Requiem für ein Möbel

Ihr Fehlen fiel mir erstmals auf, als in meiner Straße unlängst Dreharbeiten stattfanden. Vergeblich suchte ich sie zwischen den Catering- und Ausrüstungswagen. Für einen Moment dachte ich, man habe sie für den Dreh kurzzeitig abmontiert. Wie konnte ich nur auf diese Idee kommen? Wann immer Litfaßsäulen in Filmen vorkamen, schmückten sie die Szenerie.

Tatsächlich musste diese Säule ihren Platz für einen Parkautomaten räumen. Zu ihrem Verlust kommt noch ein zweites großstädtisches Ärgernis hinzu. Bis Ende Juni sollen nahezu sämtliche Litfaßsäulen abgebaut werden. Sie haben bestimmt schon darüber gelesen; sogar in Paris wurde ich auf ihr Verschwinden angesprochen. Dafür ist ein Betreiberwechsel verantwortlich; was an ihre Stelle tritt, ist nicht ganz klar. Anscheinend werden sie durch ein moderneres Modell ersetzt, bei dem die Plakate von innen beleuchtet werden. Sie könnten mithin so aussehen wie die "colonnes Morris" in Paris. Das wäre kein Weltuntergang.

Aber bis dahin tragen die verbliebenen Säulen bunte Trauer. Zunächst hatte jemand die Hilferufe "Rettet diese Säule!" oder "Erhaltet diese Säule!" auf die leeren Wände geschrieben, immer in der selben Handschrift, egal, in welchem Stadtteil sie standen. Dann kaperte eine gewitzte Berliner Künstlerin sie und plakatierte Grabsprüche auf ihnen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, also jener Ära, als der Berliner Drucker Paul Litfaß die Annonciersäule aus der Taufe hob. Der Name der Künstlerin, das ist in diesem Zusammenhang interessant, klingt gleichermaßen nach Erich Kästner und Arno Schmidt: Tina Zinnober. Inzwischen nutzen alle möglichen Veranstalter die freien Werbeflächen illegal für ihre Zwecke. Sie verlangen nach Aneignung. Das hätte Litfaß bestimmt nicht gefallen, denn seine Erfindung war als Maßnahme gegen das Wildplakatieren gedacht, das in den 1850ern überhandnahm.

Die Welt wurde visueller in jener Zeit. In »The Prestige« erzählt Christopher Nolan davon, dass es diesen Wildwuchs der Außenwerbung auch im Viktorianischen London gab. Manche Häuserwände sind bis zum Dachgiebel überklebt. Hugh Jackman beschattet in einer Szene Christian Bale und verbirgt sich kurz hinter einer Säule, die zu den bemerkenswertesten der Filmgeschichte zählt: Sie ist drapiert mit Papierfetzen,  abgerissenen Anzeigen und verblichenen Ankündigungen. Schon damals also ein Monument der Vergänglichkeit. Aus dem Kino ist die Säule nicht wegzudenken, allerdings erfüllt sie ihre Zwecke meist adretter als im London von Nolans Zaubererfilm. Zu Beginn von Fritz Langs »M« sieht man, dass sie früher nicht nur Werbung darbot. Die kleine Else wirft ihren Ball empor zu einer Säule und trifft genau die Bekanntmachung, auf der die Belohnung ausgeschrieben ist für den Kindermörder Peter Lorre, dessen Schatten sich sogleich über den eigenen Steckbrief legt. In der Szene wird deutlich, dass dieses Stadtmöbel mit seinem schlanken Wuchs und der Höhe von drei Metern ein menschliches Maß besitzt.

Ihre architektonische Unaufdringlichkeit trug gewiss zu ihrem Reiz bei. Sie waren ein freundlicher, gar nicht schreiender oder überwältigender Blickfang. Diese Säulen stützten nichts, aber sie trugen viel zur Schau. Sie gehörten als vertrauenswürdige Pfeiler zum Antlitz der Stadt, besiegelten die Verwandlung Berlins in eine Metropole. Die berühmteste Litfaßsäule ist eng verknüpft mit der Entdeckung der großen Stadt: Hinter ihr verstecken sich Emil Tischbein und Gustav mit der Hupe, als sie dem diebischen Herrn Grundeis folgen. Sie ist an prominenter Stelle auf Walter Triers Buchumschlag für Kästners Roman verewigt. In der Verfilmung von 1931 kommt sie leider nicht vor, ebenso wenig in dem englischen Remake von 1936; vielleicht taucht sie in einer späteren Wiederverfilmung auf. Triers in keckem Gelb gehaltenes Motiv ziert auch das Cover der DVD-Edition des British Film Institute, die ich für meine Recherchen zu Rate zog. Der Roman spielt übrigens zu einem Gutteil in meiner Schöneberger Nachbarschaft. Früher gab es samstags Führungen zu den Schauplätzen, die von munterem Gehupe begleitet wurden. Aber das habe ich lange nicht mehr gehört, die Nachfrage hat wohl nachgelassen.

