Berlinale-/DVD-Tipp: »Das alte Gesetz«

»Das alte Gesetz« (1923)

»Das alte Gesetz« (1923)

Vom Schtetl nach Wien

Ewald André Duponts »Das alte Gesetz« (1923) sei ein »visuelles Erlebnis«, so pries den Film seinerzeit das Branchenblatt »Film-Kurier«. Jetzt wurde »Das alte Gesetz« von der Deutschen Kinemathek digital restauriert. Die Weltpremiere der digitalen Restaurierung findet am 16. Februar im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele statt mit einer neuen Musik des französischen Komponisten Philippe Schoeller. Aufgeführt wird sie vom Orchester Jakobsplatz München unter der Leitung von Daniel Grossmann. »Das alte Gesetz« ist eines der Glanzstücke der Retrospektive der Berlinale, die sich in diesem Jahr mit dem Weimarer Kino befasst. Die Retro zeigt Filme, die einem breiten Publikum kaum bekannt sein dürften, die jedoch dazu einladen, die Vielfalt des Weimarer Kinos zu entdecken.

E. A. Dupont, der in Zeitz geborene erfolgreiche Stummfilmregisseur, dem mit »Varieté« (1925) der internationale Durchbruch gelang, setzte sich in »Das alte Gesetz« erstmals mit einem jüdischen Thema auseinander. 1933 musste der Regisseur wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis nach Hollywood fliehen, konnte dort aber nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen.

»Das alte Gesetz« thematisiert ein heikles Sujet. Der Film behandelt die Frage, inwieweit die Assimilation der jüdischen Minderheit möglich und die Preisgabe der eigenen Identität notwendig ist. Die Geschichte spielt 1860. Baruch Mayer ist ein junger orthodoxer Jude aus Galizien, Sohn eines Rabbiners. Dargestellt wird er von Ernst Deutsch, einem in der Weimarer Republik umjubelten jüdischen Bühnenschauspieler. Weil Baruch das Theater liebt und Schauspieler werden will, verlässt er das Schtetl, in dem er aufgewachsen ist, um in Wien auf der Bühne zu reüssieren. Unterstützt wird er von der österreichischen Erzherzogin Elisabeth, die von Baruch hingerissen ist und ihm eine Einladung zum Vorsprechen am Burgtheater verschafft. Henny Porten, Star des deutschen Stummfilms, deren Firma Comedia-Film »Das alte Gesetz« produzierte, spielt die weibliche Hauptrolle.

Ungeachtet des historischen Settings sprach der Film ein aktuelles Thema an. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kamen osteuropäisch-jüdische Flüchtlinge in großer Zahl nach Wien und Berlin. Sie waren den politischen und territorialen Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa entflohen, infolge derer die jüdische Bevölkerung vielerorts Pogromen ausgesetzt war. Vorwiegend waren es orthodoxe Juden, die durch ihr äußeres Erscheinungsbild, ihre religiösen Rituale und traditionellen Bräuche in den westlichen Metropolen fremd wirkten. Es entzündete sich eine heftige Debatte, inwieweit die Flüchtlinge assimiliert werden könnten. Ein Anstieg des Antisemitismus machte sich in Deutschland bemerkbar.

»Das alte Gesetz« inszeniert das Dilemma des Protagonisten, wie sich seine schauspielerischen Ambitionen mit seinem Judentum vereinbaren lassen, als Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn und als Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne. »Das alte Gesetz« meint hier die jüdische Tradition. Das Motiv des interreligiösen Liebespaares, das sich in der Beziehung zwischen Baruch und der Erzherzogin andeutet, ist eine Metapher, sagt die Filmwissenschaftlerin Cynthia Walk, ein Gradmesser für die Spielräume und Grenzen der jüdischen Assimilation. Nachlesen kann man dies in ihrem kenntnisreichen Text im Booklet zur DVD, die zur Berlinale erscheint.

Zwar kommt in »Das alte Gesetz« die christlich-jüdische Ehe nicht zustande. Doch zeichnet Dupont das optimistische Bild einer gelingenden Assimilation, die Baruch den ersehnten Erfolg als Schauspieler auf einer der bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen beschert, ohne dass er sein jüdisches Erbe verleugnen muss. Seine Schläfenlocken schneidet er sich ab, weil das traditionelle Erscheinungsbild des orthodoxen Juden nicht mehr seinem Selbstverständnis als Schauspieler entspricht. Doch an seinem jüdischen Namen hält er fest. Den Konflikt zwischen säkularer Theaterwelt und religiösem Glauben löst er auf unorthodoxe Weise. Am Abend des jüdischen Versöhnungsfestes tritt er im Theater auf. Zwar missachtet er damit das religiöse Gebot, wonach ein frommer Jude am Feiertag keiner Arbeit nachgehen darf. Doch versöhnt Baruch die spirituelle mit der künstlerischen Sphäre, die beide seine Identität prägen, indem er zunächst Gebete spricht und sich das Gebetsbuch unter das Kostüm steckt, bevor er als Hamlet die Bühne betritt.

