Ein Traum von England

Es ist merkwürdig, Humphrey Jennings' Filme in der unseligen Zeit wiederzusehen, die seine britische Heimat gerade durchlebt. Der Dokumentarfilmer war ein glühender Patriot, ein stolzer Inselbewohner, seine berühmtesten Filme handeln von einer Bedrohung, die unzweifelhaft auf dem europäischen Kontinent zu verorten war. Aber vielleicht gewinnen sie gerade jetzt eine Weisheit hinzu, die angetan wäre, seine Landsleute zur Besinnung zu bringen.

Die Filme, die Jennings während des Zweiten Weltkriegs drehte, beschworen eine nationale Einheit, die auf einem breiten und alltäglichen Gemeinschaftsgefühl ruhte. Für die Idee der Einheit stand Jennings auch mit seiner Person ein; als linkem Monarchist gelang ihm eine erstaunliche Harmonie der Widersprüche. Die Insel, deren Anmut seine Filme feierten, war Churchills Insel, unbeugsam und wehrhaft. Jede Nacht erduldete sie die Luftangriffe aus Nazideutschland. Aber ihr Feind war nicht Europa. Auf dem Programm der Mittagskonzerte, die in "Listen to Britain" in der National Gallery veranstaltet werden, stehen Stücke von Mozart und Semetana. Dieses London war weltoffen - kanadische Soldaten singen kurz davor "Where the Buffalo roam", Radiomeldungen werden vielsprachig ins besetzte Europa gesendet. Es ist sacht multikulturell – als der junge Rekrut in »Fires were started« nach dem Weg zur Feierwache 14Y fragt, gibt ihm ein Chinese bereitwillig Auskunft. Und in »Words for Battle« kommen nicht nur britische Poeten zu Wort, sondern auch Abraham Lincoln. Bis ich den Film sah, wusste ich nicht, dass mitten in London eine Statue des amerikanischen Präsidenten steht.

Das Filmforum NRW im Museum Ludwig in Köln zeigt an diesem Samstag (16.3.) vier Filme von Jennings; neben den bereits erwähnten läuft »London can take it!«, zu dem 1940 der damals noch neutrale Korrespondent Quentin Reynolds aus den USA den Kommentar spricht. Die 16-mm-Kopien stammen aus der Sammlung von Leo Schönecker, die wohl so gescheit umfangreich angehäuft wurde, dass sie später einmal das Thema eines eigenen Blogeintrags sein könnte.

Jennings war nicht der erste Dokumentarfilmer, den ich mit Namen kannte. Das war Hans Domnick, dessen »Panamericana – Traumstraße der Welt« ich mit kindlicher Begeisterung vor dem Bildschirm verfolgte; allerdings bereits in einem Alter, in dem ich mir merkte, wer hinter der Kamera stand. Als ich jedoch Jennings' Filme ein paar Jahre später im Spätprogramm des WDR entdeckte (im Original mit Untertiteln; auch die Filmtitel waren nicht eingedeutscht), spürte ich, dass dies Genre nicht allein der Aufzeichnung der Wirklichkeit vorbehalten sein musste. Dass die Filmredaktion dieses Werk ausführlich vorstellte, legte für mich bereits nahe, es könne einen ähnlichen Rang wie das von Ford, Hawks, Lang oder Renoir haben. Bei Jennings agierten die Menschen anders, sie sprachen in einem anderen Ton und Wortschatz. Seine Filme verrieten eine persönliche Haltung, eine eigene Sicht auf die Welt; sie nahmen sie anders in Besitz. Damals, irgendwann Ende der 1970er Jahre, wusste ich noch nicht, dass sein Kollege Lidsay Anderson ihn den einzigen Poeten genannt hatte, den das britische Kino je hervorgebracht habe. Aber ich ahnte etwas davon. Allein schon die Titel erregten meine Neugier: »A Diary for Timothy«- was für eine Art von Film sollte man sich darunter bloß vorstellen?

Viel später las ich, dass Jennings vom Surrealismus geprägt worden war (1936 organisierte er in London eine Ausstellung zusammen mit André Breton; seine Anfänge als Fotograf, Maler und Szenenbildner wären bestimmt eine eigenen Schau wert), was für mich sofort einen Sinn ergab: Bei ihm wirkt das Gewöhnliche rätselhaft, schön und herausragend. Das zeichnet schon seinen berühmten »Spare Time« aus, den ich im Eintrag "Cinéphilatelie" über die Filmabteilung der Royal Mail vom 10. Dezember 2015 nur streife). Die Auswahl, die im Filmforum läuft, entstand für die "Crown Film Unit": als Kriegspropaganda mit poetischen Widerhaken.

»Words for Battle« und »Listen to Britain« beginnen jeweils mit Einstellungen von Baumwipfeln, die in der Frühlingsblüte stehen. Sie zeigen ein liebliches, an Bodenschätzen reiches und fruchtbares Land (vom Lebensmittelmangel ist vorerst nichts zu merken); in der Montage von Jennings und seinem großen Schnittmeister Stewart McAllister ist es von der Natur zur Stadt nie weit. Die »Words for Battle«, die von Laurence Olivier deklamiert werden, stammen von Milton, Blake, Kipling und anderen; sie wurden Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor geschrieben und fügen sich für den Filmemacher in eine kulturelle Beständigkeit, die sich in Kriegszeiten ungebrochen fortschreiben lässt. Der Alltag, darin liegt das stoische  Pathos seiner Kriegsfilme, ist jetzt ein anderer, der sich aber mit derselben Zuversicht bewältigen lässt.

Jennings greift zwar das klassische Prinzip vieler Dokumentarfilme auf, den Tagesverlauf an einem Ort zu schildern, aber er verschiebt es: Die Filme setzen am Nachmittag ein, vor den Bombenangriffen, um am Morgen danach von der Wiederherstellung der Normalität zu erzählen. Obwohl sie vom Tumult erzählen müssen, von Zerstörung und Tod, sind sie prall gefüllt mit Ruhemomenten. Die Idylle ist wachsam: Das Mittagskonzert findet unter gesplitterten Fensterscheiben und im Schutz von Sandsäcken statt. Das Tempo, zu dem Jennings und McAllister finden, ist unaufgeregt. Es folgt einem Rhythmus von wackerem Ausharren und unbeirrter Bewegung. Ohne die statischen Aufnahmen der Wachposten ist die Freizügigkeit nicht zu haben, mit der sich Soldaten, Krankenschwestern und Panzer durch London bewegen. Jennings filmt die Stadt als Bastion lyrischer Wehrhaftigkeit. Die Bomben mögen ihre Ziele treffen. Aber in der Montage obsiegt die Seelenruhe, mit der im Luftschutzkeller geschlafen oder Darts gespielt wird.

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