen, zugewandten, die Welt aufschließenden Pädagogik unweigerlich. (Ergäbe ein schönes Doppelprogramm mit »Louise und die Schule der Freiheit«.) Obwohl die konservativen Verharrungskräfte in dieser engen Welt bedrohlich präsent sind, schafft Antonio hier Außerordentliches. Alles spielt in uralten Gemäuern, aber wir erleben mit, wie Fortschritt sich Bahn brechen kann. Mit dem 19. Juli 1936 ändert sich alles schlagartig. Der Terror lauert nicht mehr, sondern fordert das erste, blutige Opfer. Die Notablen, denen Antonios neuen Ideen nie geheuer waren, hängen ihr Fähnchen in den neuen Wind.
Das Drehbuch führt die Ebenen zusehends eleganter zusammen. Das Haus, in dem der kleine Emilio mit seinen Eltern lebte, hat sich seit den 1930ern nicht verändert, im Türfenster hängt noch die selbe Stickerei. Mit dem Ende des Schuljahres sind auch die Ausgrabungen abgeschlossen. Die schwangere Leiterin zieht zur nächsten; sie hat die Zukunft im Blick. Und Ariadne hat noch eine andere Vergangenheit gefunden als die, die sie suchte.




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