Regisseur Andreas Kleinert im Interview

»Die Poesie strukturiert diesen Film«
Andreas Kleinert am Set von »Lieber Thomas« (2021). © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Andreas Kleinert am Set von »Lieber Thomas« (2021). © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Schriftsteller bei der Arbeit zu zeigen, ist nicht leicht. Andreas Kleinert ist es in seinem Spielfilm über ­Thomas Brasch auf fulminante Weise gelungen. Der Regisseur im Interview

Erst 30 Jahre nach dem Mauerfall tauchten einige Filme auf, die sich entspannter mit dem Thema DDR und Wende befassten, weder ost-larmoyant, noch west-herablassend, Filme wie Gundermann, In den Gängen, Nahschuss... Sie und Andreas Dresen gehörten zu den wenigen Regisseuren, die sich sofort filmisch mit DDR und Wende auseinandergesetzt haben. Warum?

Mit dem Abschluss meines Studiums war auch die DDR am Ende, und ich kam in den Westen, wo alle ja erst mal sehr neugierig auf uns waren. Mir erschien es damals ganz natürlich, mich mit dem zu beschäftigen, was gerade passiert. Andererseits ist es auch verständlich, dass die Leute, die es betrifft, nicht so scharf darauf waren, sich sofort mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Nach vier Kinofilmen zur Vergangenheit habe ich mich nach Wege in die Nacht bewusst gegen solche Stoffe entschieden. Inzwischen haben sich die Dinge gesetzt, und die Zeit ist gekommen, das Ost-West Thema für eine junge Generation zu erzählen, die das selbst gar nicht mehr erlebt hat. Auch Thomas Brasch kennt ja heute kaum noch jemand. Hoffen wir, dass die Zeit gekommen ist, einen differenzierteren und genaueren Blick auf unsere unmittelbare Vergangenheit zu werfen.

Ihre Anfänge als Regisseur fielen in diese Zeit, wie haben Sie das damals erlebt? 

Absurderweise waren wir ja verwöhnt. Wenn man in einem System lebt, in dem es Zensur gibt, bedeutet das auch, dass man ein starkes Gegenüber hat, das deiner Arbeit große Aufmerksamkeit entgegenbringt. Als Student habe ich erlebt, dass zwei meiner Filme verboten wurden. Wenn damals, 1986, nicht Lothar Bisky die Schulleitung übernommen hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen, denn bis dahin hatten einige, die an der Schule etwas zu sagen hatten, gegen mich gearbeitet. In einer Beurteilung stand, ich sei bourgoisieverseucht. Generell hatten wir aber auch sehr kluge, sensible und unabhängig denkende Dozent/innen, von denen ich viel gelernt habe. Das Aufatmen kam aber mit Bisky und er hat mit den progressiven Kräften die Schule verändert. Ich konnte meine Filme drehen, sie wurden nicht mehr verboten, gingen sogar ins westliche Ausland, auch wenn ich natürlich nicht mitfahren durfte, es war dann die FDJ-Sekretärin, die einen Film zum Beispiel nach Paris begleitete. Nachdem es vorher Kommissionen, Verbote, Strafen gab und auch mal das Stipendium einbehalten wurde, fühlte ich mich durch Bisky plötzlich auf Händen getragen. Als ich dann im Westen einen Erich Mühsam-Anarchisten-Stoff verfilmen wollte, war ich ganz überrascht, dass ich gar kein Gegenüber mehr hatte, meine Provokation und versuchte Rebellion verpuffte. Ich habe damals viel ausprobiert, war ja ein absoluter Bewunderer Andrej Tarkowskis, über den ich meine Diplomarbeit geschrieben hatte. In »Verlorene Landschaft« habe ich ähnlich wie jetzt auch bei »Lieber Thomas« verschiedene Bewusstseinsebenen überlagert, wogegen ich in »Wege in die Nacht« auch mit dem Unterbewussten, aber mit extremer Reduktion gearbeitet habe.

Ihr erster Job nach dem Abitur war Großrequisiten-Transportarbeiter im DEFA Spielfilmstudio. Wussten Sie damals schon, dass Sie Filme machen wollten?

Als Sechsjähriger habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben, wollte Schriftsteller werden, was natürlich eine kindlich größenwahnsinnige Vorstellung ist. Mit 12 bekam ich zu Weihnachten eine Schmalfilmkamera,von da an habe ich immer gesagt, ich will Filmregisseur werden, weil ich fest überzeugt war, das passt zu mir. Ich war sehr visuell ausgerichtet, konnte aber nicht gut malen, bin in einen Schmalfilmclub gegangen, hatte erste kleine Jobs bei der DEFA und machte dort mein Volontariat. Als ich zur Armee musste, hatte ich schon einen der heiß begehrten Studienplätze an der Filmhochschule. 

