Chronistenpflicht

Das ist das erste Wort, das mir zu Volker Baer einfällt. Ich hörte es oft aus seinem Mund. Stets hatte ich das Gefühl, dass er diese Pflicht von Herzen gern erfüllte. Die wachsame, bedachte Zeitgenossenschaft war das Mandat, das er sich als Filmredakteur des Berliner Tagesspiegels auferlegt hatte und von dem er 32 Jahre lang nicht abließ.

Gestern Abend wurde bekannt, dass er bereits am 4. August im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Unter der Ägide des gebürtigen Nürnbergers wurde an der Potsdamer Straße eine Kultur der Filmkritik gepflegt, die sich mit den Feuilletons in Frankfurt, München und Hamburg messen konnte. Baer betreute nicht nur die Kritiken. Im »Filmspiegel« auf der letzten Seite der Sonntagsausgabe nahm er eine Vielzahl von Themen auch jenseits der Aktualität in den Blick. Natürlich hatten Filmpolitik und -Förderung hier ihren Platz, aber mit gleichem Recht auch die Filmgeschichte. Er hatte einen Stamm guter Autoren, darunter Michael Esser und Anke Sterneborg. Heinz Kersten berichtete unermüdlich von Festivals in Osteuropa. Gerade war es ihm gelungen, den Regisseur Rudolf Thome als Kritiker zu gewinnen.

Ich glaube nicht, dass ich ein besonders wichtiger Autor für ihn war. Aber er war ein wichtiger Förderer für mich. Diese Hierarchie, auf der er nie bestand, akzeptierte ich gern. Falls ihn die Naivität meiner ersten Texte geniert haben sollte, behielt er es für sich. Es ging ihm immer mehr um Themen als um Stilfragen. Er hatte ein offenes Ohr für Angebote, die über den Tellerrand West-Berlins hinausreichten. So konnte ich für ihn regelmäßig von den Festivals in Deauville und Pordenone berichten, von Tagungen über Filmmusik in Frankfurt oder Symposien über das Weimarer Kino in Luxemburg.

Sein fränkischer Zungenschlag besiegelte eine verbindliche, freundliche Wesensart. Abgabetermine mussten natürlich eingehalten werden (»Schön, dass Sie mir den Text vorbeibringen. Wir hätten ihn gern schon am letzten Mittwoch gehabt.«) Damals gab man Artikel häufig noch persönlich ab. Dafür existierte im alten Tagesspiegelgebäude an der Potsdamer Straße noch ein eigener Besucherraum, der die Mysterien des Redaktionsbetriebes von Außenstehenden abschirmte. Ich habe ihn damals vor allem als Redakteur wahrgenommen, den Kritiker Volker Baer entdeckte ich eigentlich erst später bei Archivrecherchen richtig. Dankenswerterweise hat Ralf Schenk vor einigen Jahren eine Auswahl seiner Artikel in Buchform (»Worte/ Widerworte«) herausgegeben.

Als er 1960 beim Tagesspiegel anfing, war er pünktlich zur Stelle, um die Aufbruchsbewegungen im europäischen Kino aufmerksam zu begleiten. Er nahm aufmerksam, umsichtig und neugierig an ihnen teil. Über die Filme von Antonioni, Resnais und anderen schrieb er mit einem Elan, den ich im Nachhinein als konservative Aufgeschlossenheit beschreiben würde.Die neuen Filmsprachen, die sich entwickelten, verlangten nach einer Auseinandersetzung mit dem Medium, ein Ernstnehmen, das der Kritikergeneration davor noch nicht zu Gebot stand. Baers Begeisterung für den europäischen Autorenfilm erhielt er sich sehr, sehr lang. Wenn ich ihm Porträts von Resnais-Mitarbeitern anbot, konnte ich ziemlich sicher sein, dass er sie nicht ablehnte. 1992 folgte ihm Harald Martenstein als Redakteur nach, der jedoch schnell das Interesse am Filmspiegel verlor und sich in der Folge bekanntermaßen zu dem mauserte, was in Deutschland als Humorist gilt. Für die Filmkritik in Berlin zumindest war das ein Segen.

Volker Baer schrieb nach 1992 noch gelegentlich Artikel für den Tagesspiegel und Filmdienst. Ich glaube, die Umstellung auf Kommunikation per E-mail musste er nicht mehr vollziehen. Zum letzten Mal hatte ich mit ihm zu tun, als ich für den tip eine Geschichte zum 50. Bestehen der »Freunde der Deutschen Kinemathek« schrieb. In der Randspalte sollten Aussagen von Weggefährten den Text ergänzen. Natürlich war sein Name der erste, der mir einfiel. Und selbstverständlich erklärte er sich sofort bereit, die historische Bedeutung der Institution zu würdigen. Ein paar Tage nach unserem ersten Gespräch diktierte er mir am Telefon sein Statement. Er hatte es mit der ihm eigenen Gründlichkeit abgefasst, besonders hob er den Beitrag einiger schon fast in Vergessenheit geratener Mitarbeiter hervor. Ich fürchtete, der Text sei viel zu lang und sah mich schon in der prekären Lage, meinen einstigen Redakteur kürzen zu müssen. Nein, nein, erwiderte sein Kollege beim tip, das bringen wir genau so. Er war glücklich über die emphatische Ausführlichkeit, mit der Volker Baer wieder einmal seiner Chronistenpflicht nachgekommen war.

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