Der zweite Armenier

Der Anfang von „Gloria Mundi“, der gestern bei uns angelaufen ist, gibt ein Versprechen aus, der er offenbar nicht hält. Robert Guédiguians Film beginnt im Zeichen des Optimismus: mit einer Geburt. Das freudige Ereignis des Prologs bleibt nicht folgenlos für den Film (es versammelt, mit einer Ausnahme, sämtliche seiner Hauptfiguren), wirkt aber doch merkwürdig unverbunden mit ihm.

Das hat einerseits mit dem Problem der Zuversicht zu tun, die aufzubringen dem Regisseur diesmal schwerer fällt als sonst. Der euphorische Auftakt legt die Messlatte zu hoch, als dass das Folgende sie erreichen könnte. Eine bemerkenswerte, mutige Binnenspannung des Films. Auch ästhetisch steht die Sequenz für sich. Der Eindruck des Euphorischen verdankt sich wesentlich der Musik, die diesen Moment begleitet: eine Passage aus Verdis „Requiem“. Begleitung ist ein ungeeignetes Wort, sie unterstreicht nicht, sondern wertet auf, sie überhöht. Für Guédiguian ist das ein sakraler Moment. Und er hat eine fesselnde Herkunft.

Der Prolog ist eine Hommage an den Kurzfilm „Leben“ des Filmemachers Artavazd Pelechian. Guédiguian erweist ihm seine Reverenz gewiss nicht nur, weil er selbst armenische Wurzeln hat, sondern vielleicht auch, weil er in seinem Kollegen einen unbeirrten Außenseiter sieht, mit dem er sich identifizieren kann. Der Titel selbst ist nicht unwichtig, denn insgeheim ist Guédiguians Werk ein Projekt der Lebensbejahung: gegen alle sozialen Widerstände, als etwas, das keine Prämisse ist, sondern jedes Mal neu errungen werden muss.

Ich hege schon seit einiger Zeit den Wunsch, mich eingehender mit Pelechian zu beschäftigen (es gibt unterschiedliche Schreibweisen seines Namens, aber diese gefällt mir am besten, weil sie unmissverständlich armenisch ist). Aber es ist ein Vorhaben, das mich ein wenig einschüchtert. Das liegt nicht am Umfang seines Werks – seine Filme sind, alle zusammen genommen, nicht länger als ein kurzer Lav Diaz oder ein mittlerer Ryusuke Hamaguchi. Der kürzeste ist sechs, der längste 60 Minuten lang; einen hat er von ursprünglich 48 Minuten auf eine halbe Stunde gekürzt. Gerade einmal zehn Arbeiten und dennoch ein Lebenswerk. Es war womöglich die Vermutung von etwas Hehrem, einer außerordentlichen formalen Strenge, die mich bisher zögern ließ. Dem stand die Ahnung des Exquisiten gegenüber.

Auf ihn aufmerksam wurde ich durch Pietro Marcellos Dokumentarfilm „Il silenzio di Pelesjan“. Um ehrlich zu sein, war ich mir zuerst nicht sicher, ob er und sein Werk nicht eine Erfindung Marcellos seien. Ein historisch bedeutsamer Filmemacher, der seit den 1960er Jahren tätig ist und von dem man nie zuvor gehört hat? Nun sollte man das Ausmaß des eigenen Unwissens niemals unterschätzen. Im Gegenzug jedoch besitzt die Filmgeschichtsschreibung ein großes Talent zum Verschwindenlassen. Vielleicht ließ sie neben Sergej Paradschanow (siehe Eintrag „Im Prinzip ja“ vom 17.12 2018) schlicht kein zweites Genie aus Armenien zu. Seine Schweigsamkeit trug wohl zu der rätselhaften Unsichtbarkeit bei. Ein Fall für Spezialisten. Aber zu denen will man nicht unbedingt gehören. Ein Eingeweihter hingegen würde ich gern. Immerhin wird er seit Jahrzehnten regelmäßig wiederentdeckt (hier zu Lande, fürchte ich, vor allem als Theoretiker der Montage), auf Festivals in Frankreich und anderswo, seine Filme laufen in Ausstelllungen (wo sie die wesentlichen Exponate sind), namentlich um die Jahrtausendwende in Wien und im letzten Winter zum zweiten Mal in der Fondation Cartier in Paris. Diese Ausstellung war um seinen jüngsten Film „Nature“ konzipiert, eine Auftragsarbeit für die Fondation und das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. Corona sabotierte mehrfach mein Ansinnen, sie zu besuchen.

