Ein bis zwei Quadranten

Wie schnell die Paradigmen wechseln, bekommt man kaum mehr mit. Es geht alles einfach zu schnell. Was eben noch galt, muss es im nächsten Moment nicht mehr tun. Gewissheiten lösen sich in Windeseile in Luft auf. Die Demographie wandelt sich von heute auf morgen. Gerade noch war das Teenagerpublikum für Hollywood eine sichere Bank. Und nun ist schon kein Verlass mehr darauf.

Die „New York Times“ befragte vor einigen Tagen namhafte Filmgrößen, darunter J.J.Abrams, Jessica Chastain, Ava Duvernay und die Russo-Brüder ,danach, wie das Kinogeschäft in zehn Jahren aussehen werde. Keine von ihnen konnte eine Antwort darauf geben. Wohl aber konnten sie die Phänomene der Krise benennen, die ihre Branche momentan erschüttert. Der Netflix-Schock sitzt allen tief in den Knochen: Bald werde kaum einer noch ins Kino gehen, allenfalls noch in ein Ereignis, an dem er zuhause eben nicht teilhaben könne. Das Endspiel der „Avengers“ bringt zwar in kürzester Frist Milliardensummen ein, aber die Verunsicherung scheint so groß zu sein, dass man an einen Daseinswillen des sozialen Ortes Kino immer weniger glauben mag. Der Rettungsanker, nach dem die amerikanische Filmbranche derzeit greift, ist das „Four-Quadrant Movie“. Es soll alle Publikumssegmente ansprechen, das die männlichen und das weibliche, das unter 25 und das darüber.

Werner C. Bargs bei Bertz+Fischer erschienene Studie „Blockbuster Culture – Warum Jugendliche das Mainstream-Kino fasziniert“ nimmt eine Epoche in den Blick, die gar nicht lang zurückliegt, aber von unserer Gegenwart schon weit entfernt scheint. Barg schildert die sich wandelnde Mediennutzung Jugendlicher und belegt sie mit präzisen Zahlen. Wenn er jedoch schreibt, dass „immerhin drei Fünftel sogar Filme bei Streaming-Diensten schauen“, wird deutlich, dass seine Befunde von bereits historischer Relevanz sind.

Zu spät kommt sein Buch freilich nicht. Auch wenn es momentan eine gewisse Sequel-Müdigkeit gibt, gibt das Blockbusterkino noch die Leitwährung aus. Barg untersucht ein nach wie vor spannendes und relevantes Phänomen. Er hat Vergnügen an der Auseinandersetzung mit den Filmen, die er kin den Fokus nimmt, und vielleicht auch an ihnen selbst. Er bricht entschieden mit einer sehr deutschen, traditionsreichen Voreingenommenheit gegenüber der Populärkultur. Er wagt es gar, der Kritischen Theorie ihre „vernichtenden Thesen“ anzukreiden! Im Gegenzug mag er es nicht, wenn sich die Filme allzu didaktisch und lehrhaft geben. Ihn interessiert vielmehr, welche ästhetischen Erfahrungen auf diesem Terrain zu sammeln sind, oder anders gesagt: wie und womit bestimmte Filme ihre jugendlichen Zuschauer „abholen“. Seine Überlegungen gehen einerseits von ihnen und ihrer Ausstrahlung aus. Zugleich legt er akribisch und einfühlsam dar, welche „Entwicklungsaufgaben“ ihre jugendlichen Zuschauer zu bewältigen haben. Das sind parallele Erkundungen, die nur in der Spekulation zusammentreffen. Natürlich ist es einigermaßen schlüssig, dass Jugendliche, die sich in einer Zeit der Umbrüche befinden, empfänglich sind für dynamische Identifikationsangebote. Aber es wäre aufschlussreich gewesen, von ihren Reaktionen, ihrer Wahrnehmung aus erster Hand zu erfahren. Löst das Buch seinen Untertitel dennoch ein?

Barg beschäftigt sich schon seit Langem mit der Frage, wie Filmgeschichten Jugendlichen eine Handhabe geben können, ihre Identität zu finden. 2010 hat er eine schöne DVD mit kurzen, eben nicht Kinder-, sondern Jugendfilmen herausgegeben („Liebe, Leid und Leidenschaften“). Kennengelernt habe ich ihn als Studienleiter an der DFFB, wo mich seine filmhistorischen Kenntnisse ungeheuer beeindruckten (bei einem Gespräch vor Studenten soufflierte er Bertrand Tavernier und mir den Titel eines Films, der uns partout nicht einfiel). Nun steht Geschichtswissen ja leider nicht sehr hoch im Kurs an Filmhochschulen, aber ich hatte den Eindruck, er sei ein alerter Pädagoge. Im Buch bin ich ihm in einer ähnlichen Rolle begegnet, die mich indes durchaus befremdete: als Akademiker.

