Keanu Reeves: Folgt dem Mann in Schwarz!

Keanu Reeves in »The Matrix Resurrections« (2021). © Warner Bros. Pictures

Keanu Reeves in »The Matrix Resurrections« (2021). © Warner Bros. Pictures

Im Dezember kehrt er in seiner ­wichtigsten Rolle auf die Leinwand zurück – als Neo in »The Matrix ­Resurrections«. Das Image des ­Erlösers hat sich längst auch ins ­Leben übertragen: Keanu Reeves gilt als der ­netteste Schauspieler des Planeten, ein ­guter Mensch im ­emphatischen Sinn. Marion Löhndorf über die Entstehung einer Legende

Ein Eintrag zu Keanu Reeves fehlt in David Thomsons einflussreichem Filmlexikon, »Biographical Dictionary of Film«, auch in der dritten, überarbeiteten Ausgabe von 1994. Stattdessen erscheint er in einem dem Buch vorangestellten Zitat: »But where's ­Keanu Reeves and Maria Ouspenskaya and –?« Thomsons Auswahlkriterium der Filmschaffenden war einfach: »Jemand muss mich interessieren.« Keanu Reeves gehörte nicht ­dazu, und das war symptomatisch. Lange war er unter Cineasten verpönt, und vielleicht ist das immer noch so.

Oft wurde ihm ein Mangel an schauspielerischer Bandbreite vorgeworfen oder einfach an Talent. Dabei erwies sich die Karriere des 1964 in Beirut geborenen Kanadiers – mit hawaiisch-chinesischen Wurzeln – als ausgesprochen robust und endete in späten Triumphen. Sie erlebte erstaunliche Wechsel. Der zurückhaltende Junge der frühen Filme, der aus dem düsteren Pschodrama »River's Edge« (Das Messer am Ufer, Tim Hunter, 1987) und dem frei mäandernden Vagabunden- und Stricherfilm »My Own Private Idaho« (Gus Van Sant, 1991), versuchte sich in komödiantischer Übertreibung in »Bill and Ted's Excellent Adventure« (1989) und »Bill and Ted's Bogus Journey« (1991), in denen er einen naiven Teenager so überzeugend spielte, dass ihm das Image der Unbedarftheit nachhing. In »I Love You to Death« (Lawrence Kasdan, 1990) war er sich nicht zu schade, einen bekifften Vollidioten zu spielen, und in Stephen Frears' »Gefährliche Liebschaften« (1988) verkörperte er einen Simpel, der raffinierten erotischen Ränkespielen auf den Leim geht. Die frühen Rollen leben vom Charme der Jugend und lassen einen Hang zur Introvertiertheit erkennen, der sich fortsetzen sollte, selbst in so übersteuerten Teeniespäßen wie den »Bill and Ted«-Filmen.

Mit »Speed« (Jan de Bont, 1994) gab Reeves einen Vorgeschmack auf das Action-Genre, das die mittleren und späteren Jahre seiner Karriere bestimmen sollte. In »Johnny Mnemonic« (1996) lässt er sich einen Mikrochip ins Hirn operieren, dessen Datenmenge ihm abverlangt, alle Kindheitserinnerungen auszulöschen. Da war er in einer durchdigitalisierten Zukunft ­unterwegs, der die Freiheit und das Gefühl für die Wirklichkeit abhandengekommen waren. »Johnny Mnemonic«, inszeniert von dem Künstler Robert ­Longo, nahm Elemente der »Matrix«-Serie (ab 1999) vorweg, in der die gesamte materielle Welt als Illusion erscheint, um den Menschen ein freies Leben vorzutäuschen, während sie in Wirklichkeit von Maschinen als lebende Batterien gezüchtet werden. 