Hatten Sie keine Befürchtungen, in diesem System an Mauern zu geraten? Und wie sind Sie damit umgegangen? 

Im Grunde fing es damit an, dass ich eine ganz tolle Deutschlehrerin hatte, die sehr streng katholisch und im Geiste sehr frei war. Als ich ihr erzählte, dass ich Schriftsteller werden wollte, meinte sie, das sei nicht so leicht ohne Studium. Da entstand die Idee, mich in Richtung Journalistik zu orientieren, ich wusste aber auch von dieser klugen Lehrerin, dass dieses Studium in der DDR besonders streng ideologisch kontrolliert wurde. Darum entschied ich mich für eine Kunsthochschule, die einzige Filmhochschule der DDR. Die DEFA als Delegierungsbetrieb war im Gegensatz zum DDR-Fernsehen ein etwas entspannterer Haufen, ein klassischer Studiobetrieb mit allen Gewerken. Ein Traum für einen angehenden Filmemacher. Meine Aussicht war, nach dem Studium als Regieassistent zu arbeiten und vielleicht nach 10 oder 15 Jahren mal einen Kinderfilm machen zu dürfen. Am Beispiel meines Mentors Rainer Simon, von dem einige Filme nicht realisiert bzw. nicht aufgeführt wurden, sah ich auch, dass das kein Zuckerschlecken wird. Ich habe mich dann, so wie er, in meinem Prüfungsfilm in die Historie gerettet, die Situation der DDR auf einen historischen Fall von 1848 übertragen: Der scheiternde Revolutionär ist zum Sterben verurteilt. 

Welche Haltung hatten Ihre Eltern zur DDR?

Mein Vater, der aus ganz einfachen Verhältnissen kommt, hat am 17. Juni noch Steine gegen die Regierung geworfen, ist dann aber als Arbeiterkind und Leistungssportler sehr gefördert worden, konnte studieren und hat eine beachtliche politische Karriere hingelegt. Meine Mutter kommt dagegen aus sehr großbürgerlichen Verhältnissen. In diesem Spannungsfeld bin ich aufgewachsen, Marx, Engels, Lenin-Bände im Bücherregal, aber an Weihnachten stellte meine Mutter die Krippe mit dem Jesuskind davor auf. Erst später krachte es ab und zu mit meinem Vater, wenn ich in Frage stellte, dass das mit den 98 Prozent der Stimmen für die SED wohl nicht mit rechten Dingen zugeht. Aber im Grunde war mein Vater sehr tolerant.

»Lieber Thomas« ist auch ein Vater-Sohn Film. Wie viel von Ihrer persönlichen Geschichte steckt da drin?

Die steckt immer mit drin, auch wenn man die Biographien natürlich nicht einfach vergleichen kann. Das ist eine zutiefst fiktive, subjektive Geschichte, eine Kreation, die der Autor Thomas Wendrich und ich den Kinozuschauern erzählen wollen. Es gibt viele Szenen, in denen sich die Erfahrungen von Thomas B. und Thomas W. und meine Erfahrungen überlagern, ergänzen. Die Sterbeszene zum Beispiel ist keine realistische Brasch-Sterbeszene, die habe ich zu einem Teil so mit meinem Vater erlebt. Marion Brasch, die den Film als letzte Überlebende der Familie begleitet hat, war nach der ersten Vorführung sehr froh, dass wir ihren Vater so dargestellt haben, eben nicht als seelenlosen Funktionär, sondern differenzierter. Und wie fast alle Kinder ringt auch Brasch um die Anerkennung seiner Eltern. Diesen Aspekt haben wir am Ende in einer Art Western-Showdown beim Filmfestival in Cannes in einem Duell Vater-Sohn überhöht.

Sie wurden knapp 30 Jahre Ihres Lebens in der DDR sozialisiert: War das wirklich alles so locker, wie es jetzt klingt? 

Wenn Leute heute von der DDR unreflektiert schwärmen, widerspreche ich vehement. Ein Land, das Menschen aus politischen Gründen einsperrt oder weil sie das Land verlassen wollen, kann man nicht entschuldigen. Der Autor und ich sind uns da einig. Diese DDR hat uns auch erwachsen gemacht und gut ausgebildet. Es gibt diese berühmte Rede von Brasch in direkter Ansprache auch an Franz Josef Strauß auf der Bayerischen Filmpreisverleihung, in der er sich bei der DDR und der Filmhochschule bedankt, obwohl beide wirklich nicht gut zu ihm waren. 

