Der Verlierer schreibt die Geschichte

Am vergangenen Sonntag beschloss das Parlament von Mississippi, sich von der bisherigen Flagge des Bundesstaats zu verabschieden. Bis dahin war die Kriegsflagge der Konföderierten noch Teil des Banners gewesen. Im Senat stimmten 37 gegen 14 Abgeordnete für diese Maßnahme; im Repräsentantenhaus fiel das Votum mit 91 gegen 23 Stimmen noch deutlicher aus. Damit hat sich auch der letzte Südstaat der USA von dieser historischen Altlast getrennt.

155 Jahre sind seit Ende des Bürgerkriegs vergangen, aber die rote Fahne mit dem blauen Sternenkreuz führte seither ein reges, gespenstisch öffentliches Nachleben. Sie ist nicht nur weltweit bei Bikern beliebt, die sich von diesem Symbol wohl ein Flair des Rebellentums versprechen. Tatsächlich war die Verwendung der Abtrünnigenflagge nur kurzzeitig nach der Kapitulation der elf Sklavenhalterstaaten, während der "Reconstruction", verboten. Damals waren sie tatsächlich eine Besatzungszone, aus der die letzten Unionstruppen erst 1877 abgezogen wurden. Danach ließen die Südstaaten es sich nicht nehmen, sie vor Verwaltungsgebäuden und zu offiziellen Anlässen zu hissen. Es ist gerade einmal fünf Jahre her, dass die Fahne, als Konsequenz des rassistisch motivierten Anschlags von Charleston, endgültig vor dem Parlament von South Carolina eingeholt wurde. Die Morde an George Floyd, Rayshard Brooks, Ahmaud Arbery, Breonna Taylor und anderen haben jüngst einen flächendeckender Bildersturm entfesselt, der wahrscheinlich nicht die Folklore um das erloschene Antebellum beenden wird, aber vielleicht dessen öffentliche Sichtbarkeit. Erst jetzt, wo Statuen und Bilder demontiert und am Ende vielleicht doch Militärstützpunkte umbenannt werden könnten, wird einem das ganze Ausmaß bewusst, mit dem das Andenken des alten Südens in Ehren gehalten wurde. Warum nur hat das Umdenken, hat der Abschied so lange gedauert?

Das Kino kann darauf mannigfache Antworten geben. Die eindeutigste scheint »Vom Winde verweht« zu liefern. Es nimmt nicht Wunder, dass um ihn momentan ein so heftiger Kulturkampf entbrannt ist.Noch immer erstaunlich ist jedoch die Wirkungsgeschichte von David O. Selznicks Film. Der Bürgerkrieg galt Ende der 1930er Jahre als Kassengift (Griffith' "Geburt einer Nation" lag lange zurück), aber Selznicks Epos hebelte viele Mechanismen aus. Es ist nicht nur der nach wie vor der einspielstärkste Film aller Zeiten (inflationsbereinigt), sondern trug nachhaltig zur radikalen Umdeutung der Historie bei. Welche Rolle er für das Selbstbild der USA spielt, zeigt sich schon darin, dass er zur Zweihundertjahrfeier 1976 im Fernsehen lief und von 47 Prozent aller Haushalte gesehen wurde. Demoskopisch unmöglich, dass die alle in den Südstaaten lagen. Nein, »Vom Winde verweht« war ein stets einheitsstiftendes Phänomen. Der Sender NBC wusste genau, weshalb er damals die Rekordsumme von 5 Millionen für eine einzige Ausstrahlung zahlte.

Bereits bei seinen zahlreichen Kinoauswertungen muss er im Norden eine unfassliche Nostalgie nach dem Plantagenleben im Süden entfacht haben. Es ist so idyllisch, dass selbst die Sklaven zu resoluten Hütern der alten Ordnung werden! Fürwahr, der Süden scheint hier für das bessere Amerika zu stehen, auf jeden Fall aber für das romantischere. Diese alte Ordnung erfüllt die amerikanische Sehnsucht nach Aristokratie. Nicht von ungefähr wurden drei der Hauptrollen mit britischen SchauspielerInnen besetzt. Der Gentleman aus dem Süden avancierte fortan zu einer archetypischen Kinofigur, zu einem Inbegriff anachronistischer Ritterlichkeit. Selznicks Film beschwört den Mythos der "lost cause", die schon deshalb nobel ist, weil sie heroisch verloren ging. Ungeheuerlich, diese amerikanische Nachsicht gegenüber einem besiegten Feind! Denn genau das war die Konföderation: Sie übte Verrat an den Vereinigten Staaten. Aber der Name, den sie sich gab, ist verlockend, geradezu unwiderstehlich. Zu einer Konföderation schließen sich unabhängige, souveräne Staaten zusammen. Wie wenig Raum für die den Amerikanern so teure Autarkie bleibt hingegen in einer Union? Die Sklavenhaltergesellschaft als Garten der Freiheitsliebe? Immerhin hat der Süden die Nostalgie auch aus Gründen der erfreulicheren Ökonomie auf ihrer Seite: eine agrarische, pastorale Welt, die vom gesichtslos industrialisierten Norden überrannt wird. Eigentlich muss es nicht wirklich verblüffen, dass HBO "Vom Winde verweht" so geisterhaft schnell wieder aus dem Giftschrank heraus- und zurück ins Programm geholt hat; wenn auch mit dem Feigenblatt eines kritischen Appparats. Wir haben es mit einem Mythos von bemerkenswerter Unverwüstlichkeit zu tun. Weitere Antworten im Juli.

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