Nahaufnahme von Rufus Sewell

Mit schwelendem Blick
Rufus Sewell mit Renee Zellweger in »Judy« (2019). © Entertainment One

Rufus Sewell mit Renee Zellweger in »Judy« (2019). © Entertainment One

Zunächst hatte er sich als wildromantischer Frauenschwarm empfohlen. Dann schlug er sich als Schurke durch eine Reihe von Hollywoodkostümspektakeln. Inzwischen wechselt der Brite Rufus Sewell mühelos die Register, vom Bohemien in »The Marvelous Mrs. Maisel« bis zum Nazi-Boss in »The Man in the High Castle«

In der Serie »The Marvelous Mrs. Maisel« versucht die Heldin, den launischen Maler Declan Howell zu beschwatzen, ihrem Verlobten ein Gemälde zu verkaufen. Der feurige und witzige Bohemien rezitiert betrunken Shakespeare und Byron. Und er versucht, die propere Mrs. Maisel mit einem von brunnentiefen Blicken begleiteten seelenvollen Monolog zu verführen. Dieser zugleich flamboyante und selbstironische Gastauftritt verschaffte Rufus Sewell 2019 eine Nominierung für den Emmy-Fernsehpreis und zeitigte mehrere Appelle, ihn dauerhaft in die Serie hineinzuschreiben.

Die Rolle ist das Echo einer anderen Künstlerrolle in der Biografie »Carrington« (1995) zu Beginn seiner Karriere. Darin bedrängt er als Mark Gertler ungestüm die Malerin Dora Carrington (Emma Thompson), die sich indes ihrem schwulen Seelenverwandten Lytton Strachey zuwendet. Die Ähnlichkeit von Sewell mit dem realen Mark Gertler war nicht der einzige Grund für sein Engagement. Der britische Schauspieler hatte kurz zuvor mit der BBC-Kostümserie »Middlemarch« (1994) als Herzensbrecher seinen Durchbruch gefeiert und war, wie Colin Firth als Mr. Darcy in der BBC-Serie »Stolz und Vorurteil«, ein Frauenschwarm.

Anders aber als Firth gelang Sewell nicht der Wechsel ins Charakterfach. Der Vergleich mit Jane Austens wohltemperiertem Mr. Darcy hinkt ohnedies, denn Sewell ist – um in der Welt britischer Romanklassiker zu bleiben – eher der düster-leidenschaftliche Heathcliff-Typus aus »Sturmhöhe«, der Wildhüter aus »Lady Chatterley«. Entdeckt wurde der 1967 im Großraum London geborene Sewell in der Schule; ein Lehrer drängte den ungebärdigen Teenager zum Vorsprechen an der Central School of Speech and Drama in London, wo ihm Judi Dench einen Agenten verschaffte. Als seinen Mentor nennt Sewell aber den britischen Dramatiker Sir Tom Stoppard, der ihn 1993 in seinem Stück »Arcadia« erstmals ins Rampenlicht rückte.

Doch der gefeierte Newcomer war mit seinen schwarzen Locken und dem intensiven Blick über atemberaubenden Wangenknochen so verboten maskulin und attraktiv, dass er für feinziselierte Charakterstücke schlicht zuviel Drama auszustrahlen schien. Seinem Höhenflug im britischen Qualitätsfilm der Neunziger, wo er etwa als Fortinbras zum Promi-Ensemble von Kenneth Branaghs »Hamlet« (1996) gehörte, folgten eine längere Arbeitslosigkeit und schließlich der Umzug nach Los Angeles. Seither pendelt Sewell regelmäßig über den Atlantik: zwischen High und Low, zwischen Hollywoodkitsch, britischen Filmstudios und preisgekrönten Parts im Londoner Theater.

Dieser Verlauf wurde bereits in der köstlichen Kostümsatire »Cold Comfort Farm« (1995) vorweggenommen, in der eine alerte Londonerin (Kate Beckinsale) aus Geldnot zu ihrer trotteligen Farmerverwandtschaft zieht. Floras Bemühungen, den Hinterwäldlern zu helfen, betreffen auch den Bauernburschen Seth Starkadder. Gewitzt rückt sie ihn in den Fokus eines Filmproduzenten, der darüber klagt, wie schwer es sei, einen englischen Schauspieler zu finden, der den testosterondampfenden Westernstars Paroli bieten könne. Er erschnuppert Seth, bevor er ihn in all seiner burschikosen Schönheit erblickt und nach Hollywood mitnimmt. Wie Rufus Sewell als unbefangen-kindlicher Weiberheld in sich hineingrinst, wie er seinen legendär schwelenden Blick als schlichtes Stieren parodiert, das ist große Kunst.