Den Anstoß zur digitalen Restaurierung des Films gab ebenjene Cynthia Walk, Professorin an der University of California, San Diego. Sie stellte auch den Kontakt zur Sunrise Foundation for Education and the Arts her, die das Projekt finanzierte. Bei ihren Recherchen hatte die Filmwissenschaftlerin festgestellt, dass die bisherige Filmkopie nicht mit den Angaben auf der Zensurkarte übereinstimmte. In der Weimarer Republik musste jeder Film der »Filmprüfstelle« vorgelegt werden, bevor er in die Kinos kam. Die Zensurkarte dokumentierte alle Details, die Texte der Zwischentitel und die Reihenfolge der Szenen.

Es ergibt einen anderen Sinn, erklärt Cynthia Walk, ob man die Szene, in der Baruch vor dem Spiegel steht und sich seine Schläfenlocken abschneidet, einbaut, bevor er am Burgtheater vorspricht, oder erst danach. Platziert man die Szene davor, wie in der bisherigen Filmkopie, bedeutet dies, dass Baruch sich die Schläfenlocken abschneidet, weil er glaubt, dass er nur dann als Schauspieler am Wiener Burgtheater angenommen wird, wenn er äußerlich nicht als orthodoxer Jude erkennbar ist. Anhand der Zensurkarte wissen wir jedoch eindeutig, dass Baruch sich seine Schläfenlocken erst abschneidet, nachdem er bereits erfolgreich am Theater vorgesprochen hat. So wollte es der Regisseur, und so bekamen die Zuschauer 1923 den Film zu sehen. Demnach schneidet Baruch sich seine Schläfenlocken erst dann ab, als für ihn nichts mehr davon abhängt.

Wie erklärt sich diese Unstimmigkeit? Tatsächlich ist das Originalnegativ des Films verschollen, und Kopien der deutschen Fassung gibt es auch keine. Wohl aber mehrere zeitgenössische Fassungen, die für den Export bestimmt waren und in Archiven im Ausland gefunden wurden. Bereits 1984 unternahm die Deutsche Kinemathek eine erste Rekonstruktion des Films. Damals konnte hinsichtlich der Szenenabfolge jedoch kein Abgleich mit der Zensurkarte erfolgen, weil diese erst in den 1990er Jahren auftauchte. Auch entsprachen die Texte der Zwischentitel nicht dem Original, denn sie wurden von den fremdsprachigen Exportfassungen ins Deutsche rückübersetzt. Anhand der Zensurkarte konnte nun der originale Wortlaut der deutschen Zwischentitel wiederhergestellt werden. Das teilweise schadhafte Bildmaterial wurde digital korrigiert. Das Ziel der digitalen Restaurierung bestand darin, den Film so präzise zu rekonstruieren, dass er der Premierenfassung von 1923 entspricht. Zunächst wurden alle vorhandenen zeitgenössischen Filmkopien gescannt und miteinander verglichen. Es stellte sich heraus, dass die Fassungen inhaltliche Unterschiede aufwiesen. Szenen waren gekürzt worden, so dass in der einen Kopie einzelne Bildeinstellungen fehlten, die wiederum in einer anderen Kopie vorhanden waren. In der Bonussektion der DVD wird das Restaurierungsverfahren an Beispielen veranschaulicht. Die große Leistung der beiden Restauratoren von der Deutschen Kinemathek, Daniel Meiller und Franz Frank, besteht darin, dass sie in minutiöser Arbeit eine digitale Fassung hergestellt haben, die dem verschollenen Original so nahe kommt wie nur irgend möglich, und deren Länge haargenau der Premierenfassung entspricht. Bleibt zu wünschen, dass Duponts »Das alte Gesetz« in der digital restaurierten Fassung ein breites Publikum findet.

Weltpremiere der digitalen Restaurierung: 16.2., Friedrichstadtpalast, Berlin.
TV: 19.2., arte (in der Mediathek bis 26.2.).
Auf DVD: absolut Medien, arte edition.

 

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Stream (arte 19.2. bis 26.2.18)

VÖ: 16. Februar 2018

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