Volker Schlöndorff: Wir treffen uns im Kino

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© Martin Kiebeler

Volker Schlöndorff ist mit seinem neuen ­Dokumentarfilm durch deutsche Filmtheater ­gezogen, kleine und große, in 40 Städten. Er hat eine Lage vorgefunden, die bedrohlich ist, aber nicht aussichtslos

Ich wusste gar nicht mehr, wie schön es ist, einen Film im Kino zu erleben. Nicht nur die Bilder wirken stärker, auch die Emotionen sind viel intensiver, wenn man sie mit anderen teilt«, begeistert sich eine Besucherin. Ausverkauft – dieses Schild solle ich fotografieren, sagte mir in Bochum ein Kinobetreiber, »das hat es seit Beginn der Pandemie nicht gegeben und wird es womöglich die nächsten zehn Jahre nicht mehr geben.« In diesem Satz zeigt sich die ganze Spannbreite der Stimmung bei den Kinobetreibern in Deutschland: »Zum Jammern zu gut, zum Freuen zu schwach.« 

Ich selbst bin, was das Überleben der Kinos bei uns betrifft, nach der Rundreise durch 44 große und kleine Häuser in 39 Städten optimistischer als zuvor. Eine neue Generation von Betreibern wird ihre Altersgenossen mit ihrer Lust am Film anstecken. Und das Bedürfnis nach unmittelbarem Leben und Gemeinschaft wird stärker sein als der Reiz der virtuellen Erlebnisse. 

Ausverkauft waren tatsächlich zum ersten Mal seit zwei ­Jahren wieder alle Kinos, die ich mit dem Dokumentarfilm »Der Waldmacher« seit dem 5. April besucht habe. Weil es mir wichtig war, dass mein anderes, hoffnungsvolleres Bild von Afrika auch gesehen wird, habe ich diese Tour gemacht und allabendlich mit dem Publikum diskutiert. Der Verleih meinte, keine noch so aufwendige Werbekampagne könnte eine vergleichbare Wirkung erzielen. Wichtiger als für den Film war die Reise aber für die ­Kinos: Hoffnung auf die Rückkehr der Zuschauer. Die Älteren von ihnen haben sich auf ein Leben zu Hause eingestellt. Sie ­haben gelernt, sich im Internet zurechtzufinden und schauen ­Filme per Streaming. Sie haben Angst vor Viren, auch Kriegs­angst; verständlich bei Älteren, weniger ausgeprägt bei Jüngeren. Bei denen scheint Netflix übrigens nicht die große Konkurrenz zu sein. Es heißt, je mehr Filme sie sehen, desto begeistertere Kenner werden sie, desto öfter gehen sie ins Kino. Sie werden neugierig auf andere Filme. Immer voll sind die wöchentlichen Previews, und es muss die Originalfassung sein. Überhaupt ist das eine positive Folge des Internets: Fremde Sprachen und Untertitel werden allgemein ­akzeptiert, deutsche Synchronisationen gemieden. »Drive My Car«, der japanische Dreistundenfilm, OmU, ohne Action, mit Tschechow und Murakami, war auch in Deutschland ein Arthouse-Hit.

Erfreulich ist, dass gerade die jungen Kinobetreiber optimistisch in die Zukunft sehen. Sie glauben, bis Jahresende wieder auf Vor-Corona-Niveau zu sein. Wenn ältere Zuschauer nicht wiederkommen, würden jüngere sie ersetzen. Eigenartig, dass das Alter eine so große Rolle zu spielen scheint. Als der Junge Deutsche Film Anfang der 60er mit der Kampfansage »Opas Kino ist tot« antrat, ging es um Inhalte und Ästhetik. Heute geht es eher um Kommunikation. Die jungen Kinobetreiber setzen auf eine jüngere Generation, weil sie auf deren Wellenlänge sind und wissen, wie sie zu erreichen sind, nämlich per Instagram. Andererseits wollen viele Programmkinos ihr früheres Stammpublikum, die Best Ager, nicht verlieren und spielen französische Komödien oder andere »Wellness«-Filme. Ein schwieriger Spagat zwischen Generationen, die einander oft nicht am gleichen Ort begegnen wollen.