Die spießige Enge habe ich absolut gehasst: In diesen riesigen Stadien auftreten zu müssen, um mit unseren Anoraks Muster zu bilden. Während des Studiums in einem vormilitärischen Lager hing die Losung »Wer hier versagt, ist reif zum Überlauf«! Bei einem System eckt man immer an, wenn es der eigenen Geisteshaltung und Mentalität widerspricht. Andererseits gibt es Menschen, an die ich mich gern erinnere, Wahnsinns-Frauen wie die Dramaturginnen bei der DEFA, Autorinnen, die darum gekämpft haben, Dinge durchzubringen. Und es gab auch diese Aufmerksamkeit füreinander, sich gegenseitig helfen, eine Selbstverständlichkeit des Zusammenseins und eine Bescheidenheit. Da ging es nicht immer nur ums eigene Ego. Andererseits war fast meine ganze Verwandtschaft im Westen, da ich also denTeil Deutschlands durch sie kannte, kam er mir nicht ganz so strahlend vor, ich war nicht geblendet. Ich kann und will nicht nur mit Groll auf diese Zeit und dieses Land schauen, es sind gemischte Gefühle, die ich auch in »Lieber Thomas« darstellen wollte. Ich wäre nicht der, der jetzt hier sitzt, wenn ich nicht die DDR erlebt hätte, nicht besser oder schlechter, aber anders. 

Wie hätte der Film ausgesehen, wenn Sie ihn schon in den 90ern gedreht hätten, nach Wege in die Nacht?  

Damals hätten wir noch nicht so locker über den Westen nachdenken und schreiben können, weil wir nicht dabei waren. Wahrscheinlich hätte ich einen Film gemacht, der nicht im Westen gespielt hätte, aus Angst, ihn zu oberflächlich zu zeigen. Jetzt lebe ich 30 Jahre hier und habe schon den Eindruck, ich kann ein bisschen mitreden. 

Nach welchen Kriterien haben Sie Schneisen durch dieses volle Leben von Brasch geschlagen?

Bei so einem komplexen Stoff braucht man jemanden, der ähnlich denkt und fühlt, wie man selbst. Wenn man sich um jede Kleinigkeit auseinandersetzen muss, kommt man nicht voran. Ich wollte den Film unbedingt mit Thomas Wendrich zusammen machen. Seit »Freischwimmer« wusste ich, wir passen bestens zusammen. Anfangs hatten wir eine Rahmenhandlung in New York, mit dem Angebot eines amerikanischen Staragenten an Brasch, einen Roman über sich zu schreiben. Und es tauchten mehr berühmte Leute auf, Helene Weigel, Heiner Müller. Das haben wir verworfen, um so abstrakt und universell wie möglich zu bleiben, mit Honecker als einzigem Zugeständnis. Wir hatten mal darüber nachgedacht, diese Strauß-Rede beim Filmpreis einzubauen, aber ich finde, dass sie dokumentarisch auf YouTube so viel stärker ist als alles, was man nachstellen könnte. Es war auch klar, dass wir auf alle historischen Ereignisse wie den Fall der Mauer verzichten. Schon in der ersten Fassung war klar, dass wir Braschs Poesie zum strukturierenden Element machen wollten.

Albrecht Schuch war als Darsteller früh gesetzt, was haben Sie konkret gesucht? 

Äußere Ähnlichkeit interessiert mich gar nicht, weil man mit dieser Prämisse viel zu eingeschränkt ist. Entscheidend ist, dass Seele und Persönlichkeit passen. Also nicht nur das Intellektuelle, diese Klugheit und Sensibilität, sondern auch diese natürliche, bodenständige Männlichkeit. Da kommen mir Albrecht und auch Jella Haase mit ihrer Körperlichkeit und Direktheit sehr entgegen. Beide standen schon am Anfang der Buchentwicklung fest.

Wie haben Sie ihn denn darauf vorbereitet, mit dieser schönen, aber auch sperrigen Sprache umzugehen? 

Die Gefahr lag darin, zu viel zu gestalten, dann wird es schnell Schultheater. Damit die Sprache wirken kann, müssen die Worte relativ neutral und trocken, reduziert und ohne Emotionen gesprochen werden. Mit sehr stilisierter Sprache habe ich schon bei »Freischwimmer« gearbeitet, das liegt mir. Generell geht es mir um den spielerischen Umgang mit der Realität und ich zweifle in jedem Film die Wirklichkeit an. Ich drehe ja auch keinen realistischen »Tatort«, es ist ein persönlicher Blick auf die Welt. 