Es gibt einfachere Wege, seiner habhaft zu werden. In Frankreich ist 2018 ein Gutteil seiner Filme in einer DVD-Edition erschienen (vor deren mangelhafter Qualität zahlreiche Internauten indes warnen), auch auf Youtube kann man sie sehen. Da mir Guédiguian den Weg gewiesen hatte, wählte ich „Leben“ als Einstieg. Gut möglich, dass ich ihn auf dem falschen Fuß erwischte. Es ist sein erster (und nach Ausschnitten aus „Nature“ zu urteilen, wohl nach wie vor einziger) Film in Farbe, und er erschien 1993 als der letzte Film vor Beginn eines weiteren, diesmal des am längsten dauernden Schweigens.

Mich jedoch hat der Film auf dem richtigen Fuß erwischt. Er ist sublim. Die Kamera konzentriert sich radikal auf die Gesichter zweier Frauen, die im Profil zu sehen sind. Sie sind mit langer Brennweite gefilmt, was zu dem Gefühl einer Intimität beiträgt, die nicht gestohlen ist. In den Zügen der Frauen ist Anspannung zu spüren, aber bei der einen vorerst noch keine Anstrengung. Sie ist in Erwartung, scheint sich zu sammeln, fast spielt ein Lächeln um ihren Mund. Zuversicht. Während in den Einstellungen der ersten Frau vor allem die Kamera eine behutsame Unruhe schafft, kämpft die zweite mehr. Trotzdem liegt Friedlichkeit über diesen Impressionen. Verdis „Requiem“ kommt nach einer halben Minute leise zu Gehör. Abgesehen davon ist nur ein Herzschlag zu hören. Es braucht einen Moment, bis man begreift, dass die Kamera gerade Zeugin zweier Geburten ist. Gewiss, es liegt Schweiß auf den Gesichtern der entbindenden Mütter. Eine umklammert das Handgelenk eines Arztes oder Krankenpflegers. Aber die Wehen scheinen kein Martyrium, die Gesichter sind nicht von Schmerz verzerrt. Erst im letzten Drittel schleicht sich Ungestüm in die Einstellungen. Gäbe es Direktton, wäre der Eindruck anders. Aber so oder so wohnt man einem Wunder bei. Nach fünf Minuten wird ein Neugeborenes geduscht, danach eingewickelt. Vor der letzten Minute gibt es eine Ellipse. Nun blicken Mütter und Kleinkinder in die Kamera. Sie lächeln nicht, aber ihre Gesichter erzählen vom Gelingen.

Ein unvorstellbare Magie liegt in diesen sechseinhalb Minuten, die eine schwerelose Bejahung sind. Im Jahr davor hat Pelechian seinen Film „Ende“ gedreht, in dem er Menschen während einer Zugfahrt betrachtet. Er selbst ist darunter, Pietro Marcello zitiert diese Einstellung. Das Schwarzweiß, der Ausdruck der Fahrgäste und die Metapher der Eisenbahnfahrt lassen keinen Zweifel aufkommen, wohin die Reise geht. Aber Pelechian hat „Leben“ danach gedreht, nicht aus trotzigem Optimismus, sondern aus erhabenem. Ich bin überzeugt, er hat damals schon genau gewusst, worauf Guédiguian hinauswill.

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