Am lebhaftesten war das Publikum da, wo es sich sein Kino selbst gestaltet, nämlich in eGs, eingetragenen Genossenschaften. In Würzburg kapitulierten die Innenstadtkinos fast auf ­einen Schlag, als gleich zwei Multiplexe eröffneten. Daraufhin haben Filmfreunde sich zusammengeschlossen und betreiben ihre Spielstätten nun selbst: viel Arbeit, aber auch große Befriedigung. ­Verständlich, dass sie die Pandemiekrise besser gemeistert haben als andere. Untergekommen sind sie mit dem »Central im Bürgerbräu« in den Gewölben einer ehemaligen Brauerei, wo sie auch Afrikawochen und ein Flamencofestival mit Liveeinlagen gestalten: Kastagnetten klingen in den Gewölben von Bierkellern gut. Die Genossenschaften jedenfalls sind ein Zukunftsmodell, nicht nur für kleinere Städte. Es wäre einfacher, sie finanziell zu unterstützen, meinen die Reutlinger vom »Kamino«, die auch eine eG gegründet haben, als kommunale Kinos zu betreiben. 

Ende der sechziger Jahre waren diese eine notwendige Reaktion auf das große Kinosterben. Einige glorreiche Beispiele aus dieser Zeit überleben etwa in Frankfurt, Hamburg, Wiesbaden und Nürnberg, wo man die Klientel sogar mit Onlineabos an sich bindet. Ansonsten gibt es heute eine Generation junger Kinomacher, die lieber privatwirtschaftlich und zunehmend erfolgreich arbeiten. Wobei die Größe der Städte keine Rolle spielt. In Rendsburg, 28 000 Einwohner, kamen in die »Schauburg« an einem Abend fast doppelt so viele Zuschauer wie in Hamburg. Und auch Ältere können jung bleiben: Ein Herr in Tweedjacke und Schlips sowie eine Dame in schickem Kleid, das Besitzerehepaar, standen am Eingang und begrüßten die Zuschauer persönlich – obwohl es ausgerechnet der Vorabend der Hochzeit ihrer Tochter war. Sonntags gibt es bei ihnen, wie in vielen anderen Kinos, einen beliebten Film-Brunch. Die zwei kleinen Säle, die Bar und der Eingang sind dank Zuschuss vom Bundeskulturministerium picobello renoviert. 

Die Pandemiehilfen wurden fast überall gut genutzt und haben mit den Hilfsprogrammen zum Ausgleich des Besucherverlustes allen Programmkinos erlaubt, zu überleben. Die Stunde der Wahrheit kommt in diesem Herbst, wenn die Hilfen wegfallen: Werden die Einnahmen genügen oder kommt die Pleitewelle doch noch? »Das hängt von den Filmen ab«, sagt Matthias Elwardt, der Betreiber der angesehenen Zeise-Kinos in Hamburg. In diesem Frühjahr seien die Oscar-Filme ausgefallen, weil fast alle Preisträger schon bei Streamingdiensten verpflichtet waren. Das kann die Flut der kleinen deutschen Filme nicht wettmachen. 

Da sind sich alle einig: Es gibt zu viele Filme. Statt 13 pro Woche würden drei bis vier genügen. Die Zuschauer verlieren den Überblick, kein Film kann sich wirklich profilieren. Und die Kinos ­müssen Filme oft nur deshalb spielen, weil sie gefördert wurden, auch wenn das Haus leer bleibt. Darauf besteht die Filmförderanstalt und droht mit Regressansprüchen. Deshalb machen viele Betreiber das Fördersystem für ihre Misere verantwortlich. 

Es gibt noch andere Klagen. Nur wenige Städte unterstützen die Kinos. In Kiel kann der Betreiber eines Jahrzehnte alten Kinos nach 22 Uhr nicht mehr spielen, weil es im gleichen Haus Mieter gibt, die erfolgreich geklagt haben. In Erlangen darf ein Freilichttheater nicht ausgebaut werden, weil Vergnügungsstätten nicht in Wohnvierteln angesiedelt werden dürfen. Dabei spielen sie mit Kopfhörern und die Vergnügungssteuer für Kinos wurde vor Jahrzehnten abgeschafft. Theater, Musiksäle, Kleinkunstbühnen und andere erhalten Subventionen, Kinos aber nicht. 

Da nützt der »Schauburg« in der Dresdner Neustadt auch ihre lange Geschichte nichts. Sie wurde 1889 als Bildungsstätte eines Arbeitervereins mit Kinovorführung gegründet – wird aber nicht zur Kultur gerechnet. Auch nicht, wenn sie Klassiker spielt. Tatsächlich erweisen diese sich als Publikumsmagneten. Nicht nur Stummfilme, die Vor­behaltsfilme der Nazis, die deutschen Filme der 60er sprechen eine jüngere Generation an – vorausgesetzt, es gibt eine Einführung und Diskussion –, auch »Der Pate« gehört inzwischen zum Filmerbe. Aber, klagt ein Theaterleiter in Bochum, wie andere im Ruhrgebiet oder Dresden, es wird den Kinos nicht leicht gemacht. Das ­Filmerbe zu erhalten ist Aufgabe der Murnau-Stiftung. Dort werden Filme aufwändig mit Bundesmitteln in 4K-Qualität restauriert, aber – sagen die Kinobetreiber –, sie erhielten oft »nach enormem bürokratischem Aufwand, gegen hohe Gebühr, nur eine für die große Leinwand minderwertige DVD«.