Der erste Teil der »Matrix«-Filmreihe von Lana und Lilly Wachowski, ein kultureller, kritischer und kommerzieller Welterfolg, arbeitet sich an den großen Fragen von Identität, Spiritualität, der Freiheit des Denkens und dem Konflikt zwischen Mensch und Maschine ab. Reeves spielt den Hacker Neo, der sich einer Widerstandsgruppe anschließt, die ihn als Retter der Menschheit auserkoren hat – den, der sie aus der Knechtschaft der Maschinen befreien kann. Neo ist ein einfacher, zunächst wenig bemerkenswerter junger Mann, der in die Rolle des Helden hi­neinwächst. So wie sich auch Reeves mit diesem Film für das Heldenfach empfahl. Zugleich bedeutete der Part für ihn den endgültigen Durchbruch, der ihn in die Riege der Spitzenverdiener Hollywoods einreihte.

Zur selben Zeit wich die Bemängelung seines Talents, die unter Filmjournalisten zum Standard geworden war, günstigeren Beurteilungen. Aber sie verstummte nicht. Jahrzehntelang hatten Kritiker sein hölzernes Spiel verhöhnt und fanden, dass er seine Texte mehr deklamiere als im Alltags­tonfall spreche. Spott über Reeves war zur Selbstverständlichkeit geworden. »Keanu Reeves muss eine Art superstarkes Botox nehmen, um so auszusehen, wie er es tut«, schrieb der prominente englische Kritiker Peter Bradshaw in der Tageszeitung »The Guardian« über den Schauspieler in ­»Constantine« (Francis Lawrence, 2005). »Es ist jenseits von allem, was man als schlechte Schauspielkunst bezeichnen kann. Dieses exotische Maul ist einfach nicht in der Lage, auf konventionelle Weise elektrische Impulse vom Hirn zu empfangen.« Erstaunlich unkorrekt für ein linksliberales Blatt. Die Zeit meinte es aber gut mit »Constantine« und seinem Hauptdarsteller. Der Film fand im Lauf der Jahre Fans und Verteidiger, und Reeves wurde zur Ikone. 

Heute wird seinem Schauspielstil, der vielleicht gar keiner ist, sondern auf reiner Limitierung beruht, eine fast poetische Qualität attestiert. Bis zu einem bestimmten Grad bleibt sein Blick immer nach innen gekehrt und verrät einen Unwillen oder eine Unfähigkeit, sich vollkommen mitzuteilen. Er bleibt reserviert. Dabei hat er eine ganz eigene Weise, Rollen zu transzendieren, eine Art Anwesenheit der Abwesenheit – als wäre hier jemand, der aus einer ganz anderen Sphäre zufällig auf diesen Planeten spaziert ist. Aber auch diese retrospektive Entdeckung allein ist es nicht, die in den letzten Jahren zu einem Beliebtheitsschub führte. Die wahre Liebesgeschichte zwischen Keanu Reeves und den Zuschauern begann, als das Publikum den Mann hinter den Rollen zu entdecken und dabei viele Parallelen festzustellen glaubte. Reeves und seine Figuren scheinen zu verschmelzen. Irgendwann muss er begriffen haben, dass sein Charisma unabhängig von seiner jeweiligen Rolle funktioniert und dass er viel mehr nicht braucht.

In seinen Interviews sieht er aus, als wäre er gerade von der Leinwand herabgestiegen: schulterlanges Haar und Bart – die ganze Jesusfrisur, schwarzes Jackett, auch sonst alles schwarz, bis auf die Arbeiter- oder Bergsteigerschuhe, die schon mal grau oder sandfarben sein können und im Film meist durch glänzendes Lederschuhwerk ersetzt werden. Aber sonst gleichen sich Keanu Reeves, wie er sich seit einer geraumen Weile der Welt präsentiert, und die Figuren, die er spielt, aufs Haar. 

Historische Rollen, die offensichtliche Verkleidung erfordern, bilden die Ausnahme in der langen Liste seiner Filme. Sie waren selten erfolgreich: Sein seelenvoller Auftritt als Siddhartha in Bertoluccis »Little Buddha« (1993) wurde von der Kritik zerpflückt, ebenso sein unschuldiger Don Juan in Kenneth Branaghs Shakespeare-Verfilmung »Much Ado About Nothing« (Viel Lärm um nichts, 1993). Durch die meisten seiner Filme – auch wenn sie in der Zukunft spielen – geht er im Kostüm des historischen Präsens. 

