Für Gott und Boris Johnson

»1917« (2019). © Universal Pictures

»1917« (2019). © Universal Pictures

Unsere "steile These" des Monats  Februar

Die Engländer stecken in Frankreich im Schlamm fest, erschöpft nach Jahren zähen Grabenkriegs. »Das ist nicht mal unser Land«, sagt ein Soldat. Auf die zwei Unteroffiziere, die losgeschickt werden, um einen brandeiligen Befehl durchs Niemandsland zu schmuggeln, würde der sportlichste Brite nicht wetten. Aber einem der beiden gelingt es, 1 600 Mann aus einer deutschen Falle zu befreien. Sei kein Lappen! Get Brexit done!

Wenn Sie mich fragen, ist »1917« von Sam Mendes Tory-Kino. Und Teil eines großen nationalkonservativen Kulturprojekts. Boris Johnson konnte den Film nicht gesehen haben, als er das Machtstreben der EU mit dem von Top-Despoten wie Napoleon und Hitler verglich. Aber »Dunkirk« war schon gelaufen; der hat auch Brexit-Flair: Da zieht sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die englische Armee fluchtartig vom Kontinent zurück. Beide Filme lassen die Engländer nobel wirken. Während das in »Dunkirk« auf der historischen Ebene noch einleuchtet – Nazis! –, kann man sich bei »1917« schon fragen, wie man dem allseits imperialistischen Ersten Weltkrieg einen sinnhaften Plot mit tröstlicher Schlusswendung abringen kann. In »1917« gibt es innerhalb des englischen Lagers keinen Konflikt, der sich nicht flott lösen ließe. Und es braucht nicht mal einer eine Ertüchtigungsrede zu halten wie Heinrich V. bei Shakespeare, um den Film tief ins Reich der Nationalmythologie zu treiben: Das erledigen die prachtvolle Fotografie und die drängende Musik, komplett mit Höllenfeuer, Totensümpfen und Klagegesang im . . . Elbenwald? Die Waldszene hat mich restlos davon überzeugt, dass »1917« so was wie ein heimliches Remake des popkulturell erfolgreichsten britischen Nationalepos aller Zeiten ist: Tolkiens »Herr der Ringe«, der England als von Überfremdung – Orks, Ostlinge – bedrohte, grünliebliche Heimat gemütlicher, pfeiferauchender Normalbürger imaginiert. Die geniale Idee, das Schicksal des Landes in die Hände von zwei Hobbits zu legen, führt übrigens direkt in die französischen Gräben zurück: Mit Frodo und Sam setzte Tolkien, der an der Sommeschlacht teilgenommen hatte, dem englischen Offizier und seinem Burschen ein Denkmal.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns