Streaming-Tipp: »Trapped – Gefangen in Island«

»Trapped – Gefangen in Island«: Staffel 1 (Serie, 2015). © Studiocanal

»Trapped – Gefangen in Island«: Staffel 1 (Serie, 2015). © Studiocanal

»Was muss dieser kleine Ort noch alles erleiden?«, hört man in der zweiten Staffel eine Nachrichtensprecherin im Hintergrund sagen. Es ist die einzige Stelle, die man der Serie »Trapped – Gefangen in Island« als Selbstironie auslegen könnte. Nach sechs gewaltsamen Todesfällen, einem Lawinenunglück, einer Politikerentführung, der Aushebung eines Neonazi-Rings und einem großen Fischsterben ganz in der Nähe, alles angesiedelt in der pittoresken Kulisse eines kleinen Fischerdorfs, scheint die Frage mehr als berechtigt. Es ist in der Tat eine sehr unwahrscheinliche Häufung von Unglücks­ereignissen an einem Ort, dessen reales Vorbild ein Fischerdorf von gerade mal 1 000 Seelen ist. Geht in Deutschland die Schere von fiktiver und tatsächlicher Mordrate schon weit auseinander, ist es in Island noch krasser: Mit einer Rate von 0,3 (Deutschland: 1,2) auf hunderttausend Einwohner liegt die nordeuropäische Insel ganz unten in der Welttabelle; im Jahr 2016 gab es ein nur einziges Tötungsdelikt, in manchen Jahren gibt es gar keins. Andererseits spricht es unbedingt für die Serie und ihre Autoren, dass »Trapped« der fiktiven Verbrechenshäufung zum Trotz durch seine Authentizität und seinen Realismus überzeugt.

Wie im europäischen Krimigenre üblich dienen Gewalttaten und ihre Aufdeckung quasi nur als Hilfsgerüst, als Prozedere, um von einem Zusammenhang zu erzählen. Davon, wie die Vergangenheit und ihre guten wie schlechten Traditionen ins Heute hineinwirken, davon, wie der Neoliberalismus seine internationalen Krallen auch in die Fjorde Islands ausstreckt und so manchen Würdenträger verführt, die unbezahlbare Natur zu Geld machen zu wollen. Und davon, wie Eheleute, Eltern und Kinder vor diesem Hintergrund ihre Konflikte austragen. Es klingt banal, wenn man dazusetzt, dass das Wetter als Protagonist mit eigenem Charakter mitmacht, aber es ist im Fall von »Trapped«, das eben auf dem Land spielt, mehr als wahr.

Islands Natur – das seien nicht Blumen und hübsche Vögel, sondern schlechtes Wetter und Schnee, so beschreibt es der Chefautor der Serie Sigurjón Kjartansson. Kjartansson ist »Head Of Development« der RVK Studios, die er zusammen mit dem Filmregisseur Baltasar Kormákur und Magnús V. Sigurdsson gründete. In Island war Kjartansson vor »Trapped« als Teil eines Comedy-Duos mit einer TV-Sketchshow bekannt geworden. Nach Studiogründung habe er an einer dramatischen Serie arbeiten wollen, Kormákur aber sei es gewesen, der mit der Grundidee ankam: eine Leiche in einem Dorf, das durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten wird, sozusagen das Agatha-Christie-Modell eines Mords im Herrscherhaus, übertragen auf die isländische Provinz.

Aber Kormákur und Kjartansson wollten mit der Serie von Anfang an auf dem europäischen Markt mitspielen. So kamen schließlich deutsche und französische Co-Produzenten hinzu, als Co-Autor wurde der Brite Clive Bradley verpflichtet. Kjartansson musste die isländische Authentizität im Blick behalten, vor allem was das Wetter anbelangt. Wenn Bradley etwa schrieb: »Soundso spannt einen Schirm auf«, wurde ihm umgehend erklärt, dass man in Island keine Regenschirme verwendet. Es windet einfach zu viel. Genauso wenig schenken sich Isländer am Abend zu Hause einen Drink ein; stattdessen wird zu jeder Tages- und Nachtzeit Kaffee getrunken. Oder, wie im Fall von Polizeichef Andri Olafsson (Ólafur Darri Ólafsson) – Milch. Was als Insiderwitz wiederum einer der raren Momente ist, an dem sich »Trapped« ein bisschen Humor leistet.