Durch ihr ­Stammpublikum erreichte die »Schauburg« in Dresden gleich nach den Lockerungen im Februar 78 Prozent der 2019er Zahlen. Im März ist die Bilanz allerdings eingebrochen auf 50 Prozent und das Überleben steht infrage, denn »jetzt sparen die Leute schon wieder wegen der Preiserhöhungen und weichen aus zum Streaming oder zu Amazon, wo aber die Kernkompetenz eines guten Programmmachers fehlt, der sein Angebot auf die Stamm­kunden, den Stadtteil und die Verfügbarkeit der Filme zuschneidet, außerdem Einführungen, Gespräche und Präsenz von Künstlern bietet«. Beliebt sind auch Videokonferenzen mit Filmemachern, die nicht so reisefreudig sind wie ich. 

Schuld geben viele auch den großen Verleihern, die den Kinos Mindestspielzeiten aufzwingen, so dass sie oft vor leeren Rängen spielen müssen, statt sich der Nachfrage anpassen zu können. ­Wo­rauf sie dann in der Not nach Mainstreamfilmen greifen, was wiederum die älteren Stammkunden verärgert. Das könnte sich ­allerdings ändern, wenn durch Produktionen mit Cross-over-­Appeal (zurzeit ist das »The Northman«) jüngere Leute kommen und bei der Gelegenheit Arthouse entdecken. 

Wer nur auf die alternde Stammkundschaft setzt, wird logischerweise eines Tages gar kein Publikum mehr haben. Mit hauptsächlich jungem Publikum dagegen hat in Wuppertal das »Cinema« schon 80 Prozent der Zeit vor Corona erreicht. Ebenso im »Schlosstheater« in Münster, wo der Pächter einem jungen Team im »ältesten Kino Deutschlands«, wenn nicht der Welt, vollkommen freie Hand lässt. Dadurch entsteht ein gemischtes Programm, das keiner Altersgruppe zuzuordnen ist, sondern voller Überraschungen steckt. Zu der Dokumentation über Patricia Highsmith lief gleich eine ganze Reihe ihrer Krimis, alle in O-Fassung versteht sich. Ihre Werbetexte und Ankündigungen schreiben die Kinomacher selbst, in der Sprache ihrer Generation auf Instagram. »Und ausgerechnet in Bielefeld«, wie ich vor Jahren schon einmal diese Stadt lobte, hat sich wieder viel getan. Die Betreiber hatten die »Kamera« vor 30 Jahren als Studenten übernommen, und es ist noch so viel Glut vom Feuer der frühen Jahre übrig, dass sie sogar ein eigenes, sehr lebendiges Filmmuseum eröffnet haben, zu Ehren von zwei Größen der Stadt: Friedrich Wilhelm Murnau und Joseph Massolle, dem Erfinder des Tonfilms. Das heißt dann auch MuMa, das Murnau-Massolle-Forum. »Bielefeld ohne Murnau – das wäre wie Bonn ohne Beethoven«, sagen sie lachend. Eine Unterstützung durch die Stadt haben sie trotzdem nicht bekommen. Auch mit all ihren Aktivitäten, zu denen französische Filmabende mit der ortsansässigen französischen Gesellschaft gehören, erreichen die rührigen Betreiber bisher nur 50 Prozent von 2019. »Dass wir je wieder 100 erreichen, ist mehr als ungewiss. Das Ende ist nah.«

Wogegen das »Liliom« in Augsburg und die »Harmonie« in Frankfurt schon fast bei 99 Prozent sind und zwar vom ersten Tag nach der Pandemie an, aus dem Stand sozusagen. Natürlich gehören Essen und Trinken (»Ohne Gastronomie kann kein Kino der Treffpunkt sein, der es sein muss«) und viel Musik zum Programm der jungen Betreiber. »Dabei hätte uns die Presse fast tot geschrieben. Als ob sie die Kinos nicht mehr gewollt hätte. Gott sei Dank liest keiner mehr Zeitung.« Eine Aussage, der ich nicht zustimmen kann, denn von der Weser bis zum Lech waren Vorstellungen, die schleppend gebucht waren, innerhalb von Stunden ausverkauft, wenn eine lokale oder regionale Zeitung berichtet hat. 

