Heimathorror

Die »Perspektive Deutsches Kino« der 70. Berlinale
»Schlaf« (2020). © Marius von Felbert/Junafilm

»Schlaf« (2020). © Marius von Felbert/Junafilm

Mit gerade einmal acht Filmen deutlich gestrafft präsentierte sich in diesem Jahr die Sektion Perspektive Deutsches Kino, die sich inhaltlich kaum aktueller hätte aufstellen können. Denn im Fokus standen Heimat und Identität

Rojda hat ihr Geburtsland längst hinter sich gelassen. Die junge Frau mit kurdischen Wurzeln dient in der Bundeswehr. Um ihre Schwester zu finden, lässt sie sich in den Irak versetzen, doch die kämpft längst ihren eigenen Kampf. – Mona macht sich in einem düsteren Hotel auf die Suche nach den Geheimnissen ihrer von Albträumen und Panikanfällen heimgesuchten Mutter. – Andrea ist eine Frau, die ausschließlich in der Gegenwart lebt, eine Vergangenheit scheint sie nicht zu haben. – Und Janna Ji Wonders blickt in die eigene Familiengeschichte, erzählt von den Frauen aus vier Generationen, um das Handeln jeder einzelnen, auch das eigene, zu verstehen. Es sind weibliche Biografien, fiktive wie reale, die das Programm der Sektion Perspektive Deutsche Kino auf der diesjährigen Berlinale bestimmt haben. Sie alle sind auf die Suche – nach Menschen, nach Antworten, nach ihrem Platz in der Gemeinschaft, nach der eigenen Identität.

2002 hatte Dieter Kosslick die Sektion eingeführt, schon damals, um jungen AutorenfilmerInnen für ihre Debüts eine Plattform zu bieten. Mit ihren Filmen sollten sie einen neuen Blick in die deutsche Filmlandschaft eröffnen, mögliche Wege in die Zukunft des Kinos werfen – damals wie heute. Und doch ist einiges neu in diesem Jahrgang. Mit gerade einmal acht Filmen war das Programm deutlich gestrafft, nicht aus Mangel an Einreichungen, wie Sektionsleiterin Linda Söffker versicherte – es waren mehr als 200 –, sondern um sich auf die visuell, formal und inhaltlich interessanten Filme zu konzentrieren, mehr Tiefe als Breite. Zufall sei es gewesen, dass paritätisch vier Spiel- und vier Dokumentarfilme ausgewählt worden seien, was durchaus als Indiz dafür gewertet werden kann, dass zunehmend im Dokumentarischen nach Antworten gesucht wird.

Als tatsächlich visuell und formal experimentierfreudig allerdings lässt sich maximal »Schlaf« von Michael Venus bezeichnen. Darin stößt die oben bereits erwähnte junge Mona (Gro Swantje Kohlhof) in einem trostlosen Walddorf und einem ebenso gruseligen, menschenleeren Riesenhotel auf einen alten Familienfluch, den ihre Mutter (Sandra Hüller) bis heute plagt. Da taucht immer wieder ein Wildschwein auf, nicht nur in den Albträumen – Traum und Realität sind kaum mehr auseinanderzuhalten. Die Heimat als Horrortrip, die Vergangenheit ein unausweichlicher Parameter der Gegenwart. 

Sehr viel konventioneller erzählt Daphne Charizani in »Im Feuer«, der englische Titel ist mit »Sisters Apart« sehr viel treffender, von der Bundeswehrsoldatin Rojda (Almila Bagriacik). Auch sie wird ständig mit ihrer Vergangenheit und der ihrer Familie konfrontiert, kann sich ihr auch in Deutschland, das längst zu ihrer Heimat geworden ist, nicht entziehen. Und sie muss feststellen, dass jeder selbst über sein Leben, seine Zukunft entscheidet. Der Familie ist dabei nicht zu entkommen.

Dass die Gegenwart ohne Vergangenheit nicht denkbar ist, thematisierte wohl kaum jemand in der Sektion so deutlich wie Janna Ji Wonders in ihrer Dokumentation »Walchensee Forever« über ihre eigene Familiengeschichte, die sie 1920 beginnen lässt. Damals eröffnete ihre Urgroßmutter Apa mit ihrem Mann im bayerischen Walchensee ein Ausflugscafé. Es ist der Ort, der die Familie zusammenhält, nicht immer freiwillig, sondern auch weil es die Konventionen, die patriarchalen Strukturen bestimmen. Wonders Mutter Anna und Tante Frauke befreien sich, leben später in der Kommune um Rainer Langhans, wo Frauke auf mysteriöse Weise stirbt. Anna kehrt irgendwann von den Schatten der Vergangenheit mit ihrer Tochter doch an den See zurück. Wonders ist ein persönliches, dank zahlreicher Bilddokumente, eindrückliches Porträt gelungen, das anhand einer einzigen Familie das große Ganze erzählt. Dafür wurde sie mit dem mit 5000 Euro dotierten Kompass-Perspektiven-Preis ausgezeichnet. Den Bayerischen Filmpreis hatte sie bereits im Januar gewonnen.

»Garagenvolk« dokumentiert viele kleine Mikrokosmen, die zugleich ein gigantisches Ausmaß annehmen, weil sie einen Makrokosmos beschreiben. Es sind Garagen im unwirtlichen Norden Russlands, die nicht als Autostellplätze dienen, sondern als Zweitwohnung, Fitnesscenter, Kneipe, Bordell. Skurril und rätselhaft ohne Erklärungen porträtiert Natalija Yefimkina diese Zufluchts- und Sehnsuchtsorte einer Gesellschaft und eröffnet damit einen Blick in eine Welt, die vielen verschlossen, fremd, fast unheimlich ist – und doch zu unserem Alltag gehört.

Von einem solchen Leben erzählt auch Barbara Ott in »Kids Run«, der die Sektion eröffnet hat. Andy (Jannis Niewöhner), Vater dreier kleiner Kinder von zwei Müttern, von beiden ist er getrennt, spürt nicht der Vergangenheit nach, er muss mit ihr leben. In einer schimmeligen Wohnung, von Gelegenheitsjobs, in ständiger Fürsorge um seine Kinder. Um 5000 Euro aufzutreiben, will er in einen Boxring steigen. Es ist ein Film des Moments, denn die Zukunft steht jedes Mal unmittelbar bevor, mit nur kleinen Momenten des Glücks, mal voller Hoffnung, mal völlig aussichtslos. 

So zeichnen alle acht Filme der Sektion Lebenswirklichkeiten nach, nicht alle in Deutschland, aber von deutschen RegisseurInnen realisiert oder hier gedreht und produziert. Nicht alle haben einen neuen künstlerischen Ausdruck gefunden, aber sie alle zeigen, dass die Zukunft nicht ohne Vergangenheit funktioniert – selbst die rätselhafte Andrea (Nina Schwabe) in »Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt«, die pure Gegenwart verkörpert. Vielleicht auch deswegen haben die Verantwortlichen als Spielstätte nicht mehr einen Kinosaal am seelenlosen Potsdamer Platz gewählt, sondern das 1963 gegründete »International« an der Karl-Marx-Allee im Osten der Stadt. 

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