Manchmal erscheint die Filmgarderobe wie eine Erweiterung oder Zuspitzung seiner privaten Kleidungsgewohnheiten. Wenn er in »The Matrix« (ab 1999) in Ledermantel und Sonnenbrille auftritt, sind das Insignien der Extra-Coolness, die er im Leben gar nicht braucht, wobei die Farbe Schwarz eine Konstante bleibt. In »Constantine«, einem Film, der ihm nach eigener Aussage besonders am Herzen liegt, spielt er einen Exorzisten zwischen Himmel und Hölle und sieht dabei aus wie Keanu Reeves in diesen Jahren auch nach Drehschluss aussah. Seine Aufmachung und sein Habitus in der »John Wick«-Filmserie (Chad Stahelski, 2014, 2017, 2019) spiegeln sich deutlich selbst noch in den Werbespots für Yves Saint Laurent, die 2019 entstanden. Im neuen, vierten »Matrix«-Film ist er nicht etwa in Frisur und Outfit der früheren Folgen zu sehen, sondern in der bärtigen, langhaarigen Aufmachung seines Altersstils. 

Die scheinbare wechselseitige Durchdringung von Filmfigur und Leben (und Werbung) im äußeren Erscheinungsbild hat einerseits damit zu tun, dass es sich um Rollen handelt, die in der Gegenwart verankert sind. Wobei von da aus oft radikale Reisen in Gegen- und Unterwelten unternommen werden, aber eben: sie beginnen in Erzählräumen, die der Gegenwart verwandt oder wenigstens für uns identifizierbar sind. Bevor Reeves sich in den Charismatiker in Schwarz verwandelte, spielte er oft junge Männer im Normcore-Outfit, von »River's Edge« bis hin zu »Speed« (1994), von Kathryn Bigelows Surferthriller »Point Break« (1991) bis »Something's Gotta Give« (2003), bei denen man optisch keine Überraschung beim Rollen-Realitätsabgleich erlebte. 

Die Entwicklung spitzte sich zu. Die Annäherung von Rollen und Leben führte über ein neu erwachtes Interesse der Welt an ihm. Im ersten Teil der Actionfilm-Serie um John Wick verliert er seine Frau; im wirklichen Leben hatte er Jahre zuvor zuerst ein Baby – totgeboren – und dann seine Lebensgefährtin verloren. Obwohl er in Teil eins des »John Wick«-Franchise Hunderte von Menschen abmurkst, weil einer sein Hundebaby getötet hat, kennzeichnete der Film, eine zügig inszenierte Rache­fantasie, den Beginn des Reeves-Comebacks im großen Stil. 

Damit einher ging die Wahrnehmung seiner Person als Guru der Einfachheit und des Gutmenschentums. In einer Talkshow stellte ihm der amerikanische Interviewer Stephen Colbert die Frage, was nach dem Tod eines Menschen passiere, in deutlicher Erwartung einer typischen, schlagfertigen Hollywood-Antwort. Stattdessen atmete Keanu Reeves tief durch und sagte: »Ich weiß, dass die, die uns lieben, uns sehr vermissen werden.« Das Publikum war gerührt. Es teilte den Fernsehmoment millionenfach. »Keanu Reeves Death Answer« wird auf Google von mehr als 14 Millionen Hits beantwortet. Er war vom Schauspieler zum Phänomen geworden. 