Viel zu lachen aber hat Sewell, der sich in der Komödie am meisten zu Hause fühlt, im Film leider bis heute nicht. Seine bisher größte Rolle bekleidete er im expressionistischen Fantasyepos »Dark City« (1998). Dem Studio war der anspielungsreiche Neo-Noir-Film zu düster und verwirrend; er kam in Deutschland erst gar nicht ins Kino. Sewells kafkaesker Held ist inmitten der surrealen Kulissen nur ein Schauwert unter vielen anderen. Zwar stieg Alex Proyas' cineastische Extravaganza, von Kritikerpapst Roger Ebert zu einem der besten Filme des Jahres 1998 erkoren, zum heimlichen Klassiker auf und wird als besserer Vorläufer von ­»Matrix« gerühmt, aber Sewell konnte von diesem späten Ruhm nicht profitieren.

Er etablierte sich stattdessen als Nebenrollenschurke in Ausstattungsspektakeln, wo er über seine Funktion als Hingucker in Rüstung (oder Toga) hinaus Eindruck machte. Im kurzlebigen Comeback des klassischen Kintopp-Mummenschanzes trat er etwa in »Hercules« (2014) und in »Gods of Egypt« (2016) auf. Er war der aristokratische Schuft in »Ritter aus Leidenschaft« (2001) oder »The Legend of Zorro« (2005) und, in seiner bisher seltsamsten Rolle, ein Plantagen-Blutsauger in »­Abraham Lincoln Vampirjäger« (2012), einer Fantasy-Interpretation des US-Bürgerkriegs. Auch in »Der Illusionist« (2006) gibt er als k. u. k. Kronprinz Leopold den blaublütigen Fiesling.

In Großbritannien ist Sewell seit Jahrzehnten, meist in Kostümserien, Stammgast im Fernsehen. Obwohl er oft bekundete, dass ihm die stereotypen »mit finsterer Miene hoch zu Ross«-Nummern zum Hals heraushingen und er eine Reithosen-Phobie entwickelt habe, scheinen Kostümrollen sein Schicksal zu sein. Als er 2015 ein Engagement für die Amazon-Serie »The Man in the High Castle« (kürzlich startete die vierte und letzte Staffel) annahm, gelang ihm dank des Streamingbooms ein unerwartetes Comeback ausgerechnet in der Karikatur eines Reithosenkostüms, der NS-Uniform. Im alternate history-Universum der Serie ist er als John Smith, der vom SS-Obergruppenführer zum Reichsmarschall der US-Ostküste aufsteigt, ein Schurke von Shakespeare'schem Format, der bis zum bitteren Ende die Aufmerksamkeit fesselt. Mal Familienvater in Strickjacke, mal Sadist, mit seinem Sarkasmus und seiner Lässigkeit amerikanischer als die üblichen Filmnazis, am Ende still verzweifelt wie King Lear: Nach dieser Serie wird ihn niemand mehr wie in den Jahren zuvor mit Joaquin Phoenix verwechseln.

»The Man in the High Castle« (Staffel 2, 2016). © Amazon Studios

»Victoria« (ab 2016) katapultierte ihn vollends zurück in den Fokus vor allem des weiblichen Publikums. Als Lord Melbourne ist er der Mentor der jungen Königin Victoria, wobei die Serie den beiden eine unerfüllte Liebe andichtet. Sewell, wie gehabt im noblen Kostüm, zieht als seelenvoller Verehrer wie gehabt alle Blicke auf sich. Natürlich ist es eine schreiende Ungerechtigkeit, dass er als »Lord M.« von einer vierzig Jahre jüngeren Frau angeschwärmt wird und dass der Verlust seiner Pin-up-Frische ein Bonus ist, der es ihm ermöglicht, endlich als Charakterdarsteller wahrgenommen zu werden, während Schauspielerinnen seines Alters aussortiert werden. Dass man ihn unbedingt öfter an der Seite der jungen Mrs. Maisel sehen möchte, steht aber außer Frage.

Meinung zum Thema

Kommentare

Dieser Artikel ist eine Hommage an Rufus Sewell und eine verdiente. Er bekommt so langsam aber sicher die Anerkennung die er als Charakterdarsteller verdient. Endlich mal wieder ein NICHT-Selbstdarsteller sondern eine Ausnahmeschauspieler mit groesstem Koennen in einer ansehnlichen Statur, geht doch

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