Bei über 20 Prozent Bürgern mit Migrationshintergrund sind auch diese ein dankbares Publikum. Im Ruhrgebiet laufen die kommerziellen türkischen Filme in den Multiplexen. In Kassel kommen die Italiener ins Programmkino für ihre Filmwochen. Eine andere Minderheit, die zu bedienen sich lohnt, sind die Kinder. Je früher sie ans Kino gewöhnt werden, desto stärker die Bindung, sagen heute Betreiber, die dieses Geschäft allzu lang den Multiplexen überlassen haben. Auch sträflich vernachlässigt sind die Schüler. Es ist ein Paradox, dass an allen Schulen Filme gedreht werden, kurze, lange, fast kommerzielle oder Avantgardefilme (so hat Maren Ade in Karlsruhe am Gymnasium angefangen), aber nirgendwo Filmgeschichte oder gar die Filmsprache zum Lehrplan gehört. Anders als in Frankreich, wo man im Hauptfach Film Abitur machen kann. 

Die Größe der Städte spielt, wie man am Ende sieht, keine Rolle für den Erfolg der Programmkinos. Wichtiger ist, ob eine Stadt auch sonst Lebensqualität hat. Etwas, das man schon bei der Anfahrt spürt und das sich im Kino bestätigt, denn das Publikum war oft ein gutes Abbild der Stadt. Unis mit geisteswissenschaftlichen Fakultäten, aber auch Weinanbau, urbane Schönheit, belebte Straßen und alles, warum man sonst gern in einer Stadt lebt, helfen dem Kino. Und umgekehrt rettet das Kino manche Innenstadt vor der Verödung nach Ladenschluss. Hier will ich kein Ranking machen, aber zum Beispiel Bamberg: Da geht man sogar noch in Mitternachtsvorstellungen, Previews gibt es wöchentlich seit 17 Jahren und auch Kabarettisten treten regelmäßig vor der Leinwand auf. Da hat es das größere Erlangen nebenan schwerer mit seinem protestantischen Hugenotten-Erbe – trotz seines herrlichen Barocktheaters und des leidenschaftlichen Kinoteams. Dass Kino in Tübingen und Heidelberg noch immer zur Lebensqualität beiträgt, überrascht nicht, der Besuch des Bürgermeisters Palmer schon. Hier wird auch am nächsten Morgen auf den Café-Terrassen noch heftig diskutiert, ob Afrika sich tatsächlich selbst und womöglich die Welt ernähren könnte, wie Tony Rinaudo behauptet. Fachleute gibt es in den Unistädten genügend, sogar Förster aus dem Umland beteiligen sich.

Als ich in Ulm im Vorraum des Programmkinos »Obscura« auf meinen Auftritt wartete, strömten Hunderte von jungen Leuten voll Vorfreude herein. Sie kamen aber nicht zu mir, sondern zu einem Poetry-Slam in den großen Saal »Roxy«. Enttäuscht fragte ich mich, ob ich heute noch mal zum Film gehen würde? Das könnte nur ein 18-Jähriger beantworten, dachte ich und folgte dem Applaus ins Kino, um über das Leben der Kleinbauern in Afrika zu sprechen. 

Die erste Frage, die mir gestellt wurde, war allerdings überall, wieso ich nach über 40 Spielfilmen einen Dokufilm mache. Weil ich zufällig einem Mann begegnet bin, der mich beeindruckt hat. Und weil ich Afrika, die Menschen dort liebe. Außerdem liebte ich in meiner Jugend die »kunstlosen« Filme von Jean Rouch: Material unterschiedlicher Herkunft, persönlicher Kommentar vermischt mit Aphorismen und sarkastischen Bemerkungen – bloß keine Reinheit, nichts Homogenes, wo doch die Wirklichkeit heterogen ist, anarchisch lieber als dogmatisch, keine Beobachterposition, sondern Einmischen und sich Einbringen. »Der Waldmacher« berührt die Zuschauer vielleicht deswegen so stark, bringt ihnen die einzelnen Menschen so nah, dass die Gespräche sich bis spät in die Nacht hinziehen. Danke, dass sie uns Hoffnung geben, ist das Fazit.

Ebenso Hoffnung für das Kino zu erfahren, wünsche ich allen Regisseuren, Autoren und Darstellern. Ihre Filme könnten noch lebendiger werden, wenn die Macher sich den Zuschauern öfter stellten. Vielleicht würden sie beim nächsten Mal ein größeres Publikum erreichen. Auf jeden Fall würden sie den Kinos beim Überlebenskampf helfen. Vielleicht sollte die Filmakademie ein solches Besuchsprogramm starten – auf freiwilliger Basis, versteht sich. Mir hat es Spaß gemacht. 

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