Das Innenleben der Anschlagsäulen stellte natürlich immer ein kolossales Faszinosum dar. In dem DEFA-Kinderfilm »Moritz in der Litfaßsäule« dient sie dem Titelhelden als Unterschlupf vor den Zumutungen des Schul- und Familienlebens. In Wahrheit waren die meisten massiv gebaut, aus Beton oder asbesthaltigem Eternit. Manche dienten als Lager für Kabel oder als Telefonzellen. Die "Colonnes moresques", die "maurischen Säulen" in Paris wurden ursprünglich als Pissoirs genutzt. (Ich glaube, diesen Zweck erfüllen ihre Gegenstücke in Nürnberg nach wie vor.) Die Pariser Exemplare wurden bereits einige Jahrzehnte vor Litfaß errichtet. Man könnte nun einen Streit über die nationale Urheberschaft entfachen, wie bei der Erfindung des Kinos, aber ich finde es interessanter, auf die phonetische Geschichte dieser Pariser Stadtembleme hinzuweisen. Das "moresque" verwandelte sich nämlich bald in "Morris", was einerseits lautmalerisch nahelag und andererseits damit zu tun hatte, dass sie später von den Druckern Morris père et fils gestaltet wurden. Zwei ihrer Kolonnen haben einen famosen Auftritt in »Zazie in der Metro« von Louis Malle. Da verfolgt ein durchgeknallter Gendarm eine schöne Dame, die ihm entkommt, in dem sie in der ersten Säule verschwindet und auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus der zweiten wundersamerweise herausläuft. Den Zutritt zur ersten gewährt ihr schmunzelnd Sacha Distel, der höchstpersönlich hinter dem Werbeplakat für sein jüngstes Album auftaucht.

Als Pforte in eine geheime, untergründige Welt fungiert auch die Säule in »Der dritte Mann«. Sie ist eher eine Art Kiosk (als solcher wird sie auch in Graham Greenes Drehbuch bezeichnet), den Orson Welles im Nachkriegswien als Einstieg in die Kanalisation nutzt auf der Flucht vor Joseph Cotten und der britischen Besatzungspolizei. Verbergen, verschwinden, wiederauftauchen: Im Kino scheint die Lifaßsäule stets das  Requisit eines Zaubertricks zu sein. Aber ihre poetische Unverzichtbarkeit ist leider keine Bestandsgarantie. Zwar regte sich 2003 in Paris heftiger Widerstand, als der damalige Bürgermeister Bernard Delanoe 223 Colonnes abreißen lassen wollte. Derlei Hoffnungen sollte man im Berlin des Jahres 2019 besser nicht hegen. In Kreuzberg durfte ich allerdings feststellen, dass eine, die schon abgebaut war, plötzlich wiederauferstanden ist.

Als ich vor ein paar Tagen nach längerer Abwesenheit heimkehrte, war auch meine Lieblings-Litfaßsäule verschwunden. Sie stand in einer Seitenstraße, durch die ich oft zum Bus gehe. Ich glaube, ich habe an dieser Stelle schon mal von ihr berichtet, denn auf ihr stand vor ein paar Jahren einmal die Zeit still. Das Straßenende war wegen Bauarbeiten gesperrt und die Anschlagsäule blieb für lange Zeit sich selbst überlassen. Da konnte ich zusehen, wie allmählich Plakate für Filme verwitterten, die am Ende schon längst auf Heimmedien erschienen waren. Mit der Zeit traten immer mehr Schichten zu Tage, die sich wie Jahresringe um die Säule gelegt hatten. Nun hält nur noch eine einzige Säule in meiner Gegend aus. Obwohl es ihrer Natur widerspricht, fällt sie nicht auf. Vielleicht wurde sie vom Abrisskommando übersehen, denn sie hat sich listig zwischen zwei Platanen versteckt.

 

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