Mediathek: »Beforeigners«

»Beforeigners – Mörderische Zeiten« (Staffel 1, 2019). © Bild: HBO Nordic/Olav Dybvyg

»Beforeigners – Mörderische Zeiten« (Staffel 1, 2019). © Bild: HBO Nordic/Olav Dybvyg

Plötzlich sind sie da, die Fremden, mit einer anderen Sprache und teilweise auch einem etwas anderen Aussehen. Was im Hafen von Oslo beginnt, ist sechs Jahre später Teil der Gesellschaft geworden, nicht nur in Norwegen, sondern auf der ganzen Welt. Das Besondere: die Neuankömmlinge kommen nicht aus ärmeren Ländern, sondern aus einer anderen Zeit, genauer gesagt aus drei anderen Zeiten, aus der Steinzeit, der Zeit der Wikinger um das Jahr 1000 n.Chr. und aus dem 19. Jahrhundert. Auf 13.000 jährlich hat sich die Zahl der  neuen Mitbürger in Norwegen mittlerweile eingependelt, es gibt ein eigenes »Ministerium für Neuankömmlinge«, aber natürlich auch Konflikte. Denn die Neuankömmlinge haben zwar keine Erinnerungen an ihre Reisen, wohl aber, unterschiedlich stark ausgeprägt, an ihr früheres Leben, bestimmte Traditionen pflegen sie auch in der Gegenwart beizubehalten. Das reicht von der Kleidung des 19. Jahrhunderts bis zum Bedürfnis, ein Kaninchen mit den eigenen Händen zu fangen und es roh zu verspeisen.

»Beforeigners« heißt die Serie, eine Produktion von HBO Europe, was für Qualität steht (hierzulande sonst den Kunden des Bezahlsenders SKY vorbehalten), und der Titel verknüpft gleich sehr schön die beiden Elemente ,fremd« und »aus früheren Zeiten«. Zur Förderung der Integration, aber auch als werbewirksames Aushängeschild, erhält der Polizist Lars eines Tages eine neue Partnerin, die aus der Wikingerzeit stammt. Alfhildr ist die erste Polizistin »mit multitemporalem Hintergrund«, wie die nichtdiskrimierende offizielle Bezeichnung lautet. Ein »Superteam« würden die beiden ergeben, verkündet ihr Chef. Das ist auch dringend notwendig, denn am Strand wurde gerade die Leiche einer Wikingerfrau aufgefunden, erdrosselt, wie die Pathologie feststellt.

Das PolizistInnen-Duo, bestehend aus zwei unterschiedlichen Charakteren, ist ein vertrauter Topos von Kino- und Fernseherfolgen (auch die »Tatort«-KommissarInnen ermitteln fast ausschließlich zu zweit), im Kino hat man bereits 1988 in »Alien Nation« (dt: Spacecop L.A., 1991) James Caan mit seinem außerirdischen Partner Mandy Patinkin ermitteln sehen. Alfhidr hat die üblichen Probleme von rookies, die Kollegen nehmen sie nicht ernst, die Frau, die die Waffen ausgibt, fragt laut, ob man ihr überhaupt eine geben könne, der Kollege von der Hafenpolizei macht sie an mit der Bemerkung »ich lade Dich gern mal auf ein Glas Met ein.«

Die Ermittlungen im Fall der toten Frau laufen nicht anders als polizeiliche Ermittlungen wie man sie kennt. Die Suche nach Personen, die die Tote vielleicht kannten, und deren Befragung. Dabei sorgt das Verhalten von Alfhildr immer wieder für komische Momente, die zeigen, dass sie noch nicht komplett angepasst ist. Aber auch Lars ist eine komplexere Persönlichkeit. Von der Frau, mit der er, während die ersten Fremden am Strand auftauchten, den Vertrag für eine Wohnung unterzeichnete, ist er mittlerweile geschieden, die halbwüchsige Tochter pendelt hin und her zwischen ihm und ihrer Mutter. Die ist mittlerweile mit einem Neuankömmling aus dem 19. Jahrhundert verheiratet, dessen strenge Vorstellungen von Kindererziehung sie übernommen. Lars ist zudem medikamentenabhängig von Augentropfen, die er sich auf dem Schwarzmarkt besorgt.

Während in den Ermittlungen also zunächst die bewährten Momente des police procedurals dominieren, kommt doch auch immer mehr die gesellschaftliche Situation ins Spiel, wenn Spuren zu einem Nachtclub führen, in dem Wikingerfrauen auftreten, die offensichtlich aus dem Wasser gefischt und dann in die Prostitution verschleppt wurden, wenn dabei eine obskure Sicherheitsfirma eine Rolle spielt, die wiederum mit einem wohlhabenden Neuankömmling aus der Wikingerzeit in Verbindung steht, der stärker in seiner Herkunftszeit verharrt als andere und zuhause bevorzugt nackt herumläuft. Doch nicht er ist der Mann im Hintergrund, wie man zunächst annehmen könnte. Das Ende der dritten Folge belehrt uns eines anderen.

»Die Zeit ist doch keine Einbahnstraße«; diese Erkenntnis wid erst in der sechsten und letzten Folge ausgesprochen. Nicht nur kommen Menschen aus der Vergangenheit, sondern können offenbar auch Menschen aus der Gegenwart in die Vergangenheit reisen. Inwieweit das wiederum mit den Menschenversuchen an Zeitreisenden zusammenhängt, die vemutlich von geheimen staatlichen Stellen durchgeführt werden, bleibt offen, das Ende zielt auf eine zweite Staffel ab.

Eine rundum erfreuliche Seherfahrung ist »Beforeigners«, weil die Serie geschickt Vertrautes mit Neuem verbindet. Viele der Gebräuche, die von den Neuankömmlingen gepflegt werden, sind für die Norweger ebenso gewöhnungsbedürftig wie für den Zuschauer – aber das hat auch den Effekt, über das Fremde nachzudenken, wobei auch immer wieder kleine satirische Spitzen gegen die Gegenwart eingeflochten werden, ob es nun Therapien für Menschen von heute sind, die glauben, sie seien im falschen Jahrhundert geboren, oder die Sprachregelung im Rundfunk, wo das »W-Wort« (W für Wikinger) verpönt ist und durch »Menschen von nordischer Abstammung« ersetzt wurde. Nicht zuletzt weiss die Serie auch durch ihr ruhiges Erzähltempo (das durchaus Raum für einige aufregende Actionsequenzen lässt) zu gefallen.

Beforeigners – Mörderische Zeiten (Norwegen 2019), R: Jens Lien, B: Eilif Skodvin, Anne Bjornstad, 6 x 45 Minuten, seit 14.3. in der ARD-Mediathek, am 13.4. um 22 Uhr bei ONE, später in den Dritten Programmen.

OV-Trailer

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