»Luisa«: Es geht um ­Selbstbestimmung

Werkstattbericht mit Regisseurin Julia Roesler
Celina Scharff in »Luisa« (2025). © Real Fiction Filmverleih

Celina Scharff in »Luisa« (2025). © Real Fiction Filmverleih

Julia Roesler eröffnet in ihrem Langfilmdebüt den Blick in eine betreute Einrichtung für Menschen mit Behinderung. »Luisa« bringt Protagonist*innen auf die Leinwand, deren Geschichten trotz unserer inklusiver werdenden Gesellschaft selten erzählt werden. Eine Begegnung mit der Regisseurin

Luisa (Celina Scharff), Anfang 20, ist eine Heldin, wie sie bisher kaum im Kino zu sehen war. Die Frau mit dem wachen Blick und dem einnehmenden Lächeln lebt in einer betreuten Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Gemeinsam mit ihren Mitbewohner*innen fährt sie täglich mit einem Bus zu einer Wäscherei, wo sie in einer Halle zwischen Förderbändern Kleidungsstücke sortiert. Mit dabei ist auch der von Schauspieler, Songwriter, Regisseur und Künstler Dennis Seidel gespielte Anton, ihr Freund, zu dem sie eine humorvolle und zärtliche Beziehung pflegt und der, wie sie, eine Lernbehinderung hat und auf Unterstützung im Alltag angewiesen ist. Es ist ein Alltag zwischen Freundschaften, Arbeit, Elternbesuchen, mit empathischen, teils überforderten Betreuer*innen. Bis herauskommt, dass Luisa schwanger ist. Da Anton nicht zeugungsfähig ist, wird sexueller Missbrauch vermutet. Durch wen?

Es ist ein herausforderndes Thema, dem sich die 1978 geborene Regisseurin Julia Roesler in ihrem ersten Langfilm widmet. Wie sie darauf kam? Durch eine Bekannte, erzählt Roesler im Videointerview, die ihr von einem Missbrauchsfall in einer betreuten Wohneinrichtung berichtet habe. »Ich war sprachlos, weil ich nicht wusste, dass es in solchen Institutionen in diesem Maß zu derlei Übergriffen kommt.«

Die Recherche hat schockierende Zahlen zutage gefördert: Laut der Studie »Gewalt und Gewaltschutz in Einrichtungen der Behindertenhilfe«, die das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben hat, hat jede dritte Frau physische und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Mädchen und Frauen mit Behinderung erleben, je nach Gewaltform, zwei- bis dreimal häufiger Gewalt als der Bevölkerungsdurchschnitt und fast doppelt so häufig körperliche Gewalt wie Frauen ohne Behinderungen. Etwa 70 bis 90 Prozent der Frauen mit Behinderungen haben laut der Studie bereits psychische Gewalt im Erwachsenenleben erfahren.

In der weiteren Recherche, erzählt Roesler, hätten sie und ihre Kolleginnen Insa Rudolph und Silke Merzhäuser von der werkgruppe2 Hintergrundgespräche mit Organisationen wie dem Frauennotruf oder dem Weibernetz e. V. geführt, der in Kassel ansässigen politischen Interessenvertretung von Frauen mit Behinderung.

Um Einblicke in den Mikrokosmos zu bekommen, haben Roesler und Merzhäuser in verschiedenen betreuten Wohneinrichtungen hospitiert. Schon hier hätten sie Grenzverletzungen mitbekommen. »Es ist zum Beispiel nicht gegeben, dass Frauen von Frauen und Männer von Männern gepflegt werden«, erzählt Roesler. Genau das könnte ihr zufolge aber, und das bestätigt auch die genannte Studie, für Präventionsmaßnahmen gegen Übergriffe relevant sein.

Selbstbestimmung sei ebenfalls ein großes Thema. »Wenn du nie sagen kannst, was du essen möchtest, sondern immer nur vorgesetzt bekommst. Oder wenn du regelmäßig von verschiedenen Menschen im Intimbereich gewaschen wirst: Wie sollst du Autonomie und auch Grenzen lernen?« Ihr Film greift das etwa in einer Szene auf, in der einer Person die Haare gekämmt werden, die das selbst tun könnte. Für die Regisseurin manifestieren sich darin strukturelle Probleme, denn mangels ausreichender Personaldichte werden oft weniger zeitintensive Betreuungs- und Pflegestrategien gewählt. Auch trage dazu bei, so Roesler, dass in solchen Einrichtungen sehr engagierte, aber teils unzureichend ausgebildete Menschen arbeiteten, die einfach in die Situation geschickt würden.