Es begann mit einem Foto, das irgendwer vor mehr als zehn Jahren von ihm auf der Straße aufgenommen hatte. Da saß er auf einer Bank, aß ein Sandwich und sah so ernst oder gedankenverloren aus, wie man eben aussieht, wenn man allein isst und sich unbeobachtet wähnt. Als »Sad Keanu« ging das Meme jahrelang durchs Netz und erregte Mitgefühl. »Sad Keanu« war traurig für uns alle. Man wusste, dass der stets schwarz gekleidete Mann mit dem Unglück vertraut war. »Sad Keanu« lud zur Identifikation ein: eine ideale Projektionsfläche für eigene Verluste oder wenn man einfach mal einen schlechten Tag hatte.

Auch von Passanten und Mitreisenden heimlich aufgenommene Clips gingen viral, und man lernte: Der Mann in Schwarz steht in der U-Bahn auf für Menschen, von denen er annimmt, dass sie einen Sitzplatz nötiger haben als er. Er dreht nicht durch, wenn ein Flugzeug notlandet, sondern beruhigt Mitpassagiere. Er geht allein in Kurosawa-Filme und isst dabei Popcorn. Sein Honorar teilt er manchmal mit bedürftigen, unbekannten Kollegen. Die Welt ist voller Bewunderung. Das Intellektuellenmagazin »The New Yorker« sprach ihn in einem langen Artikel mit der Überschrift »Keanu Reeves is too good for this world« heilig. Eine Welt, in der Gesten alltäglicher Anständigkeit zur ­titelwürdigen Story werden, braucht eine Menge Trost, so viel ist klar. 

Unterdessen marschiert Reeves auf der Leinwand weiter marodierend durch apokalyptische Landschaften und kämpft gegen Systeme des Bösen. Er tötet in »John Wick« so viele Menschen, dass der Anlass der Rachefeldzüge in Vergessenheit gerät. In welchem virtuellen Strudel paralleler Wirklichkeiten er im vierten »Matrix«-Film unterwegs sein wird, kann man aus den gehypten Trailern nur erahnen, bis der Film Weihnachten in die Kinos kommt. 

In jüngerer Zeit mehren sich seine Schurken-Auftritte, vielleicht weil ihm seine Heiligsprechung verdächtig oder langweilig erscheint. Wenn er im Film auf der Seite des Bösen ist – in Sam Raimis Hexen-Horror »The Gift – Die dunkle Gabe« (2001), in »Siberia« (Matthew Ross, 2018) –, gelingt ihm das seltener als die Belebung seiner Heldenfiguren, auch wenn er in Nicolas Winding Refns »Neon Demon« (2016) überzeugend unangenehm ist und in »The Bad Batch« (2017) von Ana Lily Amirpour der aasige Anführer einer sektenhaften Vereinigung. Zwei von sanfter Innerlichkeit getragenen Büchern, die er mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Alexandra Grant schrieb, folgt demnächst ein martialischer Cartoon-Band BRZRKR, in dem hart zugeschlagen wird. 

Gelegentlich spielt Reeves mit dem eigenen Image, das er ganz genau kennt und das nur ein wirklich großer Star wirkungsvoll karikieren kann. In »Always Be My Maybe« (2019) gibt er einen vergötterten Hollywoodschauspieler namens Keanu Reeves, der im Leben eines ganz und gar unberühmten Paars einen Gastauftritt hat: als schwarz gekleidetes, schaltragendes Monstrum der Eitelkeit, das Bescheidenheit heuchelt, theatralisch Pseudoweisheiten ausgibt und nebenbei über Filme wie »John Wick« spricht. Lustvoll persifliert er seine Star-Persona (»Wer war Dein Teenieschwarm?« – Keanu: »Mutter Teresa«). Wobei am Ende schon klar ist, dass hier nur ein Image verhandelt wird. Und dass wir nicht viel über die sehr private Person hinter den Filmbildern wissen, abgesehen von der Liebe zu Motorrädern, zur Musik (Reeves spielte in einer Rockband namens Dogstar), zu Literatur und Film (»Ich liebe Filme, ich liebe es, sie zu sehen, und ich liebe es, sie zu machen«) und der Vorliebe für ausweichende Antworten, etwa auf die Frage, was ihn auf dem Boden hielte: »Schwerkraft.« 

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