Immerhin betrachte ich das Übermaß an wissenschaftlichen Publikationen als den schlimmsten Fluch des hiesigen Filmbuchmarktes. Es kommen lauter Elaborate heraus, die für Prüfer oder Doktorväter geschrieben wurden und kein Gespür für eine Leserschaft entwickeln müssen, das über diesen Kreis hinausreicht. Sie verschwenden viel Platz mit der Darlegung ihrer Methodik und endlosen Verweisen auf Quellen, die ebenfalls von exklusiv akademischem Interesse sind. Das sind keine Bücher, sondern Arbeiten, die sich der Faszination bewegter Bilder mechanisch und repetitiv nähern. Diesen formalen Ballast schleppt auch Bargs Buch mit sich (Mein Gott, er geht sogar zurück bis Sigmund Freud!) Aber er schreibt lesbarer. Er versteht es, Handlungen und Situationen lebendig zu rekapitulieren. Natürlich kommt bei ihm auch die Heldenreise mehrfach und ausführlich vor, jener unselige Schnittpunkt zwischen Filmtheorie und den Heilsversprechen der Drehbuchgurus. Aber er unterzieht die Filme einer zugewandten Betrachtung: Er ist neugierig, was sie mit den Zuschauern anstellen.

Barg hält sich nicht lange auf mit einer Definition des Blockbusters, streift aber Marketingstrategien etc. hinreichend. Er konzentriert sich auf vier Beispiele, „Spider-Man“, „Die Tribute von Panem“, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ und „Matrix“. Interessanterweise sind das allesamt Auftakte von Trilogien, in denen sich die klassische Dreiaktstruktur noch einmal verlängert. Er schaut, was sie dem Publikum jeweils an „symbolischem Spielmaterial an die Hand“ geben. Er spricht geschlechtsneutral von „Jugendlichen“, was die Erfahrungsräume noch einmal weiter öffnet. Die Helden und die Heldin Katniss Everdeen sieht er nicht einfach als geworfen an, sondern als aktiv handelnd. Aufschlussreich finde ich, wie er die jeweiligen Dramaturgien untersucht, die erstaunlich selten auf Überraschungseffekte zielen, sondern mit Suspense arbeiten. Das jugendliche Mitfiebern zielt also auf Erwartungen, die sich erfüllen (oder glücklich düpiert werden). Mir gefällt, dass Barg keine Angst hat, ein gewisses Pathos ins Spiel zu bringen: Das Erkenntnisinteresse ziele darauf, was „die Welt im Inneren zusammenhält“.

Der jeweils enorme Erfolg der Filmbeispiele soll seine Argumentation stützen. Im Gegenzug macht er den lehrhaften Zug von „Man of Steel“ für die laue Rezeption verantwortlich, die Zack Snyders Superman-Interpretation 2013 hatte (der aber auch dem Umstand geschuldet sein könnte, dass der ein inzwischen ziemlich reizloser, weil abgedroschener Mythos ist). So eindeutig ist der Bezug zwischen Einspiel und Erlebnisreichtum dann aber doch nicht. Kassenerfolg hat schließlich viel mit Marketing und dem Mangel an Alternativen zu tun. Zwischen Anziehungskraft und tatsächlicher Begeisterung klafft ein Abgrund, der sich mit Zahlen nicht immer überbrücken lässt. Andererseits habe ich oben bereits das Gegenargument geliefert: Die Filme gingen ja sämtlich in Fortsetzung.

Nach der Analyse der vier Beispiele lockert sich das Buch etwas, zerstreut sich fast. Barg liefert einen kurzen Abriss über die Zunahme digitaler Effekt, die er als ein weiteres Faszinosum benennt. Er unternimmt politische Deutungen von „Avatar“ und „Prince of Persia“, geht ausführlicher auf die Problematik von Gut und Böse in der „Harry-Potter“-Saga ein, in der man übrigens den Figuren beim Erwachsenwerden zusehen kann. Erstaunnt hat mich, dass er das „X-Men“-Franchise so sehr außer Acht lässt, das immerhin ermutigende Identifikationsangebote an Außenseiter macht (wie ich im Eintrag „Der Teflon-Mann“ vom 18. 3. 2019 skizziere). Der Misserfolg der jüngsten Episode „Dark Phoenix“ scheint Barg nachträglich Recht zu geben: Seinem Film, musste Regisseur Simon Kinberg eingestehen, sei es einfach nicht gelungen, eine Verbindung zum Publikum herzustellen.

 

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