Rewind: »Dead Zone« (1983)

»Dead Zone – Der Attentäter« (1983). © Verleih

»Dead Zone – Der Attentäter« (1983). © Verleih

Rassistisch? Frauenfeindlich? Muss man das canceln – aus dem Repertoire nehmen? Wir versuchen es anders. In der Serie »Rewind« stellen wir Filme vor, die auf der Höhe ihrer Zeit waren – und heute wieder einen Nerv treffen

1983 warnte David Cronenbergs Stephen-King-Verfilmung vor einem egomanischen Politiker, der als Präsident die Welt in einen Abgrund stürzen würde. Heute will so einer wiedergewählt werden

»Dead Zone« (USA, 1983). Regie: David Cronenberg

Greg Stillson (Martin Sheen) ist ein republikanischer Senator auf dem sicheren Weg ins Weiße Haus. Er genießt seinen Gang durch die jubelnden Wählerinnen und Wähler zum flaggengesäumten Podium seiner Wahlkampfveranstaltung, wo er breit grinsend in die Menge starrt. Als er seine Rede beginnt, erklingen Schüsse von der Empore. Kurz entschlossen greift er nach dem Baby einer Wahlhelferin (Brooke Adams) und hält das Kind als menschlichen Schutzschild vor sich. Der Attentäter zögert und scheitert mit seiner Mission. Doch ein Journalist hat ein Foto von Stillson gemacht – es wird den Titel der »Newsweek« zieren. Stillson sieht keinen anderen Weg, als sich das Leben zu nehmen. Durch die Visionen des Schützen Johnny Smith (Christopher Walken), eines eigentlich sanftmütigen Lehrers, wissen wir, dass dieses Foto den Dritten Weltkrieg verhindert hat.

1979 veröffentlichte der zu dieser Zeit noch nicht ganz so erfolgreiche Stephen King den Roman »The Dead Zone«, der in der Mythologie des fiktiven Städtchens Castle Rock in Maine verankert ist. King, der noch am Anfang seiner Karriere stand, reflektierte darin einen Gedanken, der ihn seit dem Attentat auf John F. Kennedy beschäftigte: Würde man einen Menschen töten, wenn man sicher wüsste, dass er ein Verbrechen von globaler Auswirkung begehen wird? Diese ethische Frage muss sich die Hauptfigur des Romans mehrfach stellen, denn nach einem schweren Unfall hat Johnny Visionen einer möglichen Zukunft. Allerdings merkt er bald, dass sich die Koordinaten dieser Zukunft ändern lassen, dass er durch sein Eingreifen den Lauf der Geschichte ändern kann. So wird aus dem humanistischen Intellektuellen ein entschlossener Attentäter.

Der damals durch »Scanners« (1980) zum Erfolgsregisseur avancierte David Cronenberg hat mehrfach betont, dass er Stephen Kings Roman ursprünglich gar nicht kannte. Vielmehr wurde ihm das Drehbuch in mehreren Varianten angeboten. Der Erfolg der King-Romane und der ersten Verfilmungen »Carrie« (1976, Brian De Palma) und »Shining« (1980, Stanley Kubrick) hatte eine Art Subgenre innerhalb des Horrorfilms generiert, das nach weiteren King-Filmen verlangte. Mit »Cujo« (1983) von Lewis Teague und »Kinder des Zorns« (1984) von Fritz Kiersch waren bereits mehrere Produktionen angekündigt, und »Dead Zone« passte perfekt in den Trend. Dennoch zögerte Cronenberg, denn vor allem Kings eigenes Drehbuch, das sich auf den Castle-Rock-Killer konzentrierte und den unglücklichen Johnny Smith eher als Nebenfigur behandelte, erschien ihm vulgär, blutrünstig und uninteressant. Auch der radikale polnische Filmauteur Andrzej Zulawski, dessen Horrorfilm »Possession« (1981) nah an den Visionen des Kanadiers operiert, hatte eine Version verfasst, die Cronenberg jedoch nicht sichten konnte.

Cronenberg sagte dem Produzenten Dino De Laurentiis erst zu, als er selbst zusammen mit Jeffrey Boam eine eigene Version ausarbeiten konnte. In dieser ging es vor allem um das Leben des Lehrers Johnny Smith, der in einer Winternacht mit dem Auto schwer verunglückt. Mehrere Jahre Koma setzen eine telepathische Begabung frei, wenn ihn auch jede Zukunftsvision sichtlich altern und verfallen lässt – für Cronenberg einer der wichtigsten Aspekte des Stoffes. Da er unter seiner besonderen Fähigkeit leidet, zieht sich Smith aus der Gesellschaft zurück. Er bemerkt, dass es eine »tote Zone« in den Visionen gibt, die Möglichkeit, die Zukunft zu verändern – aber auch einen »blinden Fleck«, etwas Unberechenbares. Als er dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Greg Stillson bei einer Wahlkampfveranstaltung die Hand gibt, sieht er, dass dieser einen Atomkrieg entfesseln wird. Er weiß, was er zu tun hat, und plant ein Attentat.