All diese Themen finden sich in »Luisa« wieder, einem Film, mit dem die Regisseurin konsequent inklusiv denkt. Das Drama ist paritätisch besetzt: zehn Schauspieler*innen mit und zehn ohne Behinderung spielen mit. »Meine Damen und Herren« heißt das Ensemble professioneller Schauspieler*innen mit Behinderung aus Hamburg, mit dem Roesler zusammengearbeitet hat. »Das sind einfach großartige Schauspielerinnen und Schauspieler, die extrem gut darin sind, Situationen natürlich zu spielen.«

Zur Vorbereitung habe sie, erzählt sie weiter, zunächst monatelang mit einzelnen Menschen aus dem Cast geprobt. Gedreht wurde schließlich in einer frisch geschlossenen Einrichtung. »Wir haben uns die Räume zwei Wochen vor Drehbeginn mit dem Ensemble erobert. Das war sehr heftig für die Darsteller*innen, weil zum Teil noch Gegenstände und Bilder von ehemaligen Bewohner*innen vor Ort waren.«

Zugangsmöglichkeiten, Reduzierung von Barrieren und Awareness spielten eine große Rolle. »Morgens gab es immer einen Check-in mit der gesamten Crew und dem Cast, um zu klären, wie ist die Stimmung, wie ist das Energielevel, welche Frage gibt es zum geplanten Drehtag?«, so Roesler. Um die Arbeitsbedingungen kümmerten sich auch pädagogische Fachkräfte als »Creative Enabler«: Was braucht es an diesem Set für das Ensemble, um gut arbeiten zu können?

Eine besondere Aufgabe kam Hauptdarstellerin Celina Scharff zu, die in dem Film in beinahe jeder Szene zu sehen ist. Einzig in der heftigen Szene, in der der Busfahrer, der die Bewohner*innen täglich zur Arbeit fährt, Luisa in die Fahrerkabine bittet und neben ihr masturbiert, wurde Scharff in Teilen gedoubelt. Die Regisseurin zeigt sich sichtlich begeistert von ihrer Hauptdarstellerin. »Das war ihre erste große Filmrolle und sie hat ihre Figur sehr fein und komplex angelegt.« Der Drehplan wurde so arrangiert, dass Scharff möglichst lange, aber nie mehr als acht Stunden am Set sein konnte. Neben dem Drehplan, der ein ums andere Mal spontan geändert wurde, habe es immer auch freie Slots zum Improvisieren gegeben.

Roesler selbst ist nach 15 Jahren Dokumentartheater eine, wie sie es nennt, »klassische Quereinsteigerin« in der Filmbranche. Und eine Realistin, die, das erzählt sie lächelnd, den nötigen Mut und die Naivität gehabt habe, sich ein solches Filmprojekt zuzutrauen. »Das hätte auch jeden Tag scheitern können.« Ein wichtiger Partner war neben der Filmförderung die Redaktion von »ZDF – Das kleine Fernsehspiel«, die Talente fördert und Raum gibt, sich auszuprobieren.

Außergewöhnlich ist auch der Weg, den »Luisa« bisher genommen hat. Weltpremiere feierte das Drama auf dem Shanghai International Film Festival 2025. Roesler erinnert sich gern, wie das Filmteam dort gefeiert wurde. »Wir wurden wie Stars behandelt, was für unseren Arthousefilm und Celina sehr toll war. Ein super Start!« Nach weiteren Aufführungen in Indien, China und den USA hatte der Film im letzten Oktober Deutschlandpremiere bei den Internationalen Hofer Filmtagen, wo er mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet wurde.

Roesler sieht den Preis als Gelegenheit, »dem Thema und unserer Arbeitsweise eine Öffentlichkeit zu verschaffen«. Bei den Terminen der anstehenden Kinotour werden sie, wenn möglich, mit einem inklusiven Team anreisen. »Man merkt, dass es nicht viel Übung im Umgang mit Menschen mit Behinderung gibt.« Neben dem Kinopublikum wolle sie mit ihrem Film gezielt aber auch ein Fachpublikum ansprechen. Erste Screenings hätten gezeigt, dass der Film sowohl für Bewohner*innen als auch für Betreuer*innen von Wohneinrichtungen interessant sei, weil ihre Lebens- und Arbeitsrealität sowie das Thema sexualisierte Gewalt so gezeigt werden, dass beide Gruppierungen dazu eingeladen sind, die komplexen Herausforderungen des institutionalisierten Wohnens zu reflektieren.

»Luisa« ist ein Film, der über Repräsentation Verständnis erzeugt und den Blick schärft. Inspiriert ist der Filmtitel von dem Projekt »Luisa ist hier!« des Frauen-Notrufs Münster, ein Hilfsangebot für Frauen und Mädchen bei sexueller Belästigung.

Aktuell probt Roesler mit ihrem Team für ihr dokumentarisches Theaterprojekt »Catladies«, das im Mai Premiere im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen feiern wird. Dafür wurden Frauen über 70 interviewt, die ohne Männer und mit Katzen wohnen. Ebenfalls in der Pipeline sind ein weiteres inklusives Theaterprojekt für das Thalia Theater Hamburg und zwei Drehbücher, die ebenfalls einen inklusiven Ansatz haben.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt