Netflix: »The Power of the Dog«

© Netflix

2021
Original-Titel: 
The Power of the Dog
Filmstart in Deutschland: 
18.11.2021
Heimkinostart: 
01.12.2021
L: 
127 Min
FSK: 
Ohne Angabe
Kammerspiel im Westernformat

Die Handlung spielt in den 1920er Jahren in den Bergen von Montana, auf den ersten Blick glaubt man sich in einem Western. Aber die äußere Anmutung täuscht, in seinem Kern ist »The Power of the Dog« ein Kammerspiel, ein Vierpersonenstück, das von intimen, verborgenen Regungen handelt, deren Wirkung sich mit der Zeit als viel zerstörerischer erweisen als jede Stampede einer aufgeschreckten Rinderherde.

Das Brüderpaar George (Jesse Plemons) und Phil (Benedict Cumberbatch) führt gemeinsam eine Ranch. Die Rollenverteilung zwischen ihnen ist von faszinierender Widersprüchlichkeit: Phil ist der Mann fürs Grobe, zuständig für das Vieh und die Farm – und das, obwohl in der gedrechselten Verächtlichkeit seiner Bemerkungen eine studierte Intelligenz durchscheint. Sein jüngerer Bruder George dagegen ist ein zur Bequemlichkeit neigender Schreibtischmann, der sich im Kontrast zu seinem Bruder stets um zivilisiertes Auftreten bemüht. Wobei seiner Attitüde der Kultiviertheit gleichzeitig etwas Prätentiöses anhaftet.

In ihrer Gegensätzlichkeit scheinen die Brüder gut aufeinander eingespielt. Erst als George sich um die verletzliche Witwe Rose (Kirsten Dunst, dafür schon als heiße Oscarfavoritin gehandelt) bemüht, gerät ihr Verhältnis aus dem Lot. Eifersucht im klassischen Sinn ist es nicht, auch die Diagnose brüderliche Rivalität greift zu kurz, die bloße Veränderung scheint in Phil etwas zu triggern. Als Rose nach der Hochzeit samt Teenagersohn Peter (Kodi SmitMcPhee) auf die Ranch zieht, beginnt Phil, ihr mit sadistischen Mindgames das Leben schwerzumachen. Dass ihr so deutlich anzumerken ist, dass Phil ihr Angst macht, stiftet diesen erst recht zu Feindseligkeiten an. Von ihrem konfliktscheuen Ehemann zu oft alleingelassen, flüchtet Rose in den Alkohol.

Mit dem unangepassten Peter aber hat Phil kein so leichtes Spiel: Zunächst versucht er, ihn mit homophoben Beleidigungen zu treffen. Aber Peter ist davon erstaunlich wenig beeindruckt. Stattdessen lässt er sich auf Phils Angebot ein, ihm ein Mentor in Sachen Reiten, Jagen und Wildnis zu sein. Als Zuschauer vermutet man eine Falle. Aber dann gelingt es Peter in höchst erstaunlicher Weise, die Kräfteverhältnisse nach und nach umzukehren. Phil, der eben noch den Jungen als schwächlich und weibisch demütigte, wird zu dessen Verteidiger und, mehr noch, gerät auf geheimnisvolle Weise in seinen Bann.

In vielem erinnert »The Power of the Dog« an Jane Campions Erfolgsfilm aus den 90er Jahren, »Das Piano«, der ihr eine Goldene Palme in Cannes einbrachte. Sie lässt den Figuren viel Raum, um ihre Beziehungen mit entsprechenden Höhen und Tiefen zu entwickeln. Die Dinge bleiben auf fesselnde Weise ambivalent. Auch scheint es Campion nicht nur darum zu gehen, die »toxische Männlichkeit« von Typen wie Phil oder George zu entlarven. Stattdessen erzählt »The Power of the Dog« von einer verstörenden Charakterdynamik, die besonders da interessant wird, wo sie dem klassischen Western zuwiderläuft.

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