Man weiß es aus den anderen »Nordic Noirs«, aus »Broen« (»The Bridge«) und »Forbrydelsen« (»The Killing«), die beide US-amerikanische Remakes erfahren haben: Hier versucht keiner, während der Polizeiarbeit noch besonders witzig zu sein. Doch damit ist weniger ein Manko als eine Qualität beschrieben. Auch »Trapped« zeichnet sich durch jene Art des präzisen Schreibens aus, die den Zuschauer nicht erst zum Lachen verführen muss, um ihn auf die Seite seiner Figuren zu ziehen. Im Gegenteil, der große Ernst der Serie ist ihr bestes Kapital. Man sieht es an der Hauptfigur Andri, der in der ersten Staffel als neuer Polizeichef in das Fischerdorf kommt, in dem seine Ex-Frau aufgewachsen ist. Andri ist ein »unlikely Hero« – sehr groß, ziemlich beleibt, mit einem dichten Gestrüpp von Bart. »Leading men« sehen anders aus, vor allem dann, wenn sie keine Komiker sind. Andri aber bleibt ernst. Er nimmt die Opfer und ihre Angehörigen ernst, aber auch die Verdächtigen. Seine Polizeiarbeit hat nichts Genialisches an sich, Andri ist kein Sherlock Holmes. Sein Erfolg kommt vom hartnäckigen Dranbleiben und Weitermachen auch dann, wenn, wie immer zur Staffelmitte hin, er noch einmal von Neuem anfangen muss. Und oft braucht es selbst dann noch einen Zufall, der ihm unverhofft ein Beweisstück in die Hände spielt. Im richtigen Leben ist das ja auch so.

Wie viele seiner Berufskollegen in anderen Serien hat Andri diverse familiäre Probleme. Die Scheidung von der Ehefrau ist schon vollzogen, aber trotzdem hält er noch am Provisorium fest und lebt mit seinen zwei Töchtern bei den Schwiegereltern. Sowohl in Staffel 1 als auch in 2 erreicht die Kette der ineinander verflochtenen Verbrechen schließlich Andris Familie, aber den Autoren gelingt es, auch das gleichsam natürlich erscheinen zu lassen. Wie könnte es auch anders sein an einem so kleinen Ort? Es lässt Andri fast noch authentischer erscheinen.

Die Serie macht den Zuschauer schnell zu einer Art Mitbewohner, wenn nicht gar zum Mitgefangenen, um die Metapher der ersten Staffel zu bemühen. So fühlt man sich auf sie angewiesen, auf Andri und seine Kollegin Hinrika (Ilmur Kristjánsdóttir), die zuerst fast zu gutmütig für ihren Job daherkommt, sich aber als ungeheuer kompetent erweist. Man vertraut auch immer mehr ihrem Adjutanten Ásgeir (gespielt von Islands ­Superstar Ingvar Eggert Sigurðsson), der neben Andri und Hinrika wie das dritte Rad am Wagen wirkt, aber wichtige Beiträge zur Ermittlung leistet – und in der zweiten Staffel zum Angelpunkt einer hochdramatischen Wendung wird.

Wer nachsichten will, was es mit dem Genre »Nordic Noir« auf sich hat, findet in »Trapped« ein herausragendes Beispiel. Alle Elemente sind da: die Verbrechen, deren Grausamkeit mit der idyllisch-provinziellen Kulisse kontrastiert; das neoliberalistische Projekt und die dräuenden Familiengeheimnisse im Hintergrund; das trübe Wetter; vor allem aber die Komplexität der jeweils Schuldigen. Um es möglichst spoiler­frei zu fassen: Es sind nie nur Verbrecher, die zuschlagen, ­­ es ist immer auch die Geschichte, die der einzelnen Familie und ­ die des Landes.




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