Was bedeutet Ihnen denn generell die Sprache in diesem visuellen Medium?

Ich habe immer versucht, die Sprache wie Musik zu behandeln und gehe da eher intuitiv wie ein Maler heran und schaue, welche Farbe passt. Ob das realistisch ist, interessiert mich dabei erstmal nicht. Deswegen liebe ich Theaterschauspieler/innen so sehr.

Sie bewegen sich auch sehr fließend zwischen Fernsehen und Kino ….

Nach vier Kinofilmen merkte ich, dass sie auf internationalen Festivals erfolgreich laufen – aber Publikumserfolge waren es nie. Der Reiz am »Tatort« lag darin, zu beweisen, dass ich mit meinem Blick auf die Gesellschaft und meiner Stilistik auch das große Publikum begeistern kann. Und ich könnte nicht die riesigen Pausen zwischen den Kinofilmen aushalten. Beim Drehen bin ich so glücklich, ich liebe diesen Kick, dieses olympische »Jetzt oder nie«. 

Wenn der Drehort der Spielplatz ist, dann sind die Schauspieler die Spielkameraden. Bei den Besetzungslisten Ihrer Filme fällt auf, dass sehr viele auftauchen, die erst später berühmt wurden, wie Misel Maticevic, Sylvester Groth, Alice Dwyer, Frederick Lau? Wie finden Sie die Darsteller? 

Das Casting liebe ich! In der DDR war die Besetzung auch Aufgabe des Regieassistenten. Ich bin für Rainer Simons »Der Fall Ö« in die Theater und Schauspielschulen gefahren, und das mache ich bis heute. Wenn möglich schaue ich mir alle Inszenierungen beim jährlichen Berliner Theatertreffen an. So habe ich Ursina Lardi in Hamburg gesehen und bewundert. Die Theater haben mir Dagmar Manzel, Susanne Wolff, Anja Schneider und all die anderen großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler gezeigt und ich habe sie als Geschenk glücklich entgegengenommen. Ich gehe immer viel ins Theater, habe natürlich auch sehr kreative Castingpartnerinnen wie Ann Dorte Braker, die mich bei vielen Projekten unterstützt hat, oder Karen Wendlandt, die unsere Besetzung für den Brasch-Film geführt hat. Und durch die Filme meiner Student/innen, denen ich beim Casting helfe, lerne ich auch wieder neue Leute kennen. Ich bin nicht so ein Fan der großen Starnamen; wenn man zu viele davon in einen Film steckt, ist das wie bei den Zutaten beim Kochen, sie heben sich gegenseitig auf. 

Sie haben schon öfters schwarzweiß gedreht, in »Lieber Thomas« breitet sich dadurch auch so ein Nouvelle Vague-Gefühl aus: War das beabsichtigt?

Schwarzweiß stand für mich immer fest, schon weil ich es sehr gern mag und oft Schwarzweißfilme gedreht habe. Ich habe früher viel fotografiert und auch selbst die Fotos entwickelt. Dazu kommt, dass es von Brasch fast ausschließlich schwarzweiße Bilder und Filmaufnahmen gibt – mir war wichtig, ihn in dieser Aura zu belassen. Schwarzweiß hilft auch dabei, die Bewusstseinsebenen und die Zeitebenen zu verwischen, bis man irgendwann nicht mehr fragt, was genau wann ist. Das ist fast wie so eine Übermalung. Und Schwarzweiß verleiht den Dingen eine Struktur. Die Bezüge zur Nouvelle Vague sind spielerisch gemeint. Filme, die wir bewunderten. Ich bin auch ein pingeliger Ästhet und Kostümfanatiker und bei jeder Kostümprobe dabei. Schließlich gibt es gerade im guten französischen Film eine ganz andere Ehrerbietung für die Schauspielerinnen. Dass wir Jean Seberg im Film haben und kurz Romy Schneider, aber auch Jutta Hoffmann und Angelica Domröse sind kleine Liebeserklärungen an geniale Schauspielerinnen. Aber um das Schwarzweiß muss man übrigens immer noch kämpfen, selbst Michael Haneke beim Weißen Band, obwohl er schon zu diesem Zeitpunkt so international preisgekrönt war.

Da wäre doch Net-flix die Lösung, die reden nicht rein...