»Dead Zone« ist ein bemerkenswerter Film, der die Kulmination des Kalten Krieges mit Ronald Reagans Präsidentschaft in den frühen 1980er Jahren radikal reflektiert. Inszeniert in gedeckten Herbstfarben, unterlegt mit einem melancholischen Klavierscore von Michael Kamen, gehört »Dead Zone« als Cronenbergs erster Kinofilm nach einem fremden Drehbuch zugleich zu seinen schönsten und melancholischsten Filmen. Und vermutlich ist er die differenzierteste Adaption eines Stephen-King-Romans bis heute. Doch seine eigentliche Qualität sollte der Film Jahrzehnte später erst entfalten, als im Jahr 2016 Donald J. Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde.

Trump, der vor allem als Medienpersönlichkeit in der populären Kultur etabliert war, begriff die Politik von Beginn an ganz im Sinne seines Buches »The Art of the Deal« (1987). Er versprach seiner Anhängerschaft wirtschaftlichen Erfolg: »America First« und »Make America Great Again«. Im Laufe seiner Amtszeit zeigte sich jedoch ein weiterer Aspekt seiner Politik: Er vertritt das »weiße Amerika« und befeuert rassistische Konflikte, die mit dem Beginn der Corona-Pandemie immer weiter und blutiger eskalierten. Statt die katastrophale Gesundheitssituation in seinem Land zu verbessern, verlagerte er sich auf das Versprechen von »Law and Order« um jeden Preis – auch den der Gewalt. Aus dem Ausland betrachtet erscheint Trump als ein jahrelang währender Alptraum, als der Triumph der unmenschlichsten Aspekte monarchistisch anmutender, autoritärer Politik. Trump trägt jene verzerrte Fratze amerikanischer Diktaturträume in die Realität, die der liberale, intellektuelle Kanadier David Cronenberg 1983 als Horrorvision auf die Leinwand brachte: Greg Stillson ist ein oberflächlich gönnerischer, optimistischer Politiker, dessen wahres Gesicht sich hinter verschlossenen Türen offenbart. Wie Trump in der Realität zeigt sich Stillson als egomanischer Soziopath ohne jede Empathie, der ohne zu zögern seine eigenen Leute beseitigen würde.

Der Schauspieler Martin Sheen wurde durch seine ikonischen Rollen in Terrence Malicks »Badlands« (1971) und Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now« (1979) zur Legende des New-Hollywood-Kinos. »Dead Zone« ermöglichte ihm eine weitere prägnante Darstellung: Er verkörperte die dunkle, verlogene Seite der US-amerikanischen Politik, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und allenfalls eine Maske der Freundlichkeit generiert. In den Jahren um den Anschlag vom 11. September 2001 mag George W. Bush jr. als Fleischwerdung dieses Alptraums erschienen sein. Doch nichts hat die Welt auf den Oberflächen- und Todeskult Donald J. Trumps vorbereitet, der seine Anhängerinnen und Anhänger dazu aufruft, Pandemieregeln zu missachten – was zahlreiche Infektionen und Todesfälle mit sich brachte –, oder Friedensdemonstrationen wie »Black Lives Matter« kategorisch als linksterroristische Akte diffamiert.

Sheens Stillson zeigt diese angestrengte gute Laune, die jederzeit in Aggression umschlagen kann, wenn nicht alles nach seinem Plan verläuft; er erscheint als von seinem eigenen Machtanspruch berauschter, diffus religiöser, cholerischer Karrierist, der in Smiths Vision die Atomraketen in »göttlicher Mission« startet: »The missiles are flying. Hallelujah . . .« Es ist auch dieser Missbrauch der Religion, den Trump im Wahlkampf 2020 in sein Repertoire übernommen hat.

Wer zuvor Ronald Reagan in Stillson erkennen wollte, hatte noch keine Ahnung, wie sich die Politik der USA bis heute entwickeln würde. Dieser Umstand macht »Dead Zone« gegenwärtig beunruhigender als im Jahr 1983, wo sich das Narrativ eines Präsidenten, der den Atomkrieg auslöst, noch als erster Baustein einer Antiutopie ausnahm, die nun in vielen Facetten sichtbar wird: Kollaps des Ökosystems, Polizeigewalt, Gesundheitskrise und ein offen rassistischer Präsident Trump, der andere Diktatoren bewundert. In dieser Situation liefern sich Stephen King und Donald Trump unversöhnliche Tweetduelle, denn auch dem Autor muss klar sein, dass der Kalte Krieg der 1980er Jahre mit seinen klaren Fronten einem Land am Rande des Bürgerkrieges gewichen ist. So bleibt mit David Cronenbergs »Dead Zone« ein zeitweise vergessener Film, der wie eine Warnung der Geschichte anmutet – und unbedingt neu gesehen werden sollte.

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