DVD-Tipp: »Humans«

»Humans« (Serie, 2015-2018). © AMC / justbridge entertainment

»Humans« (Serie, 2015-2018). © AMC / justbridge entertainment

Mensch und Maschine

Das ganz normale Chaos im Familienalltag berufstätiger Eltern und vernachlässigter Kinder: Das älteste von drei Kindern, Matilda, ist in der Existenzkrise, das mittlere heftig pubertierend, das jüngste noch ein Nesthäkchen, und die Frau kommt von einer Dienstreise drei Tage später als vereinbart zurück. Da reicht es Joe: »Wir gehen einkaufen!«, verkündet er entschlossen. In etwa so wie man sich heute ein Smartphone oder eine Spülmaschine besorgt, kann man in einer zeitlich nicht näher definierten Zukunft eine maschinelle Haushaltshilfe erwerben, einen sogenannten Synth, abgekürzt für Synthetic. Alle unattraktiven Jobs können in dieser Welt von Androiden erledigt werden, von der Hausarbeit über Fließband-Fron und Kohleabbau bis zu Prostitution und Pflege. Ausbeutung und Versklavung ohne Schuld und Scham, sind ja schließlich nur in Fabriken zusammengeschraubte Maschinen. Supersache, wäre da nicht der Ehrgeiz, die Roboter immer menschlicher aussehen und agieren zu lassen. Das fängt schon damit an, dass jedes Modell äußerlich ein Unikat ist, ein individueller Mensch, dessen Haut unnatürlich ebenmäßig wirkt, der sich ein bisschen mechanischer, aber auch sehr elegant bewegt. Im Making-of kann man sich anschauen, wie das Training für die Synth-Darsteller konzipiert war.

Traum oder Albtraum? Die Androiden bleiben immer freundlich und geduldig, sie empfinden keinen Schmerz, haben keine Probleme mit Alter oder Gewicht, lassen sich nicht provozieren, lügen nicht und kennen keine Gewalt. Nur Strom brauchen sie in regelmäßigen Zyklen.

Wie so oft beginnt das echte Problem mit einem mad scientist, der Gott spielen will und seinen ertrunkenen Sohn als Cyborg wiederauferstehen lässt und einer kleinen Gruppe von Robotern ein Bewusstsein gibt. Damit lösen sich die klaren Grenzen im Verhältnis von Mensch und Maschine auf. Und es dauert nicht mehr lange, bis Leo, Niska, Mia, Max und Fred sich Fragen nach dem Sinn ihrer Existenz stellen, Menschenrechte einfordern und aus Notwehr eine Revolution anzetteln.

Die Tücke steckt im Detail, in all den Fragen, die sich stellen, wenn die Übergänge immer fließender werden. Wenn die kleine Sophie dem neuen Haushaltsroboter einen Namen geben darf und sich für Anita entscheidet, nach ihrer besten Freundin, die gerade weit weggezogen ist. Oder wenn der heftig pubertierende Toby die gut gebaute Roboterdame (Gemma Chan) mit linkisch lüsternem Blick taxiert. Wenn die Synths in der letzten Staffel in Gettos verbannt sind und ihre Maschinenidentität in der Öffentlichkeit verbergen müssen, wird dem irritierten Roboterjungen beigebracht, sich den Finger in die Nase zu stecken und überflüssige Zappelbewegungen in seine Abläufe einzubauen. Und die Älteste ringt mit existenziellen Zukunftsfragen: Welchen Sinn macht es noch, acht Jahre Medizin zu studieren, wenn ein Roboter jeden chirurgischen Eingriff mit größter Präzision erledigen kann?

Das Verhältnis Mensch-Maschine ist immer zugleich faszinierend und beängstigend, seit den ersten Golem- und Frankenstein-Erzählungen, über Filme wie »Blade Runner«, »Ghost in the Shell« und »Her« bis zu Maria Schraders Berlinale-Wettbewerbsfilm »Ich bin dein Mensch«, in dem die Dating-App der Zukunft einen perfekten Lebenspartner konstruiert, der exakt auf die Bedürfnisse und Vorlieben seines Menschen abgestimmt ist. Die drei zwischen 2015 und 2018 entstandenen Staffeln der angloamerikanischen Serie »Humans« basieren auf dem schwedischen Vorgänger »Äkta Människor« (Real Humans) von 2012. Angesichts des rasanten Fortschritts im Bereich der künstlichen Intelligenz könnte das also schon ziemlich alt aussehen, tut es aber nicht, weil aus der Reibung zwischen Familiengeschichte und Science-Fiction hier tiefgreifende philosophische Fragen über die menschliche Existenz und Koexistenz in vielen Nuancen brandaktuell durchgespielt werden: »Do machine lives matter?« Zu schade, dass die Serie nach der dritten Staffel eingestellt wurde.

OV-Trailer

Humans R: Lewis Arnold, Samuel Donovan u.a. Da: Gemma Chan, Katherine Parkinson, Lucy Carless, Tom Goodman-Hill, Pixie Davis. Anbieter: Justbridge.

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