Da setze ich meine Hoffnung nicht unbedingt nur auf Streaminganbieter, sondern eher darauf, dass sich die Medienlandschaft generell verändert. Ich bin der Meinung, dass man nicht stocksteif an alten Dingen festhalten sollte. Im Moment plane ich eine RAF-Serie, eine österreichisch-deutsche Koproduktion. Ich möchte drehen, weil es mir uneingeschränkte Freude bereitet und ich immer nur mit Leuten arbeite, mit denen ich das gern tue. 

»Lieber Thomas« ist auch ein Film über künstlerische Selbstbehauptung. Mussten Sie als Regisseur mal Kompromisse eingehen, die Sie bereut haben? 

Film ist immer ein Kampf! Diese Windmühlenräder, die Don Quichotte schon bekämpft hat, sind größer geworden. Der Brasch-Film sollte eigentlich zwei Stunden lang sein, doch der Verleiher, dem ich dafür ewig dankbar sein werde, hat gesagt: »Lieber einen langen guten Film als einen mittelmäßigen kurzen.« Die Produzenten und Redakteure haben uns da kräftig unterstützt. Es geht stets um Vertrauen und Diplomatie. Natürlich muss man hartnäckig bleiben, darf nicht sofort einknicken. So gibt es jetzt keinen meiner über 40 langen Filme, den ich in einer Retro nicht zeigen wollte, 

Das Thema beschäftigt mich natürlich trotzdem, gerade im Hinblick auf Brasch, der unvollendet geblieben ist, der nicht da angekommen ist, wo er eigentlich hinwollte. Aber das ist ja die Tragödie der meisten Menschen, dass wir das Lebensbild, das wir uns vornehmen oder nach dem wir uns sehnen, nie identisch verwirklichen. Diese Verschiebung beschäftigt mich in meiner jetzigen Lebensphase besonders stark: Was hast du erreicht, was willst du schaffen? Ich träume davon, irgendwann »Kokain« von Pitigrilli zu verfilmen. Ich habe viele historische Stoffe, die ich gernverfilmen würde, die aber aufwendig sind. Und die Filme, die mir am nächsten waren, sind nicht unbedingt die erfolgreichsten. Ich dachte auch immer, dass ich ein Leben lang mit demselben Menschen verbringen werde. So ist es nicht gekommen, aber wenn ich heute meine Tochter sehe, denke ich, das haben wir drei trotz Trennung richtig gut hinbekommen. Darum ist es mir so wichtig, dass Brasch auch unvollendet irgendwie glücklich gehen kann. Ich wollte nicht, dass er im Krankenbett stirbt, darum gibt es diesen Geister-Epilog, in dem er seinen Kindheitstraum durchlebt. Viele Diskussionen hat auch dieses merkwürdige Ende ausgelöst. Gerade die Woche rief mich ein ehemaliger Student an und fragte, »Andreas, wie machst du das mit den Leuten, die einem dauernd Szenen ausreden wollen?« »Hör auf dein Bauchgefühl«, ist mein Rat, »sorgt dafür, dass ihr es wenigstens drehen könnt!« Bisher sind diese umkämpften Szenen nie rausgeflogen. Wenn man immer mit dem Kompromiss des Kompromisses arbeitet, sieht am Ende alles gleich aus. Darum ist die Theaterprobe für mich eine Schlüsselszene für das Verständnis des Films: Wie Brasch sich da über diese Angepasstheit lustig macht, dabei natürlich auch arrogant ist. Von Brasch können sich junge Künstler heute noch viel abschauen. Er will aufrütteln, bis an die Grenze der Verletzung.

Diese DDR, die viel Druck auf Brasch ausgeübt hat, sieht im Film gar nicht so eng und grau aus, wie man das sonst kennt, sondern geradezu flirrend und vital...

Das war eine bewusste inhaltliche und ästhetische Entscheidung. Es gibt auch viele Parallelen zum Leben der Jugendlichen im Westen. Man lebte in der DDR natürlich in Verdrängung und in Nischen. Diese Szene im Film auf der Polizei mit dem Verbot der Rumänienreise habe ich selbst erlebt. Ich wollte zeigen, dass man dann halt an die Ostsee gefahren ist und dort auch eine tolle Zeit hatte. 

Woher kommt denn Ihr Faible für Außenseiter?

Als Jugendlicher habe ich es immer auch ein wenig genossen, Außenseiter zu sein, das ist eine Position, in der ich mich durchaus wohlfühle. Meine Mutter ist jetzt 85, sie trägt auffällige Leggings oder Miniröcke und wird manchmal belächelt; aber sie war immer darauf bedacht, nicht wie alle zu sein.

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