Streaming-Tipp: »Now Apocalypse«

 »Now Apocalypse« (Serie, 2019). © Starz

»Now Apocalypse« (Serie, 2019). © Starz

Gregg Araki führt in seiner Serie »Now Apocalypse« Themen und Motive seiner früheren Filme mit neuer Energie und queerer Selbstverständlichkeit fort

Fünf Jahre ist es her, dass Gregg Araki mit »Wie ein weisser Vogel im Schneesturm« seinen bislang letzten Film in die Kinos brachte. Über den Zustand des amerikanischen Independent-Kinos sagt diese Tatsache sicherlich mehr aus als über das Arbeitsethos des Regisseurs. Denn Araki lag seither nicht auf der faulen Haut, sondern ließ sich im Serienbereich als Auftragsregisseur anheuern und inszenierte unter anderem Episoden von »Riverdale«, »Red Oaks« oder »Tote Mädchen lügen nicht«. Als wäre er – 35 Jahre nach dem Filmstudium – noch mal zur »Fernsehschule« gegangen, beschreibt er im Interview die vergangenen Jahre. Denn die Idee, auch eine eigene Serie auf den Bildschirm zu bringen, war da längst geboren.

Wirklich inspirieren lassen von den Jobs der letzten Jahre hat sich Araki für »Now Apocalypse« – zu sehen beim Amazon-Channel StarzPlay – allerdings kaum. Statt nach dem klassischen Showrunner/Writers'-Room-Verfahren zu arbeiten, übernahm der Kalifornier selbst die Inszenierung der neun Folgen. Für die Drehbücher tat er sich mit der Autorin und Sexkolumnistin Karley Sciortino zusammen, beim Produzieren kamen Steven Soderbergh und Gregory Jacobs mit ins Boot.

Auch inhaltlich ist »Now Apocalypse« für Araki weniger der Beginn eines neuen Kapitels als ein Fortführen von Themen und Ideen, die ihn schon in den 90er Jahren bewegten, als er sich zu einem Vorreiter des New Queer Cinemas aufschwang. Bereits der Titel der Serie verweist auf seine als »Teen Apocalypse Trilogy« bekannten Filme »Totally Fucked Up«, »The Doom Generation« und »Nowhere«, auch zu »Kaboom« sind die Parallelen hier nicht zu übersehen.

Alle Zutaten, die sein Kino Kult werden ließen, sind auch in Serienform noch Arakis Markenzeichen: junge, attraktive Protagonisten und Protagonistinnen, viel Sex in allen Kategorien, coole Musik, halluzinatorisch- knallige Farben, schriller Humor und eine Ahnung vom Weltuntergang. Protagonist Ulysses (Avan Jogia) mutmaßt jedenfalls, dass seine Visionen von Himmelsexplosionen und vögelnden Aliens von der nahenden Apokalypse künden. Wobei natürlich auch ein paar Joints zu viel oder das Verschwinden des heißen Typs aus der Dating-App, der eigentlich doch der wahre Seelenverwandte sein sollte, daran nicht ganz unschuldig sein dürften.

Klassisch Araki ist an »Now Apocalypse« allerdings auch der beträchtliche, teilweise durch die Darstellerleistungen noch befeuerte Trash-Appeal. Dafür muss man einen gewissen Sinn haben, genau wie für die schräge Mischung aus Los-Angeles-Satire, SciFi-Quatsch und den esoterisch-existenzialistischen Sinnfragen, mit denen sich Ulysses und seine Freunde durch einen Alltag aus Sexabenteuern, Liebeskonflikten und Lebenskrisen treiben lassen.

Weil Araki sich allerdings auch mit mittlerweile 59 Jahren nie über seine jungen, naiv-verpeilten Protagonisten erhebt und in Sachen Absurdität von Folge zu Folge eine Schippe mehr drauflegt, gelingt »Now Apocalypse« etwas Erstaunliches: Selbst auf bestens mit Arakis Werk vertraute Zuschauer wirkt die flotte Serie in ihrer Unbedarftheit und erfrischenden queeren Selbstverständlichkeit ungeheuer modern und zeitgemäß.

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