Game of Thrones: The Red Woman (S06E01)

»Game of Thrones: The Red Woman« (2016). © HBO

»Game of Thrones: The Red Woman« (2016). © HBO

Morgengrauen in Westeros: Zielstrebig fliegt die Kamera an der Mauer entlang über die Dächer von Castle Black bis in den Innenhof der Festung. Sie findet Jon Snow, genau dort, wo wir ihn das letzte Mal gesehen haben: In einer Lache seines eigenen Blutes, tot. Davos Seaworth tritt auf. Er entdeckt die Leiche, sieht das Schild mit der Aufschrift »Verräter« , und weiß Bescheid. Für Jon ist die Geschichte vorbei, seine geht aber erst los.

Eddison Tollett: »If you were planning to see tomorrow, you picked the wrong room.«

Stimmungsvoll eröffnet »The Red Woman« die neueste Staffel »Game of Thrones«. Die Episode greift die Cliffhanger des vergangenen Finales auf. Nördlich von Winterfell sind Theon und Sansa auf der Flucht vor Ramsays Spürhunden. Der mit Myrcellas Tod besiegelte Krieg zwischen Dorne und den Lannisters fordert erste Opfer. Jenseits der Narrow Sea machen sich Tyrion und Varys ein Bild des Dilemmas, mit dem Dany sie in Meereen zurücklässt. Die Drachenkönigin wird derweil von Khal Moro in die dothrakische Steppe verschleppt. Und in Braavos setzt die erblindete Arya ihre Killerausbildung fort. »The Red Woman« reorganisiert die Figuren auf dem Spielbrett der Erzählung, schürt frische Konflikte, schmiedet neue Allianzen und zögert größere Handlungsentwicklungen auf. Die typische Exposition zu Staffelbeginn, welche erst in der zweiten Folge abgeschlossen sein wird.

Die Erwartungen für die sechste Staffel »Game of Thrones« waren groß. Immerhin ist es die erste Staffel, zu der es keine Buchvorlage gibt. Showrunner David Benioff und D.B. Weiss haben George R.R. Martin eingeholt. »The Red Woman« zeigt, dass die Serie mittlerweile sehr gut auf eigenen Beinen steht. Die erste Episode setzt auf altbewährte Erzählkonzepte und verwebt ihre Handlungsstränge zu den zentralen Themen der Serie: Macht und Vergänglichkeit.

Westeros funktioniert als durchlaufende Machtzentrifuge: Diejenigen in der Mitte werden an den Rand geschleudert und machen Platz für die Außenseiter. Zurzeit steht der Kontinent ohne seine Anführer da. Stannis ist geschlagen. Meereen hat seine Mhysa verloren. Die Nachtwache seinen Lord Commander. In King’s Landing sind die Lannisters und Tyrells durch die militante Glaubensbewegung der Sparrows geschwächt. Es ist die Zeit der Zweitplatzierten, welche die Gunst der Stunde nutzen, um nach der Macht greifen: Ser Alliser Thorne in Castle Black. Ellaria Sand in Dorne. Mit einem gezielten Schlag rammt sie Doran Martell das Messer in die Brust, während ihre Töchter Nymeria und Obara seinen Sohn Trystane brutal das Leben nehmen. Haus Martell ist nicht mehr.

Im launischen Spiel um den Eisernen Thron ist der Tod die einzige Konstante. Valar morghulis, All men must die. Nichts ist im düsteren Westeros von Dauer, schon gar nicht das Schöne. Wie unterschiedlich die Figuren in »The Red Woman« auf Tod und Sterblichkeit reagieren, zeigt sich an ihrem Umgang mit der Leiche ihrer Liebsten. Da wäre zunächst Ramsay, der den Tod seiner Jagdgespielin Myranda bedauert. Der Bastard lässt für einen Moment sentimentale, ja menschliche Züge erkennen. Doch wird dieser Moment gebrochen, als er gefragt wird, auf welche Weise Myranda beigesetzt werden soll. »Buried. Burned. This is good meat. Feed it to the hounds«, ist seine materialistische Antwort.

Für Cersei ist die unter goldenem Leichentuch heimkehrende Myrcella dagegen nur Beweis der Unausweichlichkeit ihres Schicksals. Die Prophezeiung aus dem Prolog zu »The Wars to Come« (S05E01) scheint sich zu bewahrheiten: Cersei muss ihre drei Kinder sterben sehen, ehe sie selbst einer jungen Königin weicht. Zuletzt Jon Snow. Selbst im Tod weichen ihm seine Freunde nicht von der Seite. Sie verteidigen seine Leiche, seine Ideale, und setzen dem Verrat von Alliser Thorne ein deutliches Zeichen der Treue entgegen.

Schönheit und Sterblichkeit. Die eindringlichste Szene der Folge gebührt Melisandre. Zum Ende der Episode entblößt die titelgebende rote Priesterin beim stillen Entkleiden ihr wahres Ich. Was als obligatorische HBO-Nacktszene beginnt, endet im blanken Horror: Sobald sie ihre Halskette abgelegt hat, weicht der attraktive Körper einer jungen Frau dem verkrümmten, schlaffen Leib einer zerbrechlichen Alten. Die rote Frau ist nicht wenige Jahrzehnte, sondern einige Jahrhunderte alt! Das Nebeneinander des Schönen und Monströsen, der Schaulust und des Ekels, versinnbildlicht in den zwei Körpern der roten Hexe. Verschwunden die Freude an frontal nudity. Ironisch hallt einem Khal Moros Machospruch im Kopf nach: »Seeing a beautiful woman naked for the first time, what